Sergej Barbarez über Bosniens WM-Chancen

»Ich habe bitterlich geweint«

Sergej Barbarez machte 47 Länderspiele und war einer der besten bosnischen Stürmer seiner Generation – doch an einer WM nahm er nie teil. Ein Gespräch über WM-Hoffnungen, Berti Vogts und Tränen in Sarajevo.

Sergej Barbarez, Sie haben mal gesagt, dass Sie von Bosnien und Herzegowinas WM-Premiere 2018 träumen.
Stimmt. Doch soll ich jetzt enttäuscht sein, weil wir uns vier Jahre eher qualifiziert haben? Ich habe mich natürlich sehr gefreut.
 
Was macht die aktuelle bosnisch-herzegowinische Nationalelf so stark?
Die Spieler sind mittlerweile alle in ausländischen Topligen aktiv und dort zu wichtigen Akteuren geworden. Spieler wie Miralem Pjanic vom AS Rom, Lazios Senad Lulic, Edin Dzeko von Manchester City oder Asmir Begovic von Stoke City, den ich für einen der besten Keeper der Premier League halte. Sie alle haben eine gewisse Rationalität, Disziplin und westeuropäische Mentalität erlernt – also das, was vielen meiner Landsleuten in der Heimat fehlt.
 
In Bosnien-Herzegowina erwarten die Leute also den WM-Titel?
(Lacht) So weit sollten wir nicht denken. Aber es stimmt: Viele meiner Landsleute glauben, dass wir die Vorrunde schon geschafft haben. Gegen Argentinien Unentschieden und dann zwei Siege gegen Iran und Nigeria. Doch so einfach wird das ganz sicher nicht. Wir haben zweifelsohne einen tollen Kader, doch um richtig weit zu kommen, ist die Bank vermutlich zu dünn besetzt.
 
Bosnien-Herzegowina hat kaum mehr Einwohner als Berlin: 3,7 Millionen. Erstaunt es Sie nicht, wie viele gute Fußballer aus Ihrer Heimat kommen?
Wie soll man das erklären? Bei uns sagen sie ja immer: Das ist von Gott gegeben. Im Übrigen trifft das nicht nur auf Bosnien und Herzegowina zu, sondern auf die gesamte Region des ehemaligen Jugoslawiens. Wäre das Land zusammengeblieben, könnte die Nationalelf vermutlich wirklich um den Titel mitspielen. 
 
Sie standen als Spieler im Oktober 2003 kurz vor der Qualifikation für ein großes Turnier. Wieso hat es nicht gelangt?
Wir waren in der EM-Qualifikationsgruppe mit Rumänien, Norwegen und Dänemark der totale Underdog. Bei einigen Spielen wurden wir sogar ausgelacht, weil wir nicht genügend Spieler zusammen bekamen. Nach Dänemark reisten wir etwa nur mit 13 Mann, und die Gegner spotteten: »Wollt ihr Hallenfußball spielen?« Das hat uns allerdings enorm motiviert, und auf einmal standen wir, wenige Jahre nach dem Krieg, vor dem ganz großen Fußballtriumph.
 
Für die EM hätte Bosnien-Herzegowina das letzte Spiel gegen Dänemark nur gewinnen müssen.
Doch das Spiel endete 1:1. Heute denke ich manchmal, dass wir nicht zwei Stunden vor Spielbeginn aufs Feld hätten gehen sollen.
 
Warum?
Das Asim-Ferhatović-Stadion in Sarajevo war schon am frühen Nachmittag bis auf den letzten Platz gefüllt. Als ich gegen 16 Uhr, zwei Stunden vor Spielbeginn, aus den Katakomben guckte, sah ich in so viele hoffnungsvolle Gesichter. Auf den Tribünen saßen all die Menschen, die in den vergangenen Jahren so viel Leid und Elend erlebt hatten. Wir wollten unbedingt ihre Erwartungen erfüllen – und dann verkrampften wir. Es war einer der emotionalsten und tragischsten Momente meines Lebens. Ich habe nach einem Fußballspiel nie so bitterlich geweint wie an jenem Oktoberabend 2003.
Sie hätten es doch ganz einfach haben können: Berti Vogts soll Mitte der Neunziger an Ihrer Einbürgerung interessiert gewesen sein. Warum haben Sie ihn nie angerufen?
Es gab vor der WM 1998 tatsächlich diese Diskussion, und hätte ich ihn angerufen, wäre ich heute vielleicht mehrmaliger WM- und EM-Teilnehmer. So habe ich kein einziges großes internationales Turnier gespielt. Dennoch: Für mich hat sich die Frage damals nie gestellt, denn ich wollte immer für das Land spielen, in dem ich geboren wurde. Ganz egal, wie klein oder erfolglos die Nationalelf ist.
 
Für Bosnien und Herzegowina haben Sie Ihr erstes Spiel allerdings erst mit 26 gemacht. Wieso?
Ich hatte bereits 1996 und 1997 etliche Einladungen zu den WM-Qualifikationsspielen bekommen, doch ich lehnte sie alle ab, denn meine Mutter Zlata bekam damals Morddrohungen.
 
Weil sie Kroatin ist?
Sie ist gebürtige Kroatin und lebte damals im geteilten Mostar im kroatischen Teil. Ich habe immer gesagt: Erst wenn meine Mutter sicher ist, werde ich für mein Land spielen. Eines Tages schaltete sich die Politik ein und garantierte meiner Familie Schutz. Auch wenn das natürlich keine hundertprozentige Sicherheit bedeutete, gab mir diese Zusage doch eine gewisse innere Ruhe.
 
Ihre Mutter hat Bodyguards bekommen?
Mostar ist eine kleine Stadt, jeder wusste, wer meiner Mutter gedroht hat. Wenn gewisse Leute gewisse Hebel bewegen, reicht das. So habe ich am 14. Mai 1998 mein Länderspieldebüt gegeben. Wir verloren in Córdoba mit 0:5 gegen Argentinien.
 
Gegen Argentinien geht es für Bosnien und Herzegowina auch im ersten WM-Gruppenspiel. Was sollten die Spieler anders machen als Sie?
Sie sollten nicht nur nach vorne rennen. Was allerdings schwierig wird, denn unsere Elf kann eigentlich nur offensiv spielen. (Lacht)

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