02.11.2013

Sebastian Langkamp im Interview

»Sambatänzer werde ich nicht mehr«

Vor dem Spiel gegen Schalke sprachen wir mit Herthas Innenverteidiger Sebastian Langkamp über die Lust am Verteidigen, seine Körperhaltung und eine Fehleinschätzung von Hermann Gerland.

Interview: Dominik Bardow und Stefan Hermanns Bild: Imago

Herr Langkamp, kann man auch mit gebrochenem Mittelfinger anständig verteidigen?
Natürlich, das ist überhaupt kein Handicap. Ich muss ein paar Wochen eine Schiene tragen, und am Spieltag wird der verletzte Finger mit einem anderen zusammengetaped. Das ist Pipifax.

Wir möchten mit Ihnen übers Verteidigen sprechen. Als geborener Verteidiger …
Moment! Eigentlich bin ich offensiver Mittelfeldspieler. Erst in der B-Jugend bei Preußen Münster hat der Trainer mich zurückgezogen und irgendwann gesagt: »Du spielst jetzt Libero. Ich sehe da sehr viel Potenzial bei dir.« Vielleicht lag es auch daran, dass ich offensiv nicht ganz so von Nutzen war (lacht).

Das Spiel hat sich seitdem stark verändert. Welche Folgen hat das für Sie als Verteidiger?
Die Top-Mannschaften sind heute sehr variabel. Gegen Borussia Mönchengladbach war es wirklich schwierig, weil Gladbach ohne echten Stürmer gespielt hat. Da ist immer die Frage: Wann schieben wir mit dem falschen Neuner raus, wann bleiben wir in unserem Raum, damit der Platz hinter uns nicht zu groß wird?

Joachim Löw hat schon gemutmaßt, dass man demnächst vielleicht Verteidiger brauche, die nur 1,70 Meter groß sind. Machen Sie sich Sorgen? Sie sind 1,91.
Das kann irgendwann wirklich so sein. Das beste Beispiel ist doch Fabian Lustenberger. Der ist auch kein typischer Abwehrspieler, der hinten alle Bälle wegköpft. Seine Stärke ist das vorausschauende Spiel. Aber es gibt eben auch Situationen, wo du den Zweikampf nicht nur vorhersehen kannst, sondern deinen Körper robust einsetzen musst. Ganz aussterben wird das nie. Mario Mandzukic hat am Wochenende leider gezeigt, dass auch ein klassischer Neuner noch brauchbar ist.

Gibt es so etwas wie Lust am Verteidigen?
Absolut. Ich glaube, man sieht bei uns auch, dass wir alle Lust am Verteidigen verspüren. Das ist bemerkenswert, mit welcher Laune alle gegen den Ball arbeiten. Für mich als Abwehrspieler ist es sowieso ein schöneres Gefühl, einen Zweikampf zu gewinnen, als ein Tor zu schießen.

Lässt diese Lust nie nach?
Verteidigen ist vor allem eine mentale Frage. Das habe ich vorige Woche gegen die Bayern wieder gemerkt. Die versuchen ganz bewusst, dich müde zu spielen. Du musst dauernd hinter dem Ball herlaufen, und irgendwann sagt dein Kopf: »Och nee, nicht schon wieder auf die andere Seite rüberschieben!« Wenn du einen Schritt weniger machst, ist das nur menschlich. Aber das ist die Kunst: mental immer auf der Höhe zu bleiben.

Sie verteidigen eher vorausschauend, um Zweikämpfe zu vermeiden. Nehmen Sie sich damit nicht selbst ein bisschen den Spaß am Verteidigen?
Für mich ist es auch eine Art Zweikampfführung – wenn du einen Schritt eher am Ball bist als dein Gegner.

Das heißt, Sie gewinnen Zweikämpfe, auch wenn kein Gegenspieler in der Nähe ist?
Genau. Generell hat es die offensive Mannschaft leichter. Sie hat Spielzüge und Laufwege einstudiert. Wenn ich das unterbrechen kann, zeugt das davon, dass man sich ein bisschen in den Gegner hineinversetzen kann und ihn entschlüsselt hat.

Wissen Sie, wie viele echte Zweikämpfe Sie pro Spiel bestreiten?
Nein, aber vom Gefühl her sind es weniger geworden, vor allem im Vergleich zu meiner Zeit in Augsburg. Da hatten wir viel mehr Eins-gegen-eins-Situationen zu bewältigen, weil wir mannschaftstaktisch nicht so weit waren wie jetzt mit Hertha.

Dieses vorausschauende Spiel – kann man das lernen?
Ich glaube schon. Kurt Niedermayer, mein Trainer in der U 19 bei den Bayern, hat jedenfalls sehr viel Wert auf Antizipation gelegt. Er hat damals schon gesagt: »Die Grätsche ist die allerletzte Option, die du als Verteidiger wählen solltest.«

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