Saarbrückens Jürgen Luginger über das Pokalspiel gegen Werder

»Meine Lehrjahre sind vorbei«

Der 1. FC Saarbrücken wird am Sonntag alles daran setzen, dem SV Werder in der ersten Runde des DFB-Pokals ein Bein zu stellen. Wir sprachen vorab mit Trainer Jürgen Luginger über die Bremer, das Los zahlreicher Traditionsvereine und seine Trainerkarriere.

Jürgen Luginger, Sie sind mit zwei Niederlagen in die Saison gestartet, kommt das »Spiel des Jahres« gegen Werder Bremen zum falschen Zeitpunkt?
Nein. Es ist doch wunderbar, dass wir die Gelegenheit bekommen, uns in einem anderen Wettbewerb zu präsentieren. Jeder kennt Beispiele, die zeigen, wie sich Mannschaften im Pokal Selbstvertrauen geholt haben. Wir haben nichts zu verlieren, aber eine Menge zu gewinnen.

Haben Sie schon ein Rezept, wie Sie die Nervosität Ihrer Spieler in den Griff kriegen?
Ach, uns wurde bereits im letzten Jahr ein Bundesligist zugelost (0:5 gegen Schalke 04, d. Red.). Meine Spieler wissen, was auf sie zukommt. Sie wollen angreifen und einen guten Eindruck hinterlassen. Weshalb sollten sie nervös sein? Wir wollen mit Spaß an die Sache rangehen.

Wie kommentieren Sie das Spielsystem Ihres Kollegen Robin Dutt?
Er hat in Freiburg und Leverkusen gute Arbeit geleistet. Robin Dutt hat stets viel Wert auf die Offensive gelegt, häufige Positionswechsel sind ihm wichtig. Auch in Bremen hat er nun viele variable und mutige Spieler: Profis, die das Spiel breit machen. Es wird schwierig, sein System zu knacken.

Ihr Bremer Lieblingsspieler?
Ich kenne Clemens Fritz und schätze dessen Spielweise sehr. Mittlerweile genießt er in Bremen einen hohen Stellenwