17.01.2012

Sebastian Deisler im Interview

»Ich führte Krieg gegen mich«

Sebastian Deisler galt als das deutsche Mega-Talent. Sein Weg führte über Gladbach und Berlin zum FC Bayern – bis er ausstieg. »Der Fußball, der mir fehlt«, sagt er nun, »ist ein anderer als der, den ich verließ.«

Interview: Michael Rosentritt Bild: imago
Sebastian Deisler im Interview

Sie waren mittlerweile beim FC Bayern.

Sebastian Deisler: Ja, ich glaubte, im Kreise vieler Stars untertauchen zu können. Aber eigentlich kam ich schon verletzt nach München. Mein Knie war kaputt und auch mein Kopf. Später ließ ich, wie bekannt ist, meine Depressionen behandeln. Kein einfacher Schritt. Aber gut, ich schaffte wieder den Anschluss. Ich wollte es noch einmal versuchen. Dabei hatte ich mich längst übernommen. Mein Gott, ich hatte utopische Träume. Ich wollte beim FC Bayern in die Mitte des Spiels kommen, um einen neuen Geist hereinzubringen, mehr Freude am Spiel, mehr miteinander und nicht dieses Egobetonte.

War es nicht naiv, zu glauben, ein Spieler wie Sie könnte den FC Bayern ändern?

Sebastian Deisler: Bei Hertha und in der Nationalmannschaft war ich in der Mitte. Dort konnte ich führen, eine Richtung vorgeben. Als zentraler Spieler hat man die Stellung, die man dazu benötigt. Mir ging es darum, andere neben mir gut aussehen zu lassen. Der Nebenmann merkt, oh, da kommt was Positives rüber, dann gebe ich zurück. Aber ich hatte nicht mehr die Position dafür, nicht mehr die Voraussetzungen und am Ende auch nicht mehr die Kraft.

Sie resignierten?

Sebastian Deisler: Mir fehlte von Anfang an ein festeres, ein stärkeres Fundament. Ich habe mit 15 alles auf die Karte Fußball gesetzt, habe viel zu früh mein Elternhaus verlassen. Ich hatte damals schon Probleme. Mein Talent im Fußball wurde zu meinem Schutz. Auch im Fußballgeschäft gibt es Leute, denen es um etwas anderes geht. Roque Santa Cruz beispielsweise habe ich wegen seines Fundaments beneidet. Ich habe versucht, mich freizuschwimmen. 2002 habe ich dann meine Lebenspartnerin kennengelernt. Bei ihr habe ich Halt gefunden. Wir bekamen einen Sohn, der ist jetzt dreieinhalb. Sie gaben mir die Kraft, vielleicht doch den Traum zu verwirklichen: Fußball zu spielen und trotzdem eine eigene Welt zu haben. Ich habe an Roque so bewundert, dass er so eingebettet ist in einer großen Familie. Er trägt sein Herz offen, ich habe meins zugemacht.

Weswegen nur?

Sebastian Deisler: Ich wollte nicht mehr verletzt werden wie damals mit 15. Ich habe versucht, in diesem Geschäft zu überleben. Dabei bin ich so weit übers Ziel hinausgeschossen. Ich hätte eher auf meinen Körper hören sollen. Ich habe versucht, vieles zu verstecken.

Und Sie gaben den Kampf um Ihren Traum auf?

Sebastian Deisler: Ich habe lange probiert, so zu sein wie viele der Fußballer. Oliver Kahn hat mal gesagt: Man stumpft ab in diesem Geschäft. Das ist auch so. Ich kann das aber nicht. Ich lebe als Fußballer und Mensch von meiner Intuition, von meinem Gefühl. Ich hatte auf dem Feld nicht diesen einen festen Plan, ich habe gesehen, wo die Stärken und Schwächen meiner Mitspieler waren, ich habe gesehen, welchen Ball, welchen Pass wer braucht. Verstehen Sie, was ich meine? Das ist meine Intuition, meine Kreativität, das ist meine Fantasie. Das ist es, warum ich so gut Fußball gespielt habe in meiner guten Zeit.

Sie hatten Angst davor, abzustumpfen und Ihr Fußballspiel zu verlieren?

Sebastian Deisler: Am Ende habe ich versucht, mit dem Gedanken zurechtzukommen, nur noch auf der rechten Seite zu spielen. Aber dieser Spieler war ich nie. Einen Meter neben der Außenlinie habe ich mich eingeengt gefühlt. Ich habe mich mit dieser Begrenzung nicht abfinden können, war aber andererseits froh darüber, überhaupt weiterspielen zu können mit meinem Knie. Ich hatte am Ende keine Kraft mehr, ich war müde. Deswegen musste ich Schluss machen.

Haben Sie ihre Entscheidung bereut?

Sebastian Deisler: Oh nein. Anfangs kamen viele Dinge hoch. Ich denke heute schon etwas anders darüber. Ich bin kein Mitläufertyp, dafür war ich auch zu gut. Aber ich bin auch kein Effenberg. Ich habe lange versucht, im Fußball zu überleben, wollte hart und kühl sein. Aber so bin ich nicht. Ich habe mich selbst verletzt. Ich hätte früher versuchen sollen, mich zu öffnen. Aber ich hatte Angst davor.

Sie wollten nicht, dass es heißt: Sie sind zu schwach?

Sebastian Deisler: Das bin ich nicht, glauben Sie mir. Vielleicht gelte ich jetzt als zu weich für dieses Geschäft, aber ich habe etwas getragen und ausgehalten, was nicht jeder in diesem Geschäft erleben muss. Stellen Sie sich mal damals die Schlagzeile vor: Der Retter des deutschen Fußballs muss gerettet werden. In dieser Welt ist man nur jemand, wenn man keine Schwächen zeigt: Entweder du gewinnst, oder du verlierst. Ich hätte mich gern mal angelehnt, mich ausgeruht. Sollte ich das der „Bild“-Zeitung sagen?

Sie sagen es ja jetzt.

Sebastian Deisler: Ja, und zum letzten Mal. Das Geschäft hat zu schnell Besitz ergriffen von mir. Ich habe nie die Zeit gehabt zum Wachsen, nie die Zeit, erwachsen zu werden, ich hatte nicht mal die Zeit, Fehler zu machen. Beim FC Bayern hat man dann versucht, mir Zeit zu geben. Dafür bin ich Uli Hoeneß sehr dankbar. Er hat bis zum Schluss an mich geglaubt, aber es ging einfach nicht mehr. Kurz: Es ist alles ein bisschen dumm gelaufen, oder?

Sie sind zynisch gegen sich selbst?

Sebastian Deisler: Nein, heute kann ich das so sagen. Das ist mein kleiner Sieg.

Was wollen Sie jetzt tun?

Sebastian Deisler: Da fällt mir eine kleine Geschichte ein. Als ich noch bei Hertha war, saß ich im Mannschaftsbus und blickte aus dem Fenster. Ich sah drei junge Männer. Vielleicht 19, 20 Jahre alt, so wie ich damals, sie hatten Schultaschen über den Schultern, es waren Studenten. Was hätte ich damals dafür gegeben, mit ihnen zu tauschen. Momentan arbeite ich an einem Buch, das andere hole ich bestimmt nach. Ich freue mich drauf.

Herr Deisler, welches Bild soll von Ihnen bleiben?

Sebastian Deisler: Er hat seinen Weg gefunden.

Dieser Artikel erschien in der aktuellen Ausgabe der Tageszeitung "Der Tagesspiegel"

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