Schriftsteller Uwe Timm im Interview

»Camus wäre Werder-Fan«

Der Schriftsteller Uwe Timm schrieb mit »Heißer Sommer« eines der wenigen Zeugnisse der deutschen Studentenbewegung. Er wurde unter anderem mit dem Heinrich-Böll-Preis ausgezeichnet. Im Interview spricht er über Werder, Thomas Schaafs Ähnlichkeit mit Kapitän Ahab und Fußball als Drama. Best of 2011: Schriftsteller Uwe Timm im InterviewKania

Uwe Timm, Sie leben in München und sind Werder-Fan. Ist das Ihre Form des Exils, wie bei Büchner und Heine?

Uwe Timm: Es gibt viele Unterschiede zwischen den Genannten und mir. Einer davon ist: München ist für mich ein freiwilliges und komfortables Exil. Ich mag die Stadt – obwohl ich mich hier immer noch fremd fühle. Ich verstehe den urbairischen Dialekt bis heute nicht, etwa wenn ein Klempner bei mir in der Wohnung ein Rohr flickt und dabei auf mich einredet. Vielleicht mag ich München aber auch genau deswegen. Diese Stadt gibt mir die Möglichkeit, mich zu unterscheiden.

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Umso mehr, wenn Sie mit grün-weißem Schal um den Hals in der Arena des FC Bayern sitzen?

Uwe Timm: Ich trage nie einen Schal, bin auch kein sonderlich ekstatischer Jubler und falle also als Werder-Fan in München kaum auf. Mit einer Ausnahme: dem entscheidenden Meisterschaftsspiel zwischen Bayern und Werder im Mai 2004. Ich kaufte mir auf dem Schwarzmarkt eine Karte, übrigens für einen gesalzenen Preis ...

... und hatten kaum Platz genommen, da ließ Oliver Kahn den Ball wegprallen, und Ivan Klasnic staubte zum 1:0 ab.

Uwe Timm: Der Titan wie ein Käfer auf dem Boden! Da musste ich inmitten des Bayern-Blocks laut auflachen. Ein kritischer Moment, plötzlich spürte ich Dutzende tödlicher Blicke im Nacken. Aber in eine Schlägerei bin ich zum Glück noch nie geraten. Ich freue mich, wie gesagt, sonst auch eher nach innen.

Wie Thomas Schaaf.

Uwe Timm: In etwa, ja. Ich bedaure, dass sein Gesicht nicht öfter im Fernsehen gezeigt wird. Ich könnte stundenlang darin lesen. Sein Mienenspiel, bei dem jeder Muskel, jede Falte arbeitet, ist doch viel interessanter als das der notorisch explosiven Trainer wie Klopp oder Trapattoni!

An welche Figur der Weltliteratur erinnert Sie Thomas Schaaf?

Uwe Timm: An Kapitän Ahab aus Herman Melvilles »Moby Dick«. Mit Sturheit und Muffeligkeit, ja Verbissenheit, verfolgen beide ihre Ziele. Der eine will den weißen Wal zur Strecke bringen, der andere in den Europapokal vordringen. Der einzige Unterschied ist, dass Schaaf noch beide Beine hat.

Ein Holzbein würde ihm stehen.

Uwe Timm: Durchaus, aber auch ohne das umweht ihn etwas ungeheuer Maritimes. Bei ihm wird die Seitenlinie zur Waterkant. Von dort blickt er auf einen unendlichen Ozean.

Kapitän Ahab reißt am Ende seine Mannschaft ins Verderben, sein Schiff »Pequod« sinkt. Eine Gefahr, in der auch Schaaf und Werder schweben?

Uwe Timm: Ein erschreckendes Bild, aber ja: Wenn Schaaf allzu stur an etwas festhält, wie im Laufe der vergangenen Saison, dann droht der Abstieg. Mir ist dieses epische Moment jedoch allemal lieber, als wenn die Bremer, wie anderswo üblich, beim kleinsten Windhauch gleich den Trainer rausschmeißen würden.

Mitunter ist es besser, man trennt sich.

Uwe Timm: Aber bei Werder würde man damit einen Großteil seiner Identität preisgeben. Schaaf verkörpert das Gegenteil der Münchner Fußballwelt, dieses flirrenden P1-Klimas. Er hat etwas Handfestes, Solides, beinah Väterliches. Schaaf ist Werder. Und für mich als Norddeutschen ist er auch ein Stück Heimat. Wenn ich hier in München seine knorrige Stimme im Radio höre, bekomme ich Heimweh. Und das, obwohl ich dort oben gar nicht mehr wohnen möchte!

Bekommen Sie auch Heimweh, wenn Sie Marko Arnautovic zuhören?

Uwe Timm: Gar nicht. Dass er Österreicher ist, ist verzeihlich. Aber das Großmäulige an ihm stört mich immens. Zumal seine sportliche Leistung damit nicht Schritt hält. An ihm kristallisiert sich meine Befürchtung, dass dem Werder-Kader die starken Charaktere fehlen. Männer wie einst Andreas Herzog, Rune Bratseth oder Johan Micoud. Ach, Micoud! Dieses Gesicht! Diese Nase! Wie ein Imperator, wie Julius Caesar.

Welcher aktuelle Bremer Spieler ist noch ein echter Typ?

