Schriftsteller Ivan Vladislavic über die WM

»Urlaub von der Realität«

Millionen von Südafrikanern finden während der WM Urlaub vom richtigen Leben. Doch was ist nächste Woche? Wir sprachen mit dem Johannesburger Schriftsteller Ivan Vladislavic über den nachhaltigen Effekt des Turniers. Schriftsteller Ivan Vladislavic über die WMPromo

Ivan Vladislavic, vor Ihrer Haustür ragt ein Gewirr aus bunten Kabeln aus der Erde!

Ach, die Eisenummantelung der Telefonleitung wurde gestohlen. Wahrscheinlich hoffte der Dieb, darin Kupfer zu finden. Wir mussten deshalb leider fast zwei Wochen ohne Festnetz auskommen.

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Sie wohnen in Kensington, ganz in der Nähe des Ellis-Park-Stadions. Hat sich Ihre Nachbarschaft seit dem Anpfiff der WM verändert?

Ja, sehr zum Guten. Die Gegend ist jetzt belebt, die Leute lassen auf einmal ihre Autos stehen und laufen. Außerdem ist die Atmosphäre wunderbar kosmopolitisch, Fans aus allen möglichen Ländern strömen durch die Straßen – ein Bild, das wir bislang nicht gekannt haben. Wo viele Menschen auf der Straße sind, trauen sich auch die Einheimischen, zu Fuß zu gehen.

Welchen langfristigen Effekt kann dieser Ausnahmezustand haben?


Erst mal möchte ich loswerden: Diese WM ist ein überwältigender Erfolg für unser Land. Sie ist wie ein Urlaub von der Realität, vom richtigen Leben. Sie zeigt, dass wir zusammenhalten und an einem Strang ziehen können. Ich hoffe wirklich, dass dieser Effekt noch wenigstens ein paar Monate anhalten und Johannesburg zu einem freundlicheren Ort mit mehr öffentlichem Raum machen wird.

Und konkret ...


... hat uns die WM eine Verbesserung der Infrastruktur gebracht: das funktionierende Reya-Vaya-Bussystem und den Gautrain, einen Zug, der die Stadt mit dem Flughafen verbindet.

Haben Sie Spiele in Ellis Park besucht?

Nein, meine Frau und ich haben versucht, Karten zu bekommen, aber es hat nicht geklappt. Stattdessen sind wir zum Fanfest gegangen oder in das berühmte Troyeville Hotel, das sich direkt neben dem Stadion befindet. Das war lustig, weil die Fernsehübertragung immer ein bisschen langsamer war als die Wirklichkeit: Wir haben den Jubel aus dem Stadion schon gehört, bevor wir das Tor gesehen haben.

Ist diese WM ebenso unvorhersehbar wie Johannesburg selbst?


Absolut. Es ist faszinierend, hier zu leben. Die Stadt ist ein einziges Experiment, man weiß nie, was passiert. Deshalb ist auf der anderen Seite auch alles möglich. Es gibt kein abgeschlossenes System, nichts ist fertig. Viele Menschen, die hierherziehen, manövrieren sich durch diese brüchige Struktur und am Ende sind sie überrascht, zu was sie alles in der Lage sind.

Machen Sie die Flaggen-Manie mit?


Ich habe zwei kleine Flaggen, allerdings innerhalb meines Auto, sehr subtil. Es ist wichtig, ein Symbol zu haben, auf das sich alle einigen können.

Sie gelten als einer der besten Chronisten des südafrikanischen Alltags. An was arbeiten Sie gerade?


Oh, da haben Sie mich erwischt. Augenblicklich redigiere ich den Jahresbericht einer Entwicklungsbank, das bringt die Miete ein. Aber im Herbst erscheint mein neues Buch, an dem ich zusammen mit dem Fotografen David Goldblatt arbeite.

Vor einer Weile haben Sie im Rahmen eines Schreibstipendiums einige Wochen auf Sylt verbracht. Das muss ein großer Kontrast gewesen sein zu Ihrem Johannesburger Alltag.


Natürlich, es war toll. Die Restaurants in den Dünen, die Nordsee. Wenn man in der Fremde ist, muss man keine Verantwortung für diesen Ort übernehmen und sich auch nicht ständig rechtfertigen. Man ist in der Position des Beobachters, was erfrischend ist. Trotzdem fühlte es sich auch bizarr an, auf einer Ferieninsel zu arbeiten. Zum Glück war Vorsaison. Erst kurz bevor ich abgereist bin, kamen die Züge mit den vielen Autos über den Hindenburgdamm.

Gibt es eigentlich in Ihrem Haus ein Zimmer, in dem keine Bücherregale stehen?

Nein, nicht, dass ich wüsste. Sie vermehren sich einfach wie verrückt.

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