Schalkes Fanbetreuer Rolf Rojek im Interview

»Wir wollen die Grätsche sehen«

Schalkes Fanbetreuer Rolf Rojek im InterviewImago

Herr Rojek, die Schalker Fans wedelten beim Spiel gegen Manchester City mit Geldscheinen. ZDF-Kommentator Oliver Schmidt mutmaßte spontan, die Fans würden den Einkauf eines teuren Stars fordern. Was war jedoch tatsächlich der Hintergrund dieser Aktion?

Die Ultras haben mit Fünf-Euro-Scheinen gewunken. Genau um diesen Betrag wurden zuvor die Kartenpreise erhöht.

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Erst die Pfiffe gegen den eigenen Stürmer Kuranyi, jetzt der Protest im Uefa-Cup. Ist man auf Schalke derzeit extrem sensibilisiert?

Ach, ich denke, das ist ein andauernder Prozess mit unseren Fans. Wir haben in den letzten fünf Jahren ja eigentlich nicht schlecht gespielt, waren zweimal Zweiter, einmal Dritter, einmal Vierter. Aber Fans erwarten zu Recht, dass Schalke 04 auch mal um Platz eins mitspielt. Dauernd bekommt man vorgehalten: »Wir sind im Umbruch, wir sind im Umbruch!«, nur: wie viele Jahre will man sich das noch anhören? Wir haben auch eine bestimmte Erwartungshaltung. Ich sage es mal so: Wenn die Spieler mit einer Platzwunde am Kopf und offenen Knien vom Platz kriechen und trotzdem 1:2 verloren haben, würden die Fans auch hinter der Mannschaft stehen. Die Fans wollen Leidenschaft sehen. Außerdem haben wir nach den Bayern den teuersten Kader. Wenn ich mir einen Luxuswagen kaufe, will ich ja auch mehr Leistung sehen, als wenn ich mir einen Trabi angeschafft hätte.

Schalker Zuschauer wollen Malocher sehen?

Ja, auch wenn wir natürlich längst kein Arbeiterverein mehr sind, auch wenn der Mythos noch aufrecht erhalten wird. Aber wir haben doch mehr Südamerikaner im Kader als Ruhrpottler. Trotzdem wollen Schalker ihre Mannschaft immer noch malochen sehen. Wenn ich die Leute in Gelsenkirchen sehe: denen geht es nicht wirklich gut. Da sehen die ihre Mannschaft lieber mit wehenden Fahnen untergehen, als dass sie am schönen Spiel zugrunde geht. Ich vermisse ein Spiel, dass mal wieder 4:0 gewonnen wird. Mit schönem Fußball, aber auch mit Einsatz und Kampf, so dass wir sagen können: Das ist unser Schalke!

Nur, dass sich Offensivspektakel der Marke „Hacke, Spitze, eins zwei, drei“ zumeist überschneidet mit robustem Zweikampffußball. Was wollen die Leute auf Schalke denn lieber sehen?

Wir wollen die Grätsche sehen. Nicht, dass wir etwas gegen einen Zauberpass, oder ein schönes Dribbling hätten, aber Einsatz und Leidenschaft stehen klar im Vordergrund. Eine echte Kämpfernatur, die sich für den Verein zerreißt: das ist es, was wir sehen wollen!

Gibt es einen Spieler aus dem aktuellen Kader, der diesem Ruf gerecht wird?

Was die Sympathien bei den Fans angeht, sind die jungen Spieler aus der eigenen Jugend natürlich klar im Vorteil. Manuel Neuer oder Christian Pander standen früher ja selbst in der Nordkurve und haben damit selbstverständlich einen Riesen-Bonus beim Anhang. Natürlich kann Manuel niemals ein Kämpfer werden, wie es zum Beispiel Marc Wilmots war, schließlich steht er im Tor. Marcelo (Bordon, Anm. d. A.) ist so ein Typ, der als Kämpfer auf dem Platz durchgeht, er verkörpert das noch am ehesten. Ich will nicht sagen, dass die anderen Spieler nicht kämpfen können, aber das kommt nicht so rüber.

Die Erwartungshaltung der Fans ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen…

..und das zu Recht! Wenn man sich mal die Namen im Kader anschaut und die Ablösesummen, die dahinter stehen, das kann man die hohe Erwartungshaltung verstehen. Und wie das im Fußball immer so ist, wenn sich kein Erfolg einstellt, wird ein Sündenbock gesucht. Das kann mal ein Spieler sein, mal der Vorstand sein, mal der Trainer sein.
Oder der Manager. Andreas Müller wurde mit lauten „Müller raus!“-Rufen bedacht.
Andi steht halt nicht mehr auf dem Platz, er ist verantwortlich für die Spielereinkäufe und wird deshalb von den Fans als Sündenbock hingestellt.

Sein Bonus als langjähriger Schalke-Spieler ist also bereits aufgebraucht?

Ja. Das ist im Fußball immer so: wenn du keinen Erfolg mehr hast, musst du gehen. Was hilft das, wenn ich Nürnberg aufgestiegen bin, den Pokal geholt habe und so weiter, wenn ich keinen Erfolg mehr habe. So ist das Leben! Speziell im Profifußball.

In der aktuellen Ausgabe von 11FREUNDE wird die Frage aufgeworfen, ob die Ultras Fluch oder Segen seien. Wie ist das auf Schalke?

Also eigentlich bereichern die Ultras die Fanszene in Schalke schon. Aber man muss darauf achten, dass sie nicht zu dominant werden und über andere Fans hinweg entscheiden. Es gibt genug kritische Stimmen, die sagen: wir lassen uns von den Ultras doch nicht alles vorschreiben. Gerade von den alten Kuttenträgern, die ihre eigene Fankultur erlebt haben und ganz anderer Meinung sind, wie die Ultras. Ich denke, man muss zusammenarbeiten, weil Ziel soll es ja sein – wie in der Politik – das alle nur das Beste für den Verein wollen. Das ist das A und O! Ich bin 27 Jahre im Amt. 27 Jahre. Ich habe also schon fast alles erlebt. Und immer dann, wenn es wirklich Probleme gab im Verein, haben alle an einem Strang gezogen und waren dann am stärksten.

Das fordern Sie auch von der aktuellen Fanszene?

Es muss Verständnis füreinander aufgebracht werden. Die Kutten müssen einsehen, dass die Ultras nicht ganz Unrecht haben in ihren Forderungen, die Ultras wiederum müssen von ihrem hohen Ross herunterkommen. Selbstkritik ist angesagt, sie können nicht so tun, als sei nur das, was sie sagen, das einzig Richtige. Das ist ein Geben und Nehmen.

Die „alte“ Fanszene ist auf Schalke doch schon noch sehr stark vertreten und hat einen bedeutenden Einfluss…

Sicherlich. Wir haben 1300 Fanklubs, deren Mitglieder auch Mitglied im Verein sind. Die spielen eine gewichtige Rolle. Man muss bei der ganzen Diskussion natürlich auch berücksichtigen, dass ein 40-Jähriger eben nicht mehr auf der Stange hüpft und während des Spies die ganze Zeit mit dem Rücken zum Spielfeld steht, deshalb steht wirkt er nicht so im Vordergrund. Der will das Spiel sehen, hinterfragt die Dinge ganz anders. Die Ultras haben teilweise auch Ideen und Forderungen, die so nicht ganz nachvollziehbar sind. Sie schimpfen über den Kommerz, das ganze Geld und die Polizei im Stadion. Sie haben ja teilweise Recht, vieles ist verboten worden, was die Kuttenträger von damals noch im Stadion tun durften.

Und die Kritik am Kommerz? Ist doch nachvollziehbar, oder nicht?

Naja, ohne Kommerz kannst du deinen Verein aber heutzutage nicht mehr in der Bundesliga halten. Da musst du mit der Verbandsklasse vorlieb nehmen. Die Bundesliga braucht Geld um die Stars zu holen, da kann ich mich auf den Kopf stellen, das ändert auch nichts mehr daran! Die Forderung ist völlig überflüssig. Gleiches gilt für die Kritik an der Polizei. Ich bin froh, dass es die Polizei im Stadion gibt, die Frage ist doch: wie arbeite ich mit der Polizei korrekt zusammen? Man darf das den Ultras alles aber nicht zum Vorwurf machen, das sind teilweise noch sehr junge Menschen, die eben noch nicht über bestimmte Erfahrungen verfügen.

Die klassische Ultra-Karriere beginnt mit 15,16 und endet mit…?

...24, 25. Ich habe die Ultra-Bewegung von Beginn an miterlebt und habe nun schon von vielen gehört, sie wären zu alt dafür und könnten die Ultra-Bewegung nicht mehr verstehen. Obwohl ich natürlich schmunzeln muss, wenn mit Menschen mit Mitte 20 sagen, sie wären dafür „zu alt“. Das ist ja eigentlich das beste Alter um Fan zu sein. Die Ultras müssen akzeptieren, dass sie nicht die einzigen und besten Fans der Welt sind, sie dürfen nicht vergessen, woher sie kommen. Wir sind eine gemeinsame Fangruppierung. 

Die Frage muss ich Ihnen stellen: Wann hoffen Sie auf das Ende des Meisterschaftsfluchs?

Oh, ob das noch einmal miterlebe…(lacht). Die paar Minuten Meister habe ich auf jeden Fall genossen, und als wir damals sieben Punkte Vorsprung hatten und zwei Heimspiele vor der Brust habe ich wirklich an den Titelgewinn geglaubt. Schön ist das nicht, wenn die gegnerischen Fans singen: „Ihr werdet nie Deutscher Meister!“ Ich habe das gegen Leverkusen auch immer gesungen. Aber: ich gehöre noch zur Generation, die den Bundesligaskandal mitgemacht hat, da wurden wir immer mit „FC Meineid“ empfangen, das war genauso bitter. Ich hoffe natürlich weiterhin, dass dieses Thema in den nächsten Jahren endlich ad acta gelegt werden kann, noch besser: Die Meisterschaft 2009, das würde unserem Nachbar aus der verbotenen Stadt besonders weh tun. Die haben dann ihre 100-Jahr-Feier! 

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