21.06.2012

Sami Khedira vor dem Viertelfinale

»Wir müssen unsere Chance jetzt nutzen«

Nationalspieler Sami Khedira über sein Zusammenspiel mit Bastian Schweinsteiger, seinen Reifeprozess, die Kritik an seiner fußballerischen Qualität und den nicht zu stillenden Hunger nach Titeln.

Interview: Michael Rosentritt und Stefan Hemanns Bild: Imago

Sie führen ein Zwiegespräch mit sich selbst?
Das brauche ich, um mich zu vergewissern: Was habe ich gut gemacht, wenn ich einen Zweikampf gewonnen habe? Was ist schiefgelaufen, wenn ich einen Ball nicht erreicht oder den Zwischenraum nicht zugemacht habe? Es sind eher die nicht so guten Aktionen, die immer wieder hochkommen. Aber es ist auch gut, noch einmal Fernsehbilder zu sehen und nicht nur der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen.

Träumen Sie von Spielsituationen?
Es ist weniger geworden. Ich kann mich an ein Interview von Mario Gomez erinnern, in dem er gesagt hat, dass sein Bein manchmal im Schlaf zuckt und er dann ein Tor schießt. Ich zucke auch manchmal, aber ich schieße dann kein Tor. Ich weiß nicht, was das für Situationen sind. Mir ist jedenfalls nicht bewusst, dass ich eine Grätsche mache und meine Freundin dabei aus dem Bett kicke.

Ist Ihr Spiel zu komplex für einen Traum?
Für mich ist es ja relativ einfach. Es wird vielleicht nur kompliziert dargestellt.

Wie meinen Sie das?
In meiner Position ist weniger manchmal sehr viel mehr. Ich werde ja oft gefragt, was sich seit der WM 2010 verändert hat. Ich glaube, dass ich 2010 noch ein bisschen zu ungestüm war, dass ich zu oft die Wege nach vorne gesucht habe, die in dieser Situation und mit unserer damaligen Mannschaft auch wichtig waren. Aber sie haben eben viel Kraft gekostet und immer wieder Lücken in unsere Defensive gerissen. Jetzt kann ich das besser einschätzen.

Ist das ein Erkenntnisprozess, den die ganze Mannschaft gerade durchläuft?
Definitiv. Wir gehen nicht mehr so leichtsinnig mit unserem Spiel um. Wir spielen viel cleverer. Selbst wenn es nicht so läuft, wie wir es uns vorstellen, verlieren wir nie die Ruhe. Gegen Holland und gegen Dänemark war das gut zu sehen. Man kann den Gegner auch mal laufen lassen, dann hat man eben fünf Minuten den Ball – selbst wenn die gegnerischen Fans pfeifen. Da muss man einfach clever sein, weil wir bei der EM noch drei hoch intensive Spiele haben wollen. Was bringt es, sich gegen Holland zu verausgaben und 5:0 statt 2:1 zu gewinnen? Das sind auch nur drei Punkte.

Als defensiver Mittelfeldmann spielen Sie im Herz der Mannschaft. Inwiefern hat diese Position Ihre Persönlichkeit geprägt?
Die zentrale Position bringt viele Aufgaben mit sich. Man muss verteidigen, Zweikämpfe gewinnen, die Abwehr entlasten, das Spiel gestalten und in der Offensive präsent sein. So kommt man automatisch in eine Rolle, in der man viel Verantwortung übernehmen muss, ob man will oder nicht. Wenn man das nicht tut oder nicht schafft, ist man einfach der Falsche für diese Position. Dann kommt der Nächste. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Persönlichkeit: Wenn man merkt, dass man wichtig ist, will man auch außerhalb des Platzes Verantwortung übernehmen.

Was bedeutet das konkret?
Jeder macht das auf seine Art. Man reift, wird erwachsener, nimmt Dinge auch bewusster wahr. Und man macht sich außerhalb des Platzes noch mehr Gedanken. So ist es zumindest bei mir. Da spielt auch der Wechsel nach Madrid eine Rolle. Ich habe versucht, mein Leben noch mehr in den Griff zu bekommen. Es heißt ja immer: Man hat zu sich gefunden, wenn man weiß, was man vom Leben will.

Was ist das bei Ihnen?
Ich will selbst bestimmen, was passiert. Ich will nicht fremdbestimmt sein. Natürlich haben mir meine Eltern etwas mitgegeben, aber ich muss mich selber finden. Ich habe auch einen Berater. Er ist aber nicht mein Entscheider. Er sagt nicht: Du musst jetzt zu Real Madrid gehen, du musst das und das machen. Die letzte Entscheidung liegt zu hundert Prozent bei mir. Das ist mein Leben. Jetzt, wo mir das bewusst geworden ist, muss ich sagen, dass ich mich so am wohlsten fühle.

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