Sedick Isaacs über Robben Island

»Fußball machte mich frei«

13 Jahre lang saß Sedick Isaacs auf der berüchtigten Gefängnis-Insel Robben Island ein. Gemeinsam mit seinen Leidensgenossen gründete er eine eigene Fußball-Liga. Wir sprachen mit ihm über Hoffnungen und Holzfüße. Sedick Isaacs über Robben Island

Mit 23 Jahren kam der Mathematiklehrer Sedick Isaacs als politischer Häftling nach Robben Island. Er gehörte zu einer Gruppe von Gefangenen, die in zähen Verhandlungen mit der Gefängnisverwaltung Fußballspiele auf der Insel durchsetzte. Streng nach FIFA-Statuten bauten die Häftlinge den Makana Fußballverband und eine dreigleisige Liga auf. Nach seiner Freilassung promovierte Isaaks mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes an der Universität Kapstadt. Jüngst war er als Referent zu einer Vorlesungsveranstaltung des DAAD zu „Fußball und Geschichte in Südafrika“ eingeladen. Wir sprachen mit ihm über Fußball im Widerstand gegen die Apartheid, das neue Südafrika und seine Erwartungen an die WM im eigenen Land.

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Sedick Isaacs, Sie haben 13 Jahre auf Robben Island verbracht. Verlorene Jahre?

Nein. Für mich waren es Jahre des Wachsens und der Entwicklung. Ich habe dort viel gelernt. Zum Beispiel, Musik zu verstehen und zu schätzen – von Mozart und westlicher Musik bis zu indischer Musik. Ich habe mein Interesse in Physik und Mathematik vertieft, aber auch ein Interesse für Wirtschaftsstudien, Soziologie und Psychologie entwickelt. Vor allem Psychologie: ich habe einen Abschluss gemacht und begann zu praktizieren und meine Mitgefangenen zu behandeln. Ich hatte immer die Idee, Projekte zu verfolgen. Ich studierte Weiße, die seekrank wurden. Aber auch meine Mitgefangenen habe ich als Forschungsgegenstände gesehen und studierte ihre körperliche Fitness, und wie eigentlich Fitness zustandekommt. Ich habe eine Reihe von Hypothesen an ihnen erprobt. Mein erstes Mathematiklehrbuch schrieb ich in Einzelhaft auf Toilettenpapier. Also, für mich war es eine Zeit von enormer Bereicherung. Allerdings neigt der menschliche Geist auch dazu, Unannehmlichkeiten zu verdrängen, und das mache ich wohl gerade.

Sie brauchten drei Jahre, um der Gefängnisbehörde ihr »Recht, Fußball zu spielen« abzuringen. Warum dauert das so lange?

Wir wurden als Feinde betrachtet. Es hieß: »Was glaubt ihr, wo ihr seid? Im Fünf-Sterne-Hotel? Ihr kämpft gegen die Regierung, also erwartet nichts von ihr.« Ein Recht, Fußball zu spielen, gab es für sie nicht. Für den Sinneswandel gab es wohl zwei Gründe: Erstens, einen etwas aufgeklärteren und menschlicheren Gefängniskommandeur, zweitens Besuche des Internationalen Roten Kreuzes, das neben den Problemen der Zellen und des Essens auch die Sportfrage ansprach.

Sie haben die Makana Football Association mit verblüffender Präzision und Strukturiertheit, fast Pedanterie aufgebaut.

Dieses Bestehen auf Strukturen war sehr wichtig. Wir lebten in einer unnatürlichen und belastenden Umgebung und kamen aus der Protestpolitik. Daher mussten wir alles buchgetreu machen. Für Fußball war das einfach, da ich ein Büchlein mit dem FIFA-Regelwerk fand, das wir exakt umsetzten.

Sie selbst waren kein besonders guter Fußballer. Warum haben Sie sich trotzdem so sehr für das Spiel engagiert?

Zunächst wegen unserer Idee, dass wir hier alles gemeinsam machen: Wir beziehen jeden in alles ein, was wir hier tun. Also muss ich auch beim Fußball mitmachen. Aber als ich zum ersten Mal auflief, mit Zuschauern an der Seite, und zum ersten Mal gegen einen Ball trat, war das eine absolut aufheiternde Erfahrung. Es machte meinen Geist frei, und das war es, was mich am Fußball und auch anderen Spielsportarten anzog.

War das purer Spaß oder auch eine Überlebensstrategie?

Es wurde zu einer Überlebensstrategie, aber zu einer unbewussten. Die Art Überlebensstrategie, die Leute als natürlichen Reflex unter derart widrigen Umständen entwickeln.

Wieviele Häftlinge waren an den Fußballspielen beteiligt?

Wir spielten in drei Ligen. Alle 1500 Gefangenen waren beteiligt. Zwei oder drei Männer konnten aufgrund körperlicher Behinderungen nicht selbst spielen. Es gab aber auch einen Mann von 75 Jahren, der mitspielte, fit wurde und den das Spiel absolut begeisterte. Er spielte wie ich in der Dritten Liga. Er kam vom Lande, und bald begeisterte er sich auch dafür, lesen und schreiben zu lernen.


Nach Ihrer Freilassung haben Sie einen Doktorgrad in Epidemiologischer Modellierung erworben. Hatten Sie genaue Pläne für den Tag der Freilassung?

Ja, ich wollte eigentlich das Land verlassen und zur Exilgruppe hinzustoßen. Ich habe mich wohl fünfmal um einen Pass beworben. Irgendwann versuchte sogar der deutsche Botschafter, die Behörden dazu zu überreden, mir einen Pass auszustellen, doch auch er hatte keinen Erfolg.

Seit 16 Jahren ist Südafrika eine Demokratie. Wie sehen Sie das Projekt »Regenbogennation« heute?

Ich glaube, wir haben noch einen langen Weg vor uns. Der Traum, Stimmen zu gewinnen und den politischen Willen im Parlament geltend zu machen, ist nur der halbe Weg. Der andere Teil ist, zum Beispiel sehr ernsthaft das Thema Armut zu betrachten. Es besorgt mich, dass in den letzten 16 Jahren des Wohlstands der GINI-Koeffizient (der die Schere zwischen arm und reich misst, d. Red.) noch größer geworden ist. Ich kann nach wie vor nicht verstehen, wie gewiefte Politiker ins Parlament kamen und in so viele zwielichtige Angelegenheiten geraten sind.

Was sind Ihre Hoffnungen und Erwartungen für die Weltmeisterschaft?

Es ist sehr spannend, die WM hier zu haben, die Nationen der Welt willkommen zu heißen und für uns Südafrikaner dabei zu sein. Allerdings war ich die ganze Zeit besorgt wegen der Kosten: Können wir uns das leisten? Es gibt Prognosen, nach denen wir auf Schulden sitzen bleiben werden. Und wenn man Geld ausgibt, fragt man sich, ob es das auch wert ist. 

Erwarten Sie auch positive Ergebnisse vom Turnier?

Ja. Ich wünsche mir, dass die Südafrikaner sich selbst besser sehen, als sie es bis jetzt tun. Ich meine damit nicht, dass sie bessere Fußballspieler werden. Aber unser Publikum muss darauf vorbereitet sein, was es im Fußball zu beobachten gibt und was Freude bereitet. Ich habe unsere Spieler gesehen, und auch wenn sie große Mühe haben Tore zu erzielen, kann man sehen, wie sie durchdachte Spielzüge konstruieren. Ich weiß, dass sie das können, und danach sollten wir schauen, wenn wir Spiele der südafrikanischen Mannschaft besuchen.

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