Schafft es Estland zur EM, Christian Happel?

»Ein frühes Tor bricht uns das Genick«

Der Deutsche Christian Happel ist noch immer Mitglied im Präsidium des estnischen Fußballverbandes, auch wenn er inzwischen für den Chemnitzer FC arbeitet. Vor dem Playoff-Spiel der Esten gegen Irland sprachen wir mit ihm über eine historische Chance. Schafft es Estland zur EM, Christian Happel?

Christian Happel, wenn Estland die Playoff-Spiele gegen Irland übersteht und tatsächlich an der Europameisterschaft teilnehmen darf, dann wäre das wie...

Christian Happel: ...die Teilnahme Lettlands an der EM 2004. Eine Fußballnation, die nur wenige kennen, vertreten durch eine Mannschaft, die kaum einer kennt.

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Sie kennen den estnischen Fußball genau, haben die heimische »Baltic League« mit aufgebaut. Auf welche Spieler sollte man ganz genau achten, wenn man sich die Begegnungen gegen Irland anschauen möchte?

Christian Happel: Torwart Sergei Pareiko ist ein richtig guter Schlussmann, momentan ist er bei Wisla Krakau unter Vertrag und das ist ja – wenn das auch viele deutsche Fußballfans nicht glauben mögen – eine richtig gute Mannschaft. Der vielleicht beste Feldspieler ist Kapitän Konstantin Vassiljev. Er schießt die wichtigen Tore. Allerdings: Wenn er mal einen schlechten Tag erwischt hat, dann wirkt sich das oft auch auf die gesamte Mannschaft aus. Spieler wie Mittelfeldmann Sander Puri oder die Stürmer Sergei Zenjov und Kaimar Saag sind alle erst Anfang 20, auf Ihnen ruhen die Hoffnungen für die Zukunft.

Wir sehen schon, echte Stars hat Estland nicht zu bieten.

Christian Happel: Das stimmt. Den prominentesten Arbeitgeber hat Angreifer Tarmo Kink. Er spielt seit 2010 beim FC Middlesbrough, kommt dort allerdings nur selten zum Einsatz. Und Joel Lindpere spielt zwar »nur« bei Red Bull New York, hat dort allerdings einen sehr bekannten Mitspieler: Thierry Henry.

Und diese Mannschaft soll Irland schlagen – eine Mannschaft mit namhaften Spielern wie Torwart Shay Given, John O´Shea, Damien Duff oder Robbie Keane?

Christian Happel: Sie wird es zumindest versuchen. Und warum soll es nicht gelingen? Haben Sie sich mal die Gegner in Estlands Qualifikationsgruppe C angesehen? Nominell war das die schwerste alle Gruppen. Mit Italien, Serbien und Slowenien waren gleich drei Mannschaften dabei, die bei der WM 2010 in Südafrika mitgemischt haben. Drei WM-Teilnehmer! Das hatte keine andere Gruppe zu bieten.

Estland wurde mit 16 Punkten Zweiter hinter Italien – woher kommt dieser plötzliche Erfolg der Nationalmannschaft?

Christian Happel: Natürlich ist diese Qualifikation eine große Überraschung. Die Menschen in Estland können noch gar nicht glauben, was da gerade passiert. Die Euphorie ist gigantisch. Zumal wir in Estland nur gut 10.000 eingetragene Fußballer haben, zum Vergleich: Finnland hat zehnmal so viele Vereinsfußballer! Außerdem gehört unsere Liga zu den schwächsten in ganz Europa. Und trotzdem ist Fußball in Estland Nationalsport, die Leute lieben dieses Spiel und insbesondere die Spiele der Nationalmannschaft.

Und das, obwohl Estland in all den Jahrzehnten der Sowjet-Diktatur gar keine eigene Nationalmannschaft hatte.

Christian Happel: Ja, aber der Patriotismus hat diese dunkle Zeit überlebt. Das letzte Spiel einer estländischen Nationalmannschaft vor der Einverleibung des Landes durch die Sowjetunion fand übrigens am 18. Juli 1940 gegen Lettland in Tallinn statt – drei Tage bevor die sowjetischen Truppen das Land vollständig besetzten. Estland gewann dieses Spiel mit 2:1, nach dem Schlusspfiff sangen die 8.000 Zuschauer die estnische Nationalhymne und schwenkten die bereits verbotenen blau-schwarz-weißen Landesflaggen. Auf Schultern trug man die Mannschaft bis vor den Präsidentenpalast von Präsident Konstantin Päts. Zum Glück eröffneten die sowjetischen Soldaten nicht das Feuer, doch schon in der Nacht wurden die ersten Fans verhaftet. Wenig später gab es die Nationalmannschaft von Estland nicht mehr.

Das nächste Länderspiel fand erst 52 Jahre später statt, am 3. Juni 1992 gegen Slowenien...

Christian Happel: ...und wiederum 19 Jahre später hat Estland die Chance, erstmals an der Europameisterschaft teilzunehmen. Weil ausgerechnet Slowenien im letzten Gruppenspiel Estlands härtesten Konkurenten Serbien überraschend mit 1:0 besiegt hat. Das ist doch eine wunderbare Wendung der Geschichte!

Ihr Tipp für die Spiele gegen Irland?

Christian Happel: Wenn wir das Heimspiel heute Abend gewinnen, steht Irland am Dienstag vor heimischen Publikum so unter Druck, dass Estland vielleicht eine Chance hat. Alles darf passieren – nur nicht ein frühes Tor der Iren. Das würde der estnischen Mannschaft wohl das Genick brechen.

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