16.06.2010

Sedick Isaacs über Robben Island

»Fußball machte mich frei«

13 Jahre lang saß Sedick Isaacs auf der berüchtigten Gefängnis-Insel Robben Island ein. Gemeinsam mit seinen Leidensgenossen gründete er eine eigene Fußball-Liga. Wir sprachen mit ihm über Hoffnungen und Holzfüße.

Interview: Ralf Hermann Bild: Imago
Mit 23 Jahren kam der Mathematiklehrer Sedick Isaacs als politischer Häftling nach Robben Island. Er gehörte zu einer Gruppe von Gefangenen, die in zähen Verhandlungen mit der Gefängnisverwaltung Fußballspiele auf der Insel durchsetzte. Streng nach FIFA-Statuten bauten die Häftlinge den Makana Fußballverband und eine dreigleisige Liga auf. Nach seiner Freilassung promovierte Isaaks mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes an der Universität Kapstadt. Jüngst war er als Referent zu einer Vorlesungsveranstaltung des DAAD zu „Fußball und Geschichte in Südafrika“ eingeladen. Wir sprachen mit ihm über Fußball im Widerstand gegen die Apartheid, das neue Südafrika und seine Erwartungen an die WM im eigenen Land.



Sedick Isaacs, Sie haben 13 Jahre auf Robben Island verbracht. Verlorene Jahre?

Nein. Für mich waren es Jahre des Wachsens und der Entwicklung. Ich habe dort viel gelernt. Zum Beispiel, Musik zu verstehen und zu schätzen – von Mozart und westlicher Musik bis zu indischer Musik. Ich habe mein Interesse in Physik und Mathematik vertieft, aber auch ein Interesse für Wirtschaftsstudien, Soziologie und Psychologie entwickelt. Vor allem Psychologie: ich habe einen Abschluss gemacht und begann zu praktizieren und meine Mitgefangenen zu behandeln. Ich hatte immer die Idee, Projekte zu verfolgen. Ich studierte Weiße, die seekrank wurden. Aber auch meine Mitgefangenen habe ich als Forschungsgegenstände gesehen und studierte ihre körperliche Fitness, und wie eigentlich Fitness zustandekommt. Ich habe eine Reihe von Hypothesen an ihnen erprobt. Mein erstes Mathematiklehrbuch schrieb ich in Einzelhaft auf Toilettenpapier. Also, für mich war es eine Zeit von enormer Bereicherung. Allerdings neigt der menschliche Geist auch dazu, Unannehmlichkeiten zu verdrängen, und das mache ich wohl gerade.

Sie brauchten drei Jahre, um der Gefängnisbehörde ihr »Recht, Fußball zu spielen« abzuringen. Warum dauert das so lange?

Wir wurden als Feinde betrachtet. Es hieß: »Was glaubt ihr, wo ihr seid? Im Fünf-Sterne-Hotel? Ihr kämpft gegen die Regierung, also erwartet nichts von ihr.« Ein Recht, Fußball zu spielen, gab es für sie nicht. Für den Sinneswandel gab es wohl zwei Gründe: Erstens, einen etwas aufgeklärteren und menschlicheren Gefängniskommandeur, zweitens Besuche des Internationalen Roten Kreuzes, das neben den Problemen der Zellen und des Essens auch die Sportfrage ansprach.

Sie haben die Makana Football Association mit verblüffender Präzision und Strukturiertheit, fast Pedanterie aufgebaut.

Dieses Bestehen auf Strukturen war sehr wichtig. Wir lebten in einer unnatürlichen und belastenden Umgebung und kamen aus der Protestpolitik. Daher mussten wir alles buchgetreu machen. Für Fußball war das einfach, da ich ein Büchlein mit dem FIFA-Regelwerk fand, das wir exakt umsetzten.

Sie selbst waren kein besonders guter Fußballer. Warum haben Sie sich trotzdem so sehr für das Spiel engagiert?

Zunächst wegen unserer Idee, dass wir hier alles gemeinsam machen: Wir beziehen jeden in alles ein, was wir hier tun. Also muss ich auch beim Fußball mitmachen. Aber als ich zum ersten Mal auflief, mit Zuschauern an der Seite, und zum ersten Mal gegen einen Ball trat, war das eine absolut aufheiternde Erfahrung. Es machte meinen Geist frei, und das war es, was mich am Fußball und auch anderen Spielsportarten anzog.

War das purer Spaß oder auch eine Überlebensstrategie?

Es wurde zu einer Überlebensstrategie, aber zu einer unbewussten. Die Art Überlebensstrategie, die Leute als natürlichen Reflex unter derart widrigen Umständen entwickeln.

Wieviele Häftlinge waren an den Fußballspielen beteiligt?

Wir spielten in drei Ligen. Alle 1500 Gefangenen waren beteiligt. Zwei oder drei Männer konnten aufgrund körperlicher Behinderungen nicht selbst spielen. Es gab aber auch einen Mann von 75 Jahren, der mitspielte, fit wurde und den das Spiel absolut begeisterte. Er spielte wie ich in der Dritten Liga. Er kam vom Lande, und bald begeisterte er sich auch dafür, lesen und schreiben zu lernen.

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