25.12.2011

Schriftsteller Uwe Timm im Interview

»Camus wäre Werder-Fan«

Der Schriftsteller Uwe Timm schrieb mit »Heißer Sommer« eines der wenigen Zeugnisse der deutschen Studentenbewegung. Er wurde unter anderem mit dem Heinrich-Böll-Preis ausgezeichnet. Im Interview spricht er über Werder, Thomas Schaafs Ähnlichkeit mit Kapitän Ahab und Fußball als Drama.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Kania

Uwe Timm, Sie leben in München und sind Werder-Fan. Ist das Ihre Form des Exils, wie bei Büchner und Heine?

Uwe Timm: Es gibt viele Unterschiede zwischen den Genannten und mir. Einer davon ist: München ist für mich ein freiwilliges und komfortables Exil. Ich mag die Stadt – obwohl ich mich hier immer noch fremd fühle. Ich verstehe den urbairischen Dialekt bis heute nicht, etwa wenn ein Klempner bei mir in der Wohnung ein Rohr flickt und dabei auf mich einredet. Vielleicht mag ich München aber auch genau deswegen. Diese Stadt gibt mir die Möglichkeit, mich zu unterscheiden.



Umso mehr, wenn Sie mit grün-weißem Schal um den Hals in der Arena des FC Bayern sitzen?

Uwe Timm: Ich trage nie einen Schal, bin auch kein sonderlich ekstatischer Jubler und falle also als Werder-Fan in München kaum auf. Mit einer Ausnahme: dem entscheidenden Meisterschaftsspiel zwischen Bayern und Werder im Mai 2004. Ich kaufte mir auf dem Schwarzmarkt eine Karte, übrigens für einen gesalzenen Preis ...

... und hatten kaum Platz genommen, da ließ Oliver Kahn den Ball wegprallen, und Ivan Klasnic staubte zum 1:0 ab.

Uwe Timm: Der Titan wie ein Käfer auf dem Boden! Da musste ich inmitten des Bayern-Blocks laut auflachen. Ein kritischer Moment, plötzlich spürte ich Dutzende tödlicher Blicke im Nacken. Aber in eine Schlägerei bin ich zum Glück noch nie geraten. Ich freue mich, wie gesagt, sonst auch eher nach innen.

Wie Thomas Schaaf.

Uwe Timm: In etwa, ja. Ich bedaure, dass sein Gesicht nicht öfter im Fernsehen gezeigt wird. Ich könnte stundenlang darin lesen. Sein Mienenspiel, bei dem jeder Muskel, jede Falte arbeitet, ist doch viel interessanter als das der notorisch explosiven Trainer wie Klopp oder Trapattoni!

An welche Figur der Weltliteratur erinnert Sie Thomas Schaaf?

Uwe Timm: An Kapitän Ahab aus Herman Melvilles »Moby Dick«. Mit Sturheit und Muffeligkeit, ja Verbissenheit, verfolgen beide ihre Ziele. Der eine will den weißen Wal zur Strecke bringen, der andere in den Europapokal vordringen. Der einzige Unterschied ist, dass Schaaf noch beide Beine hat.

Ein Holzbein würde ihm stehen.

Uwe Timm: Durchaus, aber auch ohne das umweht ihn etwas ungeheuer Maritimes. Bei ihm wird die Seitenlinie zur Waterkant. Von dort blickt er auf einen unendlichen Ozean.

Kapitän Ahab reißt am Ende seine Mannschaft ins Verderben, sein Schiff »Pequod« sinkt. Eine Gefahr, in der auch Schaaf und Werder schweben?

Uwe Timm: Ein erschreckendes Bild, aber ja: Wenn Schaaf allzu stur an etwas festhält, wie im Laufe der vergangenen Saison, dann droht der Abstieg. Mir ist dieses epische Moment jedoch allemal lieber, als wenn die Bremer, wie anderswo üblich, beim kleinsten Windhauch gleich den Trainer rausschmeißen würden.

Mitunter ist es besser, man trennt sich.

Uwe Timm: Aber bei Werder würde man damit einen Großteil seiner Identität preisgeben. Schaaf verkörpert das Gegenteil der Münchner Fußballwelt, dieses flirrenden P1-Klimas. Er hat etwas Handfestes, Solides, beinah Väterliches. Schaaf ist Werder. Und für mich als Norddeutschen ist er auch ein Stück Heimat. Wenn ich hier in München seine knorrige Stimme im Radio höre, bekomme ich Heimweh. Und das, obwohl ich dort oben gar nicht mehr wohnen möchte!

Bekommen Sie auch Heimweh, wenn Sie Marko Arnautovic zuhören?

Uwe Timm: Gar nicht. Dass er Österreicher ist, ist verzeihlich. Aber das Großmäulige an ihm stört mich immens. Zumal seine sportliche Leistung damit nicht Schritt hält. An ihm kristallisiert sich meine Befürchtung, dass dem Werder-Kader die starken Charaktere fehlen. Männer wie einst Andreas Herzog, Rune Bratseth oder Johan Micoud. Ach, Micoud! Dieses Gesicht! Diese Nase! Wie ein Imperator, wie Julius Caesar.

Welcher aktuelle Bremer Spieler ist noch ein echter Typ?

Uwe Timm: Tim Wiese! Er ist in seiner Paradiesvogelhaftigkeit der legitime Nachfolger von Ailton. Wie er, als rosaroter Panther verkleidet, 2006 in der Champions League gegen Juventus Turin eine Zirkusrolle machte und dabei den Ball fallen ließ, Emerson nur noch einschieben musste und damit zehn Millionen durch den Schornstein gingen – das war ein großer, ein dramatischer Moment.

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