Sejad Salihović über seinen linken Fuß, Putzkräfte und Hoffenheims Image-Wandel

»Und plötzlich kippte alles«

Sejad Salihović und die TSG Hoffenheim unterhalten eine sinusförmige Beziehung: Zwischen leistungsstarkem Kapitän und ausgemustertem Wechselkandidat hatte der Mittelfeldspieler jede Rolle einmal inne. Wie spricht so einer über seinen Verein?

Sejad Salihović, ein Resümee Ihrer Hoffenheim-Zeit ist nicht einfach.
Meine Zeit in Hoffenheim? Da habe ich in jedem Fall einiges miterlebt.

Alles zwischen Drittklassigkeit, Abstiegskampf, grauen Jahren im Mittelfeld und einer Herbstmeisterschaft...
Dabei war das letzte Jahr das psychisch anstrengendste von allen. Umso schöner, dass es nun wieder bergauf geht. Mit den Jahren und dem Auf und Ab bindet man sich an einen Klub. Deswegen war es auch für mich persönlich ganz wichtig, dass wir in der Liga geblieben sind.

Und das am letzten Spieltag in Dortmund! Werden Sie dieses Spiel je vergessen?
Nicht so schnell. Das war unglaublich. Wir mussten gewinnen, um in der Liga zu bleiben. Rein von den Chancen her hätten wir mit 0:5 hinten liegen müssen – und plötzlich kippte alles zu unseren Gunsten.

Dank zweier Tore von Ihnen. Mit Ihrem linken Fuß, mit dem Sie »ein Wildschwein erlegen könnten« wie die »Süddeutsche Zeitung« einmal schrieb.
In der Hinsicht hatte ich von klein auf eine bestimmte Grundtechnik und -begabung, aber es steckt sehr viel Arbeit drin. Nur mit unablässigem Training kommen die Standards irgendwann härter und präziser. Da muss man dran bleiben. Auch wenn man 28 Jahre alt ist.

Ein Ehrgeiz, der sich ausgezahlt hat. In Berlin wurde Marcelinho Ihretwegen sogar das Monopol auf die Ausführung von Standard-Situationen entzogen.
Der damalige Hertha-Trainer Falko Götz meinte bei meinen Einwechslungen, dass ich mir den Ball mal schnappen soll. Aber Marcelinho ablösen? Davon konnte ich nur träumen. Über seine Klasse brauchen wir nicht zu reden.

Dann zurück zu Ihnen. »Wir waren viel in Discos, ernährten uns von Döner und Curry-Wurst und kamen unausgeruht zum Training«, sagten Sie nach dem Abschied von Hertha. Hatte sich Berlin als gefährliches Pflaster für Jungprofis bestätigt?
Berlin ist eine wahnsinnig große Stadt, es herrscht viel Trubel. Ich habe mich als junger Spieler nicht auf den Fußball konzentrieren können und habe wenig gespielt. Diesem Trott rechtzeitig zu entkommen, war entscheidend für mich und meine Laufbahn. So ist der Wechsel nach Hoffenheim zum wichtigsten Schritt in meinem Leben geworden.

Haben Sie sich damals bewusst für den »Dorfklub« entschieden?
Ja. Wobei es anfangs nicht leicht war. Erst Berlin, dann Hoffenheim: Das war ein kleiner Kulturschock. Aber Ralf Rangnick (TSG-Trainer von 2006 bis 2011, d. Red.) hatte mir vor meiner Unterschrift die sportlichen und infrastrukturellen Pläne vorgestellt. Er wollte mich für sein Projekt »Bundesliga-Aufstieg« unbedingt haben. Abgesehen davon, dass Rangnick selbst ein großer Name war, wusste ich also genau, was der Verein plant. Mit diesem guten Gefühl habe ich mich über Nacht entschieden, den Schritt zu wagen. Zum Glück.

