24.05.2011

Sergio Allievi über Dynamo Dresden

Kirstens Nachmieter

Rückwärts in die Einbahnstraße: 1990 wechselte der westdeutsche Profi Sergio Allievi von Kaiserslautern nach Dresden. Ein Gespräch über Europapokalabende mit Dynamo, den Profi-Alltag im Osten und Telefonanschlüsse.

Interview: Johannes Ehrmann Bild: Imago
Wo haben Sie in Dresden gewohnt?

Sergio Allievi: In einem Plattenbau, in der ehemaligen Wohnung von Ulf Kirsten. Als der nach Leverkusen ging, wurde die Wohnung frei, und die habe ich übernommen.

Kirsten und Matthias Sammer waren ja gerade aus Dresden weggegangen...

Sergio Allievi: Genau, die waren beide gerade in den Westen gegangen. Das stand auch schon fest, bevor ich mich für den Wechsel entschieden habe. Ich bin zusammen mit Peter Lux nach Dresden gegangen. Wir beide waren die ersten, die aus dem Westen verpflichtet wurden. Auch Hans-Uwe Pilz und Andreas Trautmann waren ja zu Fortuna Köln gewechselt, sind dann aber in der Winterpause nach Dresden zurückgekommen. Die haben nur eine halbe Saison in Köln gespielt und erzählten mir das genaue Gegenteil von dem, was mir passiert ist. Sie wurden dort nicht anerkannt, wurden zu Einzelgängern und kamen in der Mannschaft nicht unter – und sind deswegen zurückgekommen.

Unterschied sich der Profi-Alltag in der DDR-Oberliga sehr von dem in der Bundesliga?

Sergio Allievi: Ja, auf jeden Fall. In der Bundesliga wurde sicherlich auch viel Wert auf Taktik, Spielsysteme und Standardsituationen gelegt. Unter Häfner haben wir in Dresden seinerzeit knallhart trainiert, diese Härte des Trainings war mir bis dato nicht bekannt. Morgens um acht Uhr hat sich die Mannschaft zum Frühstück getroffen haben, danach wurde trainiert, danach gab es Mittagessen – alles auf dem Gelände. Nachmittags haben wir wieder trainiert und erst nach der Pflege ging es dann nach Hause. Von acht Uhr morgens bis fünf, halb sechs abends war man nur auf dem Trainingsgelände. Zwischendurch machte man noch Mittagsschlaf, das kannte ich höchstens aus dem Trainingslager. Die Intensität und Härte war mir neu, aber letztendlich muss man sagen, dass uns das Training Recht gegeben hat. Wir sind aus der Oberliga in die erste Bundesliga aufgestiegen und haben dort dann im ersten Jahr die Klasse gehalten, obwohl alle gesagt haben, dass wir absteigen. Ein Riesenerfolg für Dynamo!

Der Ablauf war jeden Tag der gleiche?

Sergio Allievi: Ja, Montag bis Freitag. Freitag war Abschlusstraining und je nachdem, wo wir gespielt haben, sind wir dann einen Tag vorher ins Trainingslager gefahren. Selbst am Samstagmorgen vor dem Spiel haben wir noch mal trainiert. Das kannte ich bis dahin auch noch nicht. In der Bundesliga haben wir am Spieltag morgens einen Spaziergang gemacht. Obwohl in der DDR-Liga die Anstoßzeiten schon um 14 Uhr war, haben wir um 10 Uhr noch eine Trainingseinheit gemacht, eine lockere zwar, aber das war mir dennoch neu.

Haben Sie in Dresden weniger verdient als vorher in Kaiserslautern?

Sergio Allievi: Nein, Bedingung bei den Verhandlungen war, dass ich nicht weniger als in der Bundesliga verdiene.

Und wie sah das im Vergleich zu Ihren ostdeutschen Mitspielern aus?

Sergio Allievi: Das hob sich natürlich ab, keine Frage. Es gab ja auch viele junge Spieler. Klaus Sammer trainierte damals die zweite Mannschaft. Leute wie Matthias Maucksch, Sven Ratke, Uwe Jähnig und Sven Kmetsch kamen alle aus dieser Mannschaft. Die haben spätestens in meinem zweiten Jahr in Dresden dann alle in der ersten Mannschaft gespielt. Von denen erfuhr ich, dass es einen großen finanziellen Unterschied zwischen den Eigengewächsen und mir gab. Aber nochmal: Da war überhaupt kein Neid zu spüren.

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