21.06.2012

Sami Khedira vor dem Viertelfinale

»Wir müssen unsere Chance jetzt nutzen«

Nationalspieler Sami Khedira über sein Zusammenspiel mit Bastian Schweinsteiger, seinen Reifeprozess, die Kritik an seiner fußballerischen Qualität und den nicht zu stillenden Hunger nach Titeln.

Interview: Michael Rosentritt und Stefan Hemanns Bild: Imago

Herr Khedira, hat sich Bastian Schweinsteiger schon bei Ihnen bedankt?
Warum soll er sich bedankt haben?

Weil Sie ihn ein bisschen in die Europameisterschaft hineingezogen haben?
Dafür muss sich niemand bedanken. Ich habe einfach versucht, das Beste für die Mannschaft zu geben – nicht für Bastian. Außerdem ist das doch das perfekte Spiel: Wenn einer von uns einen nicht so guten Tag erwischt, reißt der andere ihn mit. Es gibt solche Tage, wo einem der Ball mal verspringt oder ein Pass nicht ankommt. Das passiert auch Weltklasseleuten, das passiert auch mir. Dann werde ich halt von meinen Mitspielern mitgetragen.

Spürt man, wenn der Kollege Hilfe braucht?
Natürlich. Man sagt ja nicht: Mach bitte mal ein bisschen mehr! Ich fühl’ mich heute nicht so gut. Aber das ist auch eine Frage der Erfahrung. Ich habe in den vergangenen Jahren ein besseres Gespür dafür bekommen, wann ich mehr machen und wann ich vielleicht im Hintergrund arbeiten muss. Mittlerweile finde ich da eine sehr gute Abstimmung.

Bei Real Madrid nehmen Sie eine entschieden defensive Rolle ein. In den Spielen gegen Portugal und Dänemark hatte man das Gefühl, Sie hätten es richtig genossen, dass Sie endlich mal die Fesseln lösen durften.
Gegen Dänemark konnte und musste ich offensiver spielen, weil Bastian in der zweiten Hälfte den defensiveren Part übernommen hat. Und gegen Portugal war es einfach notwendig, dass ich mich in die Offensive einschalte. Wir hatten bis zur 70. Minute kein Tor geschossen und wollten unbedingt gewinnen. Da kann ich ja nicht stur hinten bleiben. Wenn wir bei Real ein Tor brauchen, habe ich auch meine Offensivaktionen. Gegen Holland war das nach dem 2:0 anders. Da habe ich versucht, das Spiel noch mehr zu stabilisieren.

Was erwarten Sie gegen die Griechen?
Erst einmal ist Geduld gefragt, weil es sehr schwer ist, das Abwehrbollwerk der Griechen zu brechen. Sie stehen sehr kompakt, sind taktisch gut ausgebildet und sehr aggressiv gegen den Mann. Die Griechen werden alles versuchen, um uns in die Knie zu zwingen. Aber das werden sie definitiv nicht schaffen.

Sie kommen in der Öffentlichkeit oft als der klassische Sechser rüber, der auf die Defensive festgelegt ist – während bei anderen eher die fußballerische Komponente hervorgehoben wird. Nervt Sie diese Diskussion?
Das nervt nicht. Aber irgendwann ist man es einfach leid, wenn es so dargestellt wird, dass ich nicht Fußball spielen kann, sondern nur der Zerstörer bin. Wenn das so wäre, würde ich hier bei der Nationalmannschaft keine große Rolle spielen.

Gibt es eine Ästhetik des Verteidigens?
Weiß ich nicht. Es gibt eine Notwendigkeit des Verteidigens. Der Fußball hat sich so entwickelt, dass das Verteidigen jedem Spaß machen muss. Ohne diesen Spaß hat man als Mannschaft keine Aussicht auf großen Erfolg.

Aber beneiden Sie einen Stürmer wie Mario Gomez nicht manchmal um die öffentliche Zuneigung, die ihm zuteil wird, wenn er das entscheidende Tor erzielt hat?
Nein. Ich weiß ja, wie dieses Geschäft läuft. Und ich weiß auch nicht, ob Mario sich mit dem Wirbel wirklich so wohl- fühlt. Er nimmt das einfach zur Kenntnis, aber er macht diesen Hype ja nicht. Er macht das, was er machen muss: Tore. Für mich ist es wichtig, dass der Trainer, der die Mannschaft aufstellt, mein Spiel richtig analysiert. Wenn andere die Offensivspieler feiern, ist das schon in Ordnung.

Stürmer erzählen, dass ihnen vor dem Einschlafen noch einmal Bilder von ihren Toren durch den Kopf gehen; Torhüter können sich an ihre Paraden erinnern. Was erscheint Ihnen vor dem Einschlafen?
Ich spiele meine Aktionen noch einmal durch. Gerade bei einem gedrängten Turnier ist es wichtig, dass man sich sehr schnell mit seinen Fehlern auseinandersetzt, damit man sie auch schnell korrigieren kann. Nach unserem Spiel gegen Portugal war uns allen klar, dass wir noch schneller, noch konzentrierter, noch konsequenter spielen müssen. Solche Gedanken mache ich mir vor dem Einschlafen.

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