Nach Ihrer Vertragsverlängerung 2008 lobten Sie, dass in Hoffenheim »alle Leute, von der Putzfrau bis hin zum Manager, absolute Spitzenklasse« seien. Wie beurteilen Sie die Putzkräfte heute?
(lacht) Immer noch Spitzenklasse. So wie ich das beurteilen kann, machen hier alle einen guten Job. Die Leute leben für die TSG. Und genau das ist wichtig für einen Verein, der so schnell den Weg nach ganz oben genommen hat.

Nach der Ära Rangnick vor zwei Jahren wurde es allerdings ungemütlich. Zudem hat die TSG die Zuneigung Fußball-Deutschlands nicht gepachtet.
Als Spieler nimmt man das nicht so wahr. Aber gerade von Seiten der deutschen Fans haben uns letzte Saison viele den Abstieg gegönnt. Das steht jedem zu. Was Dietmar Hopp (Mäzen der TSG Hoffenheim, d. Red.) teilweise ertragen muss, geht aber gar nicht. Das hat mit Fußball nichts zu tun. Wie viel er dieser Region gegeben hat, vergessen viele.

Seit 2011 hatten Sie sechs Trainer. Warum schlugen die Engagements wie das von Markus Babbel, der noch forsch von der Europa League sprach, fehl?
Durch die vielen Trainerwechsel kam eine enorme Unruhe rein. Und bei einem Klub mit so wenig Bundesliga-Erfahrung wie der TSG hätte man solche Ziele wohl nicht ausrufen dürfen. Unsere Marschrichtung muss die der »kleinen Schritte« sein. Gerade wir als TSG Hoffenheim müssen von Spiel zu Spiel denken, um uns weiter in der Bundesliga zu etablieren. Das passt mit der Verpflichtung von Markus Gisdol zusammen.

Ist er eine Art »Rangnick 2.0«?
Er hat schon zu Ralf Rangnicks Zeiten hier als Co-Trainer gearbeitet. Markus Gisdol hat eine sehr ähnliche Philosophie vom Fußball. Und die gleiche Art, diese Gedanken zu vermitteln. Rangnick und Gisdol können Klartext sprechen, wenn es sein muss. Und beide haben ein Gespür für den Umgang mit jungen Spielern.

Wie Süle, Akpoguma, Szarka, Toljan oder Strobl. Er bindet in scheinbar blindem Vertrauen Talente ein. Der 21-jährige Yannik Vestergaard ist sogar Vize-Kapitän.
Was man nicht vergessen darf: Die Jungs sind nicht nur sehr jung, sondern auch nette Typen und vor allem gute Spieler, die richtig Gas geben. Nur wenn man denen das Vertrauen gibt und sie spielen lässt, entwickeln sie sich weiter. In den letzten Jahren waren die Nachwuchskräfte aufgrund der vielen Neuzugänge ein bisschen außen vor. Aber Hoffenheim hat eine hervorragende Jugendarbeit und muss deswegen auf den eigenen Nachwuchs setzen. Auch das hat Markus Gisdol sofort erkannt.

Sie sind mit 28 Jahren der drittälteste Feldspieler. Gibt es Barrieren im Umgang mit zehn Jahre jüngeren Kollegen?
Wir sind alle Fußballer, da spielt das Alter eine untergeordnete Rolle. Ich möchte den Jungs helfen, indem ich mögliche Wege aufzeige und ihnen ehrlich sage, was wichtig ist – und was nicht. Denn ich habe das in Berlin erlebt: Ohne Bodenhaftung und Ehrlichkeit geht es nicht. (Pause) Na gut, Spaß gehört natürlich auch dazu.

Nicht nur für Talente, auch für torreiche Partien dürfen wir der TSG bisher danken. In Ihren sechs Ligaspielen sind ganze 30 Tore gefallen. Ist Ihnen diese Torflut eigentlich Recht?
Viele Tore sind immer schön. Aber freuen können wir uns darüber nicht wirklich. Offensiv sind wir sehr stark, machen aber nach hinten noch zu viele individuelle Fehler. Statt eines 1:0 würde ich mich aber immer für ein 4:3 entscheiden.

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