Sechs HSV-Legenden erinnern sich an die goldene Ära

»Wir haben die Scheiße durchgezogen«

In Hamburg geht's mal wieder zu wie in einer RTL-Vorabendserie. Zeit für einen Rückblick auf bessere Zeiten, als der HSV sogar den FC Bayern regelmäßig besiegte.

imago
Heft: #
138

Horst Hrubesch, Jürgen Milewski, Holger Hieronymus, Manfred Kaltz, Ditmar Jakobs und Bernd Wehmeyer – sechs Namen, die für die goldene Ära des HSV stehen. Im Juni 2013 versammelten wir sie im Restaurant »Die Raute« im Hamburger Volksparkstadion, um mit ihnen über das 50-jährige Bundesliga-Jubiläum, Ernst Happel und Siege gegen Bayern oder Turin zu sprechen. Das Interview erschien erstmals in 11FREUNDE #138.

Sehr geehrte Herren, Ihre Lehrmeister waren zwei der bedeutendsten Trainer der Bundesligageschichte: Ernst Happel und Branko Zebec. Wären die beiden heute noch als Erstligatrainer denkbar?

Holger Hieronymus: Das habe ich mich oft gefragt. Mit Ernst würde es wohl besser funktionieren als mit Branko.
Horst Hrubesch: Ernst hätte heute keine Probleme.

Er müsste allerdings das Rauchen einstellen.
Jürgen Milewski: Die Spieler allerdings auch.

Sie haben geraucht?
Milewski: Und wie. Ich erinnere mich an ein Spiel auf Schalke. Als wir dort aus dem Bus stiegen, haben uns die Leute gefragt, ob es im Innern des Bus gebrannt habe. Vorne saß der Alte und hat Kette gequalmt, hinten auf der Rückbank saßen die Kartenspieler und standen ihm in nichts nach. (Pause)
Manfred Kaltz: So, um was geht’s denn hier eigentlich?

Wir wollen mit Ihnen über das Jubiläum »50 Jahre Bundesliga« sprechen. Zum Beispiel über Ihre Erinnerungen an die Anfangszeit, an Timo Konietzkas Premierentor.
Kaltz: Erinnerungen? Ich habe damals kaum was mitbekommen. Als die Bundesliga losging, war ich zehn Jahre alt, der nächste große Klub, der 1. FC Kaiserslautern, war gefühlt eine halbe Weltreise entfernt, und Fernseher gab’s auch nicht.  
Milewski: Ach, Manni, natürlich gab’s Fernseher.
Kaltz: Du wieder. Wir hatten jedenfalls keinen zu Hause. Irgendwo bei uns in der Straße gab’s einen. Aber gesehen habe ich nichts. Die Geschichten aus den frühen Bundesligatagen kenne ich nur vom Hörensagen.

Anstatt Fans zu sein, haben Sie also lieber selbst auf der Straße gespielt?
Hrubesch: Von morgens bis abends.

Hatten Sie keine Idole, so wie die Kinder heute?
Hrubesch: Auf dem Bolzplatz wollte ich immer Uwe Seeler sein. Konkrete Bilder, etwa aus dem Stadion oder dem Fernsehen, hatte ich dabei nicht. Ich kannte ihn aus dem Radio.
Bernd Wehmeyer: Ich wollte Stan Libuda sein.
Hrubesch: Hat aber nicht geklappt. (lacht)
Wehmeyer: Wie auch immer: Libuda hatte ich in der Glückauf-Kampfbahn gesehen, als die deutsche Nationalmannschaft dort gegen ein Team spielte, das sich aus Akteuren von Westfalia Herne und Schalke 04 zusammensetzte. Ein Flutlichtspiel unter der Woche. Ich saß bei meinem Vater auf den Schultern.

Wie war es bei Ihnen, Holger Hieronymus?
Hieronymus: Ich merke gerade, dass ich hier altersmäßig ein bisschen aus dem Rahmen falle – ich war beim Bundesligastart erst vier Jahre alt.
Ditmar Jakobs: Da haben Sie den Falschen eingeladen.
Hieronymus: Ein bisschen Esprit unter diesen alten Männern kann aber nicht schaden. (lacht) In meiner Jugend waren Fernseher Standard, wir hatten sogar einen Farbfernseher. Die erfolgreiche Zeit der Bayern und die WM 1974 – das sind meine ersten Erinnerungen.

Träumten Sie in Ihrer Jugend davon, Profi zu werden?
Hrubesch: In den ersten fünf Jugendspielen habe ich 25 Tore gemacht. Heute würde man sagen: Der wird mal Profi. Aber darüber haben wir nicht nachgedacht, wir haben einfach immer weiter gespielt, jeden Tag, Bolzplatz, Pausenhof, Training im Klub, bis in den Abend. Kurzum: Es gab keinen Generalplan – und trotzdem fragten irgendwann die größeren Vereine an.

»Um was geht es hier eigentlich?« – Begegung mit Kaltz, Hrubesch und Co. >>

Was wussten Sie über die Klubs, zu denen Sie später wechselten?  
Jakobs: Das waren große Unbekannte. Ich habe meinen ersten Vertrag bei Rot-Weiß Oberhausen unterschrieben, ohne dass ich die erste Mannschaft je hatte spielen sehen.

Bis auf Sie, Holger Hieronymus, ist niemand in dieser Runde in Hamburg aufgewachsen. War der HSV ein Verein, den Nachwuchstalente deutschlandweit in den Siebzigern bewunderten?
Kaltz: Ich kannte Uwe Seeler, das war’s. Dass ich beim HSV gelandet bin, war reiner Zufall. Mein damaliger A-Jugend-Betreuer, Gerhard Heid vom TuS Altrip, begann im Sommer 1970 als eine Art Scout beim HSV – und nahm mich kurzerhand aus der Pfalz mit nach Hamburg. Damals war ich 17, und eigentlich wäre der logische Schritt ein Wechsel zum 1. FC Kaiserslautern gewesen.
Jakobs: Man kann sagen, mit Manni fing alles an. Seine erste Generation setzte das Fundament für die Erfolge unter Zebec und Happel.

Vorher gab es kaum Nicht-Hamburger beim HSV.
Kaltz: Richtig, Heid und ich lockten erstmals auch Auswärtige nach Hamburg: Caspar Memering aus Bremen, Georg Volkert aus Nürnberg oder Rudi Kargus von Wormatia Worms.

Es gab also Scouting in den frühen Siebzigern?
Kaltz: Klar.

Es heißt, Günter Netzer habe Sie, Horst Hrubesch, nie spielen sehen. Ihm reichte die Statistik: 46 Tore in Ihrer letzten Zweitligasaison mit Rot-Weiss Essen.
Hrubesch: Da war er schlecht informiert. Es waren nur 42.

Er hat Sie also wirklich nie beobachtet?
Hrubesch: Ja, und? Er hat doch alles richtig gemacht.
Wehmeyer: Zahlen lügen eben nicht.
Hrubesch: Stell dir vor, was aus ihm geworden wäre, wenn er mich nicht bekommen hätte? Im Ernst: Scouting war damals natürlich nicht so professionell wie heute...
Jakobs: ...erinnere dich nur an meine Verpflichtung.
Hrubesch: Eines Tages fragte Netzer: »Wir brauchen einen Abwehrspieler! Kennst du einen?« Ich sagte: »Hol den Jakobs aus Duisburg!« Er war außer sich. »Bist du irre? Gegen den hast du in den letzten zwei Spielen fünf Tore gemacht.«

Er hat es sich trotzdem überlegt.
Hrubesch: Und? Alles richtig gemacht.
Milewski: Aber irgendjemand muss euch doch vorher mal im Spiel gesehen haben. Ihr wart teilweise richtig teuer.
Jakobs: Ich war der erste HSV-Spieler, der eine Million Mark gekostet hat.
Hrubesch: Moment. Für meine Wenigkeit hat der Netzer 1,65 Millionen bezahlt. 

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!