18.04.2011

Schauspieler Werner Enke im Interview

»Doppelpass mit Beckenbauer«

Werner Enke wurde 1968 mit dem Film »Zur Sache, Schätzchen« berühmt. In den Sechzigern war er ein leidenschaftlicher Löwen-Fan, später lief er zu Bayern über. Ein Interview über den Fußball zu Zeiten des »Swinging Schwabing«.

Interview: Tim Jürgens und Nique Leinemann Bild: Privatarchiv Enke

Werner Enke, Sie kamen 1960 nach München.

Werner Enke: Ich weiß noch, wie ich das erste Mal im Auto am Grünwalder Stadion vorbei fuhr. Das war ganz gewaltig für mich. Ich wusste damals nicht so recht, was ich mit mir anfangen soll und habe mir überlegt, ob ich mich mal bei 1860 vorstellen soll. Ich war als Fußballer nicht schlecht, aber zum Glück habe ich das nicht gemacht. Da wäre ich nie was geworden, die waren ja so unfassbar gut.



Wie oft waren Sie bei Spielen von 1860?

Werner Enke: In der großen Zeit bis zum Abstieg war ich sehr oft. Ich habe nie mehr eine Mannschaft so zaubern sehen wie damals den Sturm der Meistermannschaft mit Fredi Heiß, Hennes Küppers, Rudi Brunnenmeier. Peter Grosser, das war mein Lieblingsspieler. Da gab es den Otto Luttrop, den nannten sie »Atom Otto« weil er der erste Außenläufer war, der über die Mittellinie ging und aus dreißig Metern eine Bombe losließ.

Können Sie sich an Ihr erstes Spiel bei 1860 erinnern?

Werner Enke: Ich erinnere mich nur an die herausragenden Spiele. Vor allem bei Schnee zog Peter Grosser ein Spiel ab, das war unwiderstehlich. Das haben die bei Bayern München später nie so hingekriegt.

Deswegen wurden Sie Fan der Löwen?

Werner Enke: Wahrscheinlich weil sie die Besseren waren. Im ersten Jahr der Bundesliga war Bayern gar nicht dabei, deswegen kannte man deren Spieler auch nicht so gut. Aber 1860 war in aller Munde. Und später dann dieser leidvolle Abstieg. Im Abstiegsjahr 1970 war ich bei jedem Heimspiel, zusammen mit Rainer Basedow von der »Lach- und Schießgesellschaft«.

Welches Image hatten die beiden Klubs damals?

Werner Enke: Bayern war eher der Studentenverein, der für höhergestellte Leute, für Intellektuelle. Wofür 1860 stand, kann ich gar nicht mehr sagen, das spielte für mich auch keine Rolle.

Hatten sie einen festen Platz im Stadion?

Werner Enke: Ich war in der Kurve gegenüber den Wohnhäusern. Ich weiß noch, wie ich immer dachte: »Mensch, wenn man da wohnen würde, könnte man am Wochenende aus dem Fenster schauen und Fußball gucken.« Eine Stadiongeschichte wollte ich auch mal in einen Film einbauen, hat sich aber nie ergeben. Wollen Sie sie hören?

Sehr gerne.

Werner Enke: Ich bin ja nicht immer so auf Zack, deswegen ging ich immer schon fünf Minuten vor dem Halbzeitpfiff los, um mir eine Wurst zu kaufen. Aber in der Schlange wurde immer sehr viel vorgedrängelt. Und ich bin da ja nicht so. Es wurde also gedrängelt und gedrängelt, und am Ende hatte ich doch die ersten fünf Minuten der zweiten Halbzeit versäumt.

Viele 1860-Spieler trafen sich in der Schwabinger Pilskneipe »Zwickmühle«. Es heißt, einige hätten da auch nicht mehr rausgefunden.

Werner Enke: Ich ging da nicht hin, meine Stammkneipe hieß »Säge«. Aber Hennes Küppers hat mir erzählt, dass Max Merkel Samstagvormittag vor dem Spiel manchmal persönlich bei ihm vorbei fuhr, um unterm Türschlitz durchzurufen: »Du Küppers, ich weiß genau, dass du da bist! Du musst jetzt raus! In zwei Stunden ist Anpfiff!« Wir haben damals alle viel getrunken. Zum Glück gründeten wir dann diese Kneipenmannschaft – so wie Sammy Drechsel und die Jungs von der »Lach- und Schießgesellschaft« den FC Schmiere ins Leben riefen. Und dann haben wir alle 14 Tage mal Fußball gespielt. Das war ein kleiner Ausgleich für die Zigaretten und das Saufen.

Konnten Sie als regelmäßiger Stadiongänger erkennen, wie manche Spieler unter dem turbulenten Lebensstil fußballerisch nachließen?

Werner Enke: Ich weiß noch, wie ich mit einem Freund, der einen Presseausweis hatte, bei einem Spiel auf einer Holzbank am Spielfeldrand sitzen durfte. Das war um 1964, kurz nachdem ich mir überlegt hatte, es selbst mal mit Fußball zu probieren. Da konnte ich aus nächster Nähe sehen, wie der Hennes Küppers antrat. Das sah so gewaltig aus! Der hatte ein solches Tempo! Zwanzig Jahre später spielte er mit der Schmiere gegen uns, und wir liefen nebeneinander hinter einem Ball her. Ein Spurt über dreißig Meter – und da waren wir plötzlich ungefähr gleichschnell.  

Sammy Drechsel, der Verfasser von »11 Freunde müsst Ihr sein«, soll ja ein Fußballfanatiker gewesen sein.

Werner Enke: Der hat sie ja alle zur Schmiere geholt. Sogar Fritz Walter kickte da mit. Ich habe sogar mal gesehen, wie Drechsel einen Eckball direkt verwandelt hat.

Er ist mit 1500 Toren Rekordtorschütze des FC Schmiere.

Werner Enke: Das letzte Mal, dass ich Sammy traf, war auch Rainer Basedow dabei, der den Polizisten in Schätzchen spielt. Da sagte Sammy: »Rainer, hol mal das Buch« Da stand es alles ganz genau drin: 3. Minute: 1:0 Drechsel, 12. Minute: 2:0 Drechsel, 18. Minute: 3:0 Breitner, 25. Minute: 4:0 Drechsel, 40. Minute:, Elfmeter Drechsel, 5:0 59. Minute: 6:0 Rummenigge. Das las Basedow laut vor und Sammy sagte: »Schön, Rainer, dann leg das Buch mal wieder weg.« Er hat das sehr ernst genommen, ein sehr angenehmer Fußballverrückter. Er hatte später einen Herzinfarkt. Da hat der Dieter Hildebrand zu ihm gesagt: »Wenn du jetzt nicht eine Pause mit dem Fußball einlegst, komme ich nie mehr zum Spielen.« Sammy hielt sich dran, aber irgendwann gab es in einem Spiel Elfmeter. Sammy Drechsel steht im Trenchcoat am Spielfeldrand und eh jemand schalten kann, zieht er den Mantel aus, legt den Ball auf den Elfmeterpunkt legt und schießt ihn rein.

Werner Enkes Sprechmännchen-Buch »Es wird böse enden« ist bei Kunstmann erschienen. Wir zeigen Auszüge mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

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