24.05.2011

Sergio Allievi über Dynamo Dresden

Kirstens Nachmieter

Rückwärts in die Einbahnstraße: 1990 wechselte der westdeutsche Profi Sergio Allievi von Kaiserslautern nach Dresden. Ein Gespräch über Europapokalabende mit Dynamo, den Profi-Alltag im Osten und Telefonanschlüsse.

Interview: Johannes Ehrmann Bild: Imago

Sergio Allievi, Sie wechselten im Sommer 1990 von Kaiserslautern nach Dresden. Warum gingen Sie ausgerechnet in die DDR-Oberliga?

Sergio Allievi: Ich hatte eine Anfrage aus dem Ausland, von Galatasaray Istanbul, wohin ich auch gerne gewechselt wäre. Ich hatte mich auch schon mit Vertretern von Galatasaray in Frankfurt getroffen und verhandelt. Das Problem war, dass meine Frau nicht in die Türkei wollte. Auch von Aarau hatte ich ein Angebot, aber meine Frau wollte unbedingt zurück in den Westen. Als dann der Wechsel zu Bochum nicht klappte, rief mich eines Tages jemand von Dynamo Dresden an. Wir haben uns am Flughafen in Köln getroffen und dann ging alles ganz schnell.

Von Westdeutschland in die ehemalige DDR zu gehen war aber sicherlich damals ein noch größerer »Kulturschock« als ein Wechsel ins Ausland oder?

Sergio Allievi: Das war sicherlich der größte Kulturschock, das stimmt. Aber ich hatte dort eine Superzeit, die möchte ich nicht missen. Das waren zwei Jahre, die ich in meinem Leben nicht vergessen werde. Das war ganz toll, das zu erleben, vor allem die Anfangszeit nach dem Mauerfall. Auch in Bezug auf die Mannschaft war das fantastisch damals. Wir haben schließlich Bundesliga und Europapokal der Landesmeister gespielt mit Dynamo.

Was waren ihre ersten Eindrücke, als Sie in Dresden ankamen?

Sergio Allievi: Zur Vertragsunterzeichnung bin ich zum ersten Mal rübergeflogen. Die ersten drei Monate habe ich im Hotel gewohnt, bis wir eine Wohnung bekommen haben und die Familie nachkam. Die Zeit damals ist einfach unbeschreiblich, es war noch alles alt. Mein Hotel war direkt an der Frauenkirche, die Innenstadt war damals schon sehr schön. Ein paar Jahre später war ich mit Wattenscheid 09 dort noch einmal im Trainingslager, da hatte sich dann alles verändert. Dresden ist mittlerweile wunderschön geworden. Damals war aber eigentlich noch alles alt und verrottet, die Frauenkirche war noch nicht aufgebaut. Die erste Zeit gab es kaum Geschäfte, man durfte ohne Einkaufswagen überhaupt nicht in die Läden, davor waren Riesenschlagen. Das war natürlich ungewohnt. Wir hatten eine Wohnung ohne Telefonanschluss, mussten immer zur Telefonzelle laufen. Für mich war die Zeit insgesamt wohl einfacher als für meine Familie, weil meine Mitspieler mich wirklich herzlich aufgenommen haben.

Gab es im Team, in dem Sie ja der einzige Wessi waren, irgendwelche Ressentiments gegen Sie?

Sergio Allievi: Überhaupt nicht. Die Jungs sind vom ersten Tag an auf mich zugekommen, wir haben viel zusammen unternommen, sie haben mir die Stadt und die Umgebung gezeigt. Stimmen wie »Da kommt der Wessi, der nimmt uns den Platz weg« gab es absolut nicht, auch nicht von Trainer Reinhard Häfner, einem wunderbaren Menschen, und dem Stab. Es waren wirklich zwei schöne Jahre. Im zweiten Jahr war Dieter Müller unser Manager, der wollte mir direkt einen Vierjahresvertrag geben, aber da hat meine Frau gesagt, sie möchte wieder zurück in den Westen. Mein großer Sohn sollte damals gerade eingeschult werden, und alle, auch meine Mitspieler in Dresden, haben mir gesagt, ich solle ihn lieber im Westen einschulen.

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