Sami Khedira vor dem Viertelfinale

»Wir müssen unsere Chance jetzt nutzen«

Nationalspieler Sami Khedira über sein Zusammenspiel mit Bastian Schweinsteiger, seinen Reifeprozess, die Kritik an seiner fußballerischen Qualität und den nicht zu stillenden Hunger nach Titeln.

Herr Khedira, hat sich Bastian Schweinsteiger schon bei Ihnen bedankt?
Warum soll er sich bedankt haben?

Weil Sie ihn ein bisschen in die Europameisterschaft hineingezogen haben?
Dafür muss sich niemand bedanken. Ich habe einfach versucht, das Beste für die Mannschaft zu geben – nicht für Bastian. Außerdem ist das doch das perfekte Spiel: Wenn einer von uns einen nicht so guten Tag erwischt, reißt der andere ihn mit. Es gibt solche Tage, wo einem der Ball mal verspringt oder ein Pass nicht ankommt. Das passiert auch Weltklasseleuten, das passiert auch mir. Dann werde ich halt von meinen Mitspielern mitgetragen.

Spürt man, wenn der Kollege Hilfe braucht?
Natürlich. Man sagt ja nicht: Mach bitte mal ein bisschen mehr! Ich fühl’ mich heute nicht so gut. Aber das ist auch eine Frage der Erfahrung. Ich habe in den vergangenen Jahren ein besseres Gespür dafür bekommen, wann ich mehr machen und wann ich vielleicht im Hintergrund arbeiten muss. Mittlerweile finde ich da eine sehr gute Abstimmung.

Bei Real Madrid nehmen Sie eine entschieden defensive Rolle ein. In den Spielen gegen Portugal und Dänemark hatte man das Gefühl, Sie hätten es richtig genossen, dass Sie endlich mal die Fesseln lösen durften.
Gegen Dänemark konnte und musste ich offensiver spielen, weil Bastian in der zweiten Hälfte den defensiveren Part übernommen hat. Und gegen Portugal war es einfach notwendig, dass ich mich in die Offensive einschalte. Wir hatten bis zur 70. Minute kein Tor geschossen und wollten unbedingt gewinnen. Da kann ich ja nicht stur hinten bleiben. Wenn wir bei Real ein Tor brauchen, habe ich auch meine Offensivaktionen. Gegen Holland war das nach dem 2:0 anders. Da habe ich versucht, das Spiel noch mehr zu stabilisieren.

Was erwarten Sie gegen die Griechen?
Erst einmal ist Geduld gefragt, weil es sehr schwer ist, das Abwehrbollwerk der Griechen zu brechen. Sie stehen sehr kompakt, sind taktisch gut ausgebildet und sehr aggressiv gegen den Mann. Die Griechen werden alles versuchen, um uns in die Knie zu zwingen. Aber das werden sie definitiv nicht schaffen.

Sie kommen in der Öffentlichkeit oft als der klassische Sechser rüber, der auf die Defensive festgelegt ist – während bei anderen eher die fußballerische Komponente hervorgehoben wird. Nervt Sie diese Diskussion?
Das nervt nicht. Aber irgendwann ist man es einfach leid, wenn es so dargestellt wird, dass ich nicht Fußball spielen kann, sondern nur der Zerstörer bin. Wenn das so wäre, würde ich hier bei der Nationalmannschaft keine große Rolle spielen.

Gibt es eine Ästhetik des Verteidigens?
Weiß ich nicht. Es gibt eine Notwendigkeit des Verteidigens. Der Fußball hat sich so entwickelt, dass das Verteidigen jedem Spaß machen muss. Ohne diesen Spaß hat man als Mannschaft keine Aussicht auf großen Erfolg.

Aber beneiden Sie einen Stürmer wie Mario Gomez nicht manchmal um die öffentliche Zuneigung, die ihm zuteil wird, wenn er das entscheidende Tor erzielt hat?
Nein. Ich weiß ja, wie dieses Geschäft läuft. Und ich weiß auch nicht, ob Mario sich mit dem Wirbel wirklich so wohl- fühlt. Er nimmt das einfach zur Kenntnis, aber er macht diesen Hype ja nicht. Er macht das, was er machen muss: Tore. Für mich ist es wichtig, dass der Trainer, der die Mannschaft aufstellt, mein Spiel richtig analysiert. Wenn andere die Offensivspieler feiern, ist das schon in Ordnung.

Stürmer erzählen, dass ihnen vor dem Einschlafen noch einmal Bilder von ihren Toren durch den Kopf gehen; Torhüter können sich an ihre Paraden erinnern. Was erscheint Ihnen vor dem Einschlafen?
Ich spiele meine Aktionen noch einmal durch. Gerade bei einem gedrängten Turnier ist es wichtig, dass man sich sehr schnell mit seinen Fehlern auseinandersetzt, damit man sie auch schnell korrigieren kann. Nach unserem Spiel gegen Portugal war uns allen klar, dass wir noch schneller, noch konzentrierter, noch konsequenter spielen müssen. Solche Gedanken mache ich mir vor dem Einschlafen.


Sie führen ein Zwiegespräch mit sich selbst?
Das brauche ich, um mich zu vergewissern: Was habe ich gut gemacht, wenn ich einen Zweikampf gewonnen habe? Was ist schiefgelaufen, wenn ich einen Ball nicht erreicht oder den Zwischenraum nicht zugemacht habe? Es sind eher die nicht so guten Aktionen, die immer wieder hochkommen. Aber es ist auch gut, noch einmal Fernsehbilder zu sehen und nicht nur der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen.

Träumen Sie von Spielsituationen?
Es ist weniger geworden. Ich kann mich an ein Interview von Mario Gomez erinnern, in dem er gesagt hat, dass sein Bein manchmal im Schlaf zuckt und er dann ein Tor schießt. Ich zucke auch manchmal, aber ich schieße dann kein Tor. Ich weiß nicht, was das für Situationen sind. Mir ist jedenfalls nicht bewusst, dass ich eine Grätsche mache und meine Freundin dabei aus dem Bett kicke.

Ist Ihr Spiel zu komplex für einen Traum?
Für mich ist es ja relativ einfach. Es wird vielleicht nur kompliziert dargestellt.

Wie meinen Sie das?
In meiner Position ist weniger manchmal sehr viel mehr. Ich werde ja oft gefragt, was sich seit der WM 2010 verändert hat. Ich glaube, dass ich 2010 noch ein bisschen zu ungestüm war, dass ich zu oft die Wege nach vorne gesucht habe, die in dieser Situation und mit unserer damaligen Mannschaft auch wichtig waren. Aber sie haben eben viel Kraft gekostet und immer wieder Lücken in unsere Defensive gerissen. Jetzt kann ich das besser einschätzen.

Ist das ein Erkenntnisprozess, den die ganze Mannschaft gerade durchläuft?
Definitiv. Wir gehen nicht mehr so leichtsinnig mit unserem Spiel um. Wir spielen viel cleverer. Selbst wenn es nicht so läuft, wie wir es uns vorstellen, verlieren wir nie die Ruhe. Gegen Holland und gegen Dänemark war das gut zu sehen. Man kann den Gegner auch mal laufen lassen, dann hat man eben fünf Minuten den Ball – selbst wenn die gegnerischen Fans pfeifen. Da muss man einfach clever sein, weil wir bei der EM noch drei hoch intensive Spiele haben wollen. Was bringt es, sich gegen Holland zu verausgaben und 5:0 statt 2:1 zu gewinnen? Das sind auch nur drei Punkte.

Als defensiver Mittelfeldmann spielen Sie im Herz der Mannschaft. Inwiefern hat diese Position Ihre Persönlichkeit geprägt?
Die zentrale Position bringt viele Aufgaben mit sich. Man muss verteidigen, Zweikämpfe gewinnen, die Abwehr entlasten, das Spiel gestalten und in der Offensive präsent sein. So kommt man automatisch in eine Rolle, in der man viel Verantwortung übernehmen muss, ob man will oder nicht. Wenn man das nicht tut oder nicht schafft, ist man einfach der Falsche für diese Position. Dann kommt der Nächste. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Persönlichkeit: Wenn man merkt, dass man wichtig ist, will man auch außerhalb des Platzes Verantwortung übernehmen.

Was bedeutet das konkret?
Jeder macht das auf seine Art. Man reift, wird erwachsener, nimmt Dinge auch bewusster wahr. Und man macht sich außerhalb des Platzes noch mehr Gedanken. So ist es zumindest bei mir. Da spielt auch der Wechsel nach Madrid eine Rolle. Ich habe versucht, mein Leben noch mehr in den Griff zu bekommen. Es heißt ja immer: Man hat zu sich gefunden, wenn man weiß, was man vom Leben will.

Was ist das bei Ihnen?
Ich will selbst bestimmen, was passiert. Ich will nicht fremdbestimmt sein. Natürlich haben mir meine Eltern etwas mitgegeben, aber ich muss mich selber finden. Ich habe auch einen Berater. Er ist aber nicht mein Entscheider. Er sagt nicht: Du musst jetzt zu Real Madrid gehen, du musst das und das machen. Die letzte Entscheidung liegt zu hundert Prozent bei mir. Das ist mein Leben. Jetzt, wo mir das bewusst geworden ist, muss ich sagen, dass ich mich so am wohlsten fühle.


Man hat den Eindruck, dass Ihre Körpersprache ausdrucksstärker geworden ist. Liegt das auch an Ihrem Wechsel zu Real?
Bestimmt. Aber man muss auch zwischen gespieltem und natürlichem Selbstbewusstsein unterscheiden. Es reicht nicht, dass man die Brust rausstreckt und die Schultern nach hinten nimmt. Da piekst dann jemand rein, und alles fällt in sich zusammen. Das muss von innen kommen. Nur dann spürt man auch von außen diese Stärke. Das sehe ich speziell bei José Mourinho. Seine Auftritte sind nicht gespielt, die sind echt. Er lebt das. Das ist das, was mich am meisten beeindruckt und was auch meine eigene Entwicklung prägt. Du richtest dich nach so großen Persönlichkeiten wie Mourinho, wie Zidane, wie Casillas; zu ihnen schaue ich auf, von ihnen schaue ich mir auch gewisse Dinge ab. Das stärkt dich, führt automatisch zu mehr Selbstbewusstsein und wirkt sich letztlich auch auf die Körpersprache aus.

Merken Sie, dass Sie der Mannschaft jetzt mehr geben können?
Klar, weil ich nicht mehr so sehr mit mir selbst beschäftigt bin. Ich weiß genau, wo ich hin möchte und was ich erreichen will. Das meine ich, wenn ich sage, dass man weltoffen ist und einfach ein weiteres Sichtfeld hat. 2010 bei der WM war es eine ganz andere Situation. Da musste ich erst mal schauen, dass ich Fuß fasse und von der Mannschaft akzeptiert werde. Jetzt weiß ich das, ohne groß darüber nachdenken zu müssen. Wenn ich mich konzentriere, werde ich auch mein Potenzial abrufen. Da muss ich keine Angst haben. Und ich kann gleichzeitig meinen Mitspielern helfen. Das macht mir unheimlich Spaß, weil mir das meine eigene Entwicklung vor Augen führt. Ich bin jetzt nicht mehr derjenige, der noch mal nachfragen muss. Ich bin auch noch jung, keine Frage. Aber wir haben noch viel jüngere und unerfahrenere Frischlinge dabei.

Das hört sich sehr danach an, dass Ihr Weg konsequent Richtung Trainerjob geht.
Das mag sein, aber momentan beschäftigt mich das noch relativ wenig. Ich bin froh, Fußballspieler zu sein. Und wenn ich das nicht mehr sein kann, werde ich wahrscheinlich froh sein, ein Leben außerhalb des Scheinwerferlichts zu führen. Deshalb weiß ich nicht, ob Bundesliga- oder Nationaltrainer das Richtige für mich wäre. Aber bis dahin habe ich ja noch sieben, acht oder zehn Jahre Zeit.

Glauben Sie, dass Ihre Persönlichkeit als Mensch auch auf Ihr Spiel zurückwirkt?
Um als Leader auftreten zu können, brauchst du auch bestimmte charakterliche Eigenschaften. Für mich war mannschaftlicher Erfolg immer das Wichtigste. In der Jugend war mir alles egal – Hauptsache, ich hatte eine Medaille um den Hals. So ist es immer noch. Selbst wenn ich die Drecksarbeit machen muss und das im ersten Moment nicht so gewürdigt wird … Ich glaube, dass ich meine Rolle im Team und generell ganz gut gefunden habe. Ich versuche, einfach natürlich zu sein und mich nicht in den Vordergrund zu drängen. Ich will der Mannschaft ein gutes Gefühl geben. Es gibt Spieler, die sich, vielleicht auch unbewusst, mehr in den Vordergrund drängen; mir ist wichtiger, dass ich ein Teil der Mannschaft bin, dass ich mich für das Team opfere und dass ich Titel gewinne.

Deutscher Meister mit der B-, der A-Jugend und den Profis vom VfB Stuttgart, U-21-Europameister, Pokalsieger und Spanischer Meister mit Real Madrid: Die Erfolge ziehen sich in kurzer Zeit durch Ihre Karriere.
Scheint so zu sein. Bis jetzt läuft’s relativ gut. Das ist auch der Grund, warum ich Fußball spiele. Natürlich ist es wichtig, dass man finanziell abgesichert ist, dass man auch noch seinen Enkeln ein ruhiges Leben schenken kann. Aber Fußball war für mich immer schon Leidenschaft und volle Hingabe und Erfolge feiern. Wenn man schon einen Titel gewonnen hat, kriegt man noch mehr Hunger. Manche sagen ja, dass man satt wird.Das Gegenteil ist der Fall. Es ist wie so eine kleine Sucht. Man will immer mehr davon.

Was bedeutet das für die EM?
Wir haben bei Real – in Anführungsstrichen – nur einen Titel gewonnen. Eigentlich wollten wir drei holen. Einer ist jetzt noch möglich. Wenn man so eine Mannschaft hat wie wir, wenn man so eine Chance hat, muss man die auch nutzen. Das muss man nicht künstlich verlangsamen und sagen: Wir sind noch nicht so weit. Die Mannschaft ist noch jung. Quatsch! Wir haben die Chance jetzt, und jetzt müssen wir sie nutzen. Wir sind an der Reihe, mal wieder etwas Großes zu gewinnen.

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