25.11.2011

Schiedsrichter Florian Meyer über Drucksituationen

»Sie warfen mit Feuerzeugen«

Florian Meyer ist einer der erfahrensten Referees der Bundesliga. Nach der Saison 2008/2009 wurde er vom DFB zum Schiedsrichter des Jahres gekürt. Wir sprachen mit ihm über Grenzsituationen, Kritik und Fehlentscheidungen.

Interview: Manuel Schumann Bild: Imago
Florian Meyer,  was verbinden Sie mit dem Wort »Fingerspitzengefühl«?

Florian Meyer: Als Schiedsrichter nicht viel. Da benötige ich kein Fingerspitzengefühl,  sondern Ermessensspielräume.

Wie groß sind diese Spielräume?

Florian Meyer: Nehmen wir zum Beispiel zwei vergleichbare Foulspiele, bei denen Gelb möglich, aber nicht zwingend vorgeschrieben ist:  Eines der beiden Fouls passiert in einem hektischen und harten Spiel, das andere in einer ruhigen Partie. Beim ersten Spiel wäre eine Verwarnung dringend nötig - als Zeichen an die Spieler, dass die Grenzen überschritten sind. In das fair geführte Spiel dagegen würde diese Verwarnung vermutlich eher Unruhe hineinbringen. In diesem Fall wäre eine Ermahnung ausreichend.



Pfeift ein deutscher Schiedsrichter Europapokalspiele, so hört man in deutschen Fußball-Kneipen häufig den Satz:  »So großzügig pfeift der in der Bundesliga nie!« Was sagen Sie dazu?

Florian Meyer: (lacht) Mit dieser Frage werde ich häufig konfrontiert. Ganz klar und deutlich: Ich bereite mich auf ein internationales Spiel genauso vor wie auf ein Bundesligaspiel.  Und ich leite dieses auch nach denselben Maßstäben, da mache ich keinen Unterschied.

Wie erklären Sie sich dieses vermeintliche Vorurteil?

Florian Meyer: Manchmal sind es nur Nuancen, die zu einem flüssigeren Spiel beitragen. Man sollte nicht pauschalisieren. Nach meinem Eindruck kommt es bei internationalen Spielen seltener vor, dass sich ein Spieler nach einem Zweikampf fünf Mal um die eigene Achse dreht – so wie es manchmal in der Bundesliga der Fall ist. Ich brauche als Schiedsrichter nicht einzugreifen, wenn ein Spieler sofort aufspringt, nicht reklamiert und weiterspielt.  Ständiges Reklamieren und Liegenbleiben lässt die Emotionen schnell überkochen. Da ist man als Schiedsrichter häufig gezwungen, dazwischen zu gehen, um die jeweiligen Akteure zu beruhigen. Der Spielfluss ist unterbrochen. Selbstverständlich gibt es auch in der Bundesliga viele Partien, die ein Schiedsrichter laufen lassen kann.

Wie schwer fällt es Ihnen, auf dem Platz immer Stärke ausstrahlen zu müssen? Es gibt Situationen, in denen Sie von tausenden Zuschauern ausgepfiffen und von Trainern angeschrien werden, während zeitgleich acht bis neun Spieler auf Sie zustürmen.

Florian Meyer: Drucksituationen gibt es immer wieder. Ich muss aber ganz deutlich sagen: Während eines Spiels spüre ich keinen Druck – ich bin vollständig auf die Spielabläufe fokussiert. Dazu gehören natürlich auch das Erahnen von Zwistigkeiten und das Schlichten von hitzigen Auseinandersetzungen.

Wann sind Sie zuletzt an Ihre Grenzen gestoßen?

Florian Meyer: Das realisiert man meistens erst in der Nachbetrachtung. Ein Beispiel zum Thema »Zuschauerverhalten«:  Es ist schon ein paar Jahre her, es war in Rotterdam, ich leitete ein Europapokalspiel. Ich musste die Partie für 20 Minuten unterbrechen, weil Zuschauer die gegnerischen Spieler nach einem Torjubel mit Feuerzeugen und anderen Gegenständen beworfen hatten. Relativ schnell spürte ich, dass ein normales Spiel nicht mehr möglich war. Alle Beteiligten standen in gewisser Weise unter Schock, auch nach der Spielunterbrechung.

Fällt Ihnen ein weiteres Beispiel ein?

Florian Meyer: Eine absolute Grenzsituation, die mich sehr bedrückt hat. Ich habe sie noch häufig vor Augen. Es geschah in einem Spiel zwischen dem Karlsruher SC und dem 1. FC Köln: der Kölner Spieler Ümit Özat war während der Partie plötzlich zusammengebrochen, er lag regungslos auf dem Rasen. Damals vergingen Minuten zwischen Hoffen und Bangen. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam schließlich die erlösende Mitteilung, er sei wieder bei Bewusstsein. Das war eine extrem belastende Situation, für alle Beteiligten.

Sind Sie vor…

Florian Meyer: …dazu noch einen Satz: Besonders schön war es, als Ümit Özat einige Wochen nach dem Vorfall vor einem Spiel in die Schiedsrichterkabine kam. Wir haben uns kurz unterhalten. Er wirkte auf mich glücklich und fröhlich – das war eine sehr schöne Erfahrung.

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