Sind Niederlagen der bessere Erzählstoff, als es Siege sein können? Uwe Timm: Natürlich. Weite Teile der ernstzunehmenden Literatur kreisen um Niederlagen. Auch im wahren Leben sind Niederlagen interessanter, weil sie charakterbildend sind. Wer siegt, hat es leicht. Wer verliert, muss sich sich selbst stellen. Daraus lernt man.
Haben Sie nie die Versuchung verspürt, sich dem unbeschwerten Leben eines Bayern-Fans hinzugeben? Uwe Timm: Nein. Selbst wenn ich gewollt hätte: Man kann den Verein doch nicht wechseln wie ein Kleidungsstück. Man müsste mit sich selbst uneins werden! Wenn ein Vater die Liebe zu einem Klub an den Sohn weitergibt, ist das ein Initiationsritus. Übrigens einer der letzten in unserer flüchtigen Zeit mit all ihren Verlockungen – und damit ein sehr wichtiger.
Sie haben über das Problem der Absurdität bei Albert Camus promoviert. Was würde er zu einem Werder-Fan in München sagen? Uwe Timm: Ich bin fest davon überzeugt, dass auch Camus Werder-Fan gewesen wäre. Eben weil er sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellte: Man muss den Stein immer wieder den Berg hinaufwälzen. Größe zu zeigen, sein Schicksal anzunehmen – das ist die Chance der Niederlage, und davon gibt es bei Werder viele. Man muss sich nur mal die sinusförmigen Saisonverläufe der letzten Jahre anschauen.
Von welchem Fußballer würden Sie gern einmal einen Roman lesen? Uwe Timm: Ich hätte gern etwas von Helmut Rahn gelesen, dem Weltmeister von 1954, der hinterher anfing, maßlos zu saufen. Ein katastrophischer Lebenslauf. Bedauerlicherweise konnte Rahn, wie so viele Fußballer, nicht schreiben.
Wem würden Sie es denn zutrauen? Uwe Timm: Johan Micoud! Ich gehe davon aus, dass er tatsächlich so intellektuell ist, wie er auf mich wirkte, wenn er im norddeutschen Schmuddelwetter mit seinen schwarzen Handschuhen das Spiel dirigierte. Ein Franzose aus Cannes in Bremen – wie hat er das ausgehalten? Das würde mich wirklich interessieren. Micouds Autobiografie würde ich jederzeit lesen.
Mochten Sie das Gedicht, das Karl-Heinz Rummenigge zu Franz Beckenbauers Abschied als Präsident vortrug? Ich zitiere: »Lieber Franz, ich danke dir / Ich danke dir, ich danke dir sehr / Ich danke dir, das fällt uns nicht schwer.« Uwe Timm: Es war abscheulich, unterirdisch. Das hatte Franz Beckenbauer nicht verdient. Ein grobes Foul an einem Mann, der ein Poet auf dem Platz war.
Kennen auch Sie Formkrisen beim Schreiben? Uwe Timm: Sicher, die dauern manchmal sogar wochenlang an. Da hilft kein Kaffee und kein Wein, man muss sich an den Schreibtisch setzen und es immer wieder versuchen. Wie ein Stürmer, der hundert Mal daneben schießt. Irgendwann trifft er wieder.
Bei Ihnen hängt aber keine Anzeigetafel im Arbeitszimmer, auf der steht: »Uwe Timm hatte seit 1387 Minuten keine Idee.« Uwe Timm: Das wäre fürchterlich! Das ist mein kategorialer Vorteil gegenüber Männern wie Claudio Pizarro: Ich arbeite nicht in der Öffentlichkeit. Ich kann Fehler korrigieren, etwa einen misslungenen Satz umformulieren, ohne dass es jemand merkt. Pizarro wird im schlimmsten Fall sogar ausgepfiffen.
Alfredo di Stefano, der große Spielmacher von Real Madrid, meinte: »Fußball ist eine Kunst.« Trifft das auch auf eine Flanke von Petri Pasanen zu? Uwe Timm: Hacken Sie bitte nicht auf Pasanen herum! Er war ein solider und deshalb wichtiger Mann für Werder, auch wenn er nicht der Inbegriff von Kunst im Fußball sein mag. Dafür steht wiederum Micoud: das Können, das sich im Handeln zeigt und nicht im Kommentieren.
Die Bayern sagen bei jeder Gelegenheit »Mia san mia«. Was sagen eigentlich die Bremer? Uwe Timm: Ein solcher Satz über die Bremer ist mir nicht geläufig. Wenn ich an die kommende Saison denke, fällt mir aber das Bild der Bremer Stadtmusikanten ein, Esel, Hund, Katze und Hahn. Es klingt ganz fürchterlich, wenn sie singen. Aber immerhin: Sie halten zusammen. Das gibt mir ein bisschen Hoffnung.