Schiedsrichter Florian Meyer über Drucksituationen

»Sie warfen mit Feuerzeugen«

Florian Meyer ist einer der erfahrensten Referees der Bundesliga. Nach der Saison 2008/2009 wurde er vom DFB zum Schiedsrichter des Jahres gekürt. Wir sprachen mit ihm über Grenzsituationen, Kritik und Fehlentscheidungen. Schiedsrichter Florian Meyer über DrucksituationenImago

Florian Meyer,  was verbinden Sie mit dem Wort »Fingerspitzengefühl«?

Florian Meyer: Als Schiedsrichter nicht viel. Da benötige ich kein Fingerspitzengefühl,  sondern Ermessensspielräume.

Wie groß sind diese Spielräume?

Florian Meyer: Nehmen wir zum Beispiel zwei vergleichbare Foulspiele, bei denen Gelb möglich, aber nicht zwingend vorgeschrieben ist:  Eines der beiden Fouls passiert in einem hektischen und harten Spiel, das andere in einer ruhigen Partie. Beim ersten Spiel wäre eine Verwarnung dringend nötig - als Zeichen an die Spieler, dass die Grenzen überschritten sind. In das fair geführte Spiel dagegen würde diese Verwarnung vermutlich eher Unruhe hineinbringen. In diesem Fall wäre eine Ermahnung ausreichend.

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Pfeift ein deutscher Schiedsrichter Europapokalspiele, so hört man in deutschen Fußball-Kneipen häufig den Satz:  »So großzügig pfeift der in der Bundesliga nie!« Was sagen Sie dazu?

Florian Meyer: (lacht) Mit dieser Frage werde ich häufig konfrontiert. Ganz klar und deutlich: Ich bereite mich auf ein internationales Spiel genauso vor wie auf ein Bundesligaspiel.  Und ich leite dieses auch nach denselben Maßstäben, da mache ich keinen Unterschied.

Wie erklären Sie sich dieses vermeintliche Vorurteil?

Florian Meyer: Manchmal sind es nur Nuancen, die zu einem flüssigeren Spiel beitragen. Man sollte nicht pauschalisieren. Nach meinem Eindruck kommt es bei internationalen Spielen seltener vor, dass sich ein Spieler nach einem Zweikampf fünf Mal um die eigene Achse dreht – so wie es manchmal in der Bundesliga der Fall ist. Ich brauche als Schiedsrichter nicht einzugreifen, wenn ein Spieler sofort aufspringt, nicht reklamiert und weiterspielt.  Ständiges Reklamieren und Liegenbleiben lässt die Emotionen schnell überkochen. Da ist man als Schiedsrichter häufig gezwungen, dazwischen zu gehen, um die jeweiligen Akteure zu beruhigen. Der Spielfluss ist unterbrochen. Selbstverständlich gibt es auch in der Bundesliga viele Partien, die ein Schiedsrichter laufen lassen kann.

Wie schwer fällt es Ihnen, auf dem Platz immer Stärke ausstrahlen zu müssen? Es gibt Situationen, in denen Sie von tausenden Zuschauern ausgepfiffen und von Trainern angeschrien werden, während zeitgleich acht bis neun Spieler auf Sie zustürmen.

Florian Meyer: Drucksituationen gibt es immer wieder. Ich muss aber ganz deutlich sagen: Während eines Spiels spüre ich keinen Druck – ich bin vollständig auf die Spielabläufe fokussiert. Dazu gehören natürlich auch das Erahnen von Zwistigkeiten und das Schlichten von hitzigen Auseinandersetzungen.

Wann sind Sie zuletzt an Ihre Grenzen gestoßen?

Florian Meyer: Das realisiert man meistens erst in der Nachbetrachtung. Ein Beispiel zum Thema »Zuschauerverhalten«:  Es ist schon ein paar Jahre her, es war in Rotterdam, ich leitete ein Europapokalspiel. Ich musste die Partie für 20 Minuten unterbrechen, weil Zuschauer die gegnerischen Spieler nach einem Torjubel mit Feuerzeugen und anderen Gegenständen beworfen hatten. Relativ schnell spürte ich, dass ein normales Spiel nicht mehr möglich war. Alle Beteiligten standen in gewisser Weise unter Schock, auch nach der Spielunterbrechung.

Fällt Ihnen ein weiteres Beispiel ein?

Florian Meyer: Eine absolute Grenzsituation, die mich sehr bedrückt hat. Ich habe sie noch häufig vor Augen. Es geschah in einem Spiel zwischen dem Karlsruher SC und dem 1. FC Köln: der Kölner Spieler Ümit Özat war während der Partie plötzlich zusammengebrochen, er lag regungslos auf dem Rasen. Damals vergingen Minuten zwischen Hoffen und Bangen. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam schließlich die erlösende Mitteilung, er sei wieder bei Bewusstsein. Das war eine extrem belastende Situation, für alle Beteiligten.

Sind Sie vor…

Florian Meyer: …dazu noch einen Satz: Besonders schön war es, als Ümit Özat einige Wochen nach dem Vorfall vor einem Spiel in die Schiedsrichterkabine kam. Wir haben uns kurz unterhalten. Er wirkte auf mich glücklich und fröhlich – das war eine sehr schöne Erfahrung.



Sind Sie vor einem Spiel nervös?

Florian Meyer: Angst und Nervosität sind schlechte Ratgeber. Vor jedem Spiel bin ich angespannt. Ebenso freue ich mich auf jede neue Partie. Anspannung und Freude brauche ich auch, um meine optimale Leistung bringen zu können.

Und wie sieht es nach dem Spiel aus?

Florian Meyer: Wenn ich in meiner Kabine angekommen bin, fühle ich mich erschöpft – und zwar nicht körperlich, sondern mental. Erst dann merke ich, unter welcher enormen Anspannung ich in den 90 Minuten gestanden habe. Auf dem Platz ständig vorausschauend zu agieren, Konflikte zwischen Spielern zu erahnen und zu lösen, knifflige Situationen zu bewerten – dies alles erfordert viel Energie.

Apropos »Konflikte«: Würden Sie manchmal gern eingreifen, wenn sogenannte TV-Experten Ihre Entscheidungen nach einem Spiel kritisieren?

Florian Meyer: Nein. Meine Aufgabe ist es, die Situation auf dem Spielfeld in Sekundenbruchteilen zu beurteilen. Wird über die Leistung eines Schiedsrichters diskutiert, so stehen meistens einige wenige Einzelentscheidungen im Fokus. Genau da greift die Diskussion meiner Meinung nach zu kurz. In 90 Minuten trifft ein Schiedsrichter etwa 220 Entscheidungen. Anhand von zwei Szenen zu beurteilen, ob ein Schiedsrichter einen guten oder schlechten Tag erwischt hat, wird der Aufgabe nicht gerecht. Eine Spielleitung beinhaltet wesentlich mehr als nur einzelne Entscheidungen zu treffen.

Wir stark belasten Sie Fehlentscheidungen?

Florian Meyer: Jeder einzelne Fehler ärgert mich immens. Habe ich eine entscheidende Situation falsch eingeschätzt, beschäftigt mich diese auch in den Tagen nach einem Spiel. Ich hake die Situation keinesfalls schnell ab, sondern arbeite sie intensiv auf. Diese Aufarbeitung beginnt direkt im Anschluss an die Partie mit der detaillierten Analyse des Schiedsrichter-Coachs.

Wie laufen solche Analysen ab?

Florian Meyer: Anhand eines DVD-Mitschnitts, den jeder Schiedsrichter nach Spielende erhält, arbeitet das gesamte Team zusammen mit dem Beobachter zunächst die Schlüsselszenen eines Spiels auf; entscheidende Strafraum-, Abseits- oder Foulszenen, die in der öffentlichen Diskussion von Bedeutung sein könnten. Damit einher geht die Analyse weiterer wesentlicher Elemente der Spielleitung.

Herr Meyer, wann war Ihnen eigentlich klar, dass Sie Schiedsrichter werden möchten?

Florian Meyer: Ich habe früher selbst Fußball gespielt. Dabei ärgerte ich mich über Mannschaftsbetreuer, die permanent Entscheidungen zugunsten der eigenen Mannschaft trafen. Dies war der Auslöser, meine Leidenschaft, den Fußball, aus einem anderen Blickwinkel kennen zu lernen. Aus Neugier und Interesse absolvierte ich einen Anwärter-Lehrgang. Nach der Schiedsrichterprüfung und meinen ersten Spielen, die ich pfeifen durfte, war mir sofort klar: Diese Aufgabe macht mir viel Freude! Die Begeisterung hat bis heute nicht nachgelassen.

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