Uwe Timm: Tim Wiese! Er ist in seiner Paradiesvogelhaftigkeit der legitime Nachfolger von Ailton. Wie er, als rosaroter Panther verkleidet, 2006 in der Champions League gegen Juventus Turin eine Zirkusrolle machte und dabei den Ball fallen ließ, Emerson nur noch einschieben musste und damit zehn Millionen durch den Schornstein gingen – das war ein großer, ein dramatischer Moment.



Sind Niederlagen der bessere Erzählstoff, als es Siege sein können?

Uwe Timm: Natürlich. Weite Teile der ernstzunehmenden Literatur kreisen um Niederlagen. Auch im wahren Leben sind Niederlagen interessanter, weil sie charakterbildend sind. Wer siegt, hat es leicht. Wer verliert, muss sich sich selbst stellen. Daraus lernt man.

Haben Sie nie die Versuchung verspürt, sich dem unbeschwerten Leben eines Bayern-Fans hinzugeben?

Uwe Timm: Nein. Selbst wenn ich gewollt hätte: Man kann den Verein doch nicht wechseln wie ein Kleidungsstück. Man müsste mit sich selbst uneins werden! Wenn ein Vater die Liebe zu einem Klub an den Sohn weitergibt, ist das ein Initiationsritus. Übrigens einer der letzten in unserer flüchtigen Zeit mit all ihren Verlockungen – und damit ein sehr wichtiger.

Sie haben über das Problem der Absurdität bei Albert Camus promoviert. Was würde er zu einem Werder-Fan in München sagen?

Uwe Timm: Ich bin fest davon überzeugt, dass auch Camus Werder-Fan gewesen wäre. Eben weil er sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellte: Man muss den Stein immer wieder den Berg hinaufwälzen. Größe zu zeigen, sein Schicksal anzunehmen – das ist die Chance der Niederlage, und davon gibt es bei Werder viele. Man muss sich nur mal die sinusförmigen Saisonverläufe der letzten Jahre anschauen.

Von welchem Fußballer würden Sie gern einmal einen Roman lesen?

Uwe Timm: Ich hätte gern etwas von Helmut Rahn gelesen, dem Weltmeister von 1954, der hinterher anfing, maßlos zu saufen. Ein katastrophischer Lebenslauf. Bedauerlicherweise konnte Rahn, wie so viele Fußballer, nicht schreiben.

Wem würden Sie es denn zutrauen?

Uwe Timm: Johan Micoud! Ich gehe davon aus, dass er tatsächlich so intellektuell ist, wie er  auf mich wirkte, wenn er im norddeutschen Schmuddelwetter mit seinen schwarzen Handschuhen das Spiel dirigierte. Ein Franzose aus Cannes in Bremen – wie hat er das ausgehalten? Das würde mich wirklich interessieren. Micouds Autobiografie würde ich jederzeit lesen.

Mochten Sie das Gedicht, das Karl-Heinz Rummenigge zu Franz Beckenbauers Abschied als Präsident vortrug? Ich zitiere: »Lieber Franz, ich danke dir / Ich danke dir, ich danke dir sehr / Ich danke dir, das fällt uns nicht schwer.«

Uwe Timm: Es war abscheulich, unterirdisch. Das hatte Franz Beckenbauer nicht verdient. Ein grobes Foul an einem Mann, der ein Poet auf dem Platz war.

Kennen auch Sie Formkrisen beim Schreiben?

Uwe Timm: Sicher, die dauern manchmal sogar wochenlang an. Da hilft kein Kaffee und kein Wein, man muss sich an den Schreibtisch setzen und es immer wieder versuchen. Wie ein Stürmer, der hundert Mal daneben schießt. Irgendwann trifft er wieder.

Bei Ihnen hängt aber keine Anzeigetafel im Arbeitszimmer, auf der steht: »Uwe Timm hatte seit 1387 Minuten keine Idee.«

Uwe Timm: Das wäre fürchterlich! Das ist mein kategorialer Vorteil gegenüber Männern wie Claudio Pizarro: Ich arbeite nicht in der Öffentlichkeit. Ich kann Fehler korrigieren, etwa einen misslungenen Satz umformulieren, ohne dass es jemand merkt. Pizarro wird im schlimmsten Fall sogar ausgepfiffen.

Alfredo di Stefano, der große Spielmacher von Real Madrid, meinte: »Fußball ist eine Kunst.« Trifft das auch auf eine Flanke von Petri Pasanen zu?

Uwe Timm: Hacken Sie bitte nicht auf Pasanen herum! Er war ein solider und deshalb wichtiger Mann für Werder, auch wenn er nicht der Inbegriff von Kunst im Fußball sein mag. Dafür steht wiederum Micoud: das Können, das sich im Handeln zeigt und nicht im Kommentieren.

Die Bayern sagen bei jeder Gelegenheit »Mia san mia«. Was sagen eigentlich die Bremer?

Uwe Timm: Ein solcher Satz über die Bremer ist mir nicht geläufig. Wenn ich an die kommende Saison denke, fällt mir aber das Bild der Bremer Stadtmusikanten ein, Esel, Hund, Katze und Hahn. Es klingt ganz fürchterlich, wenn sie singen. Aber immerhin: Sie halten zusammen. Das gibt mir ein bisschen Hoffnung.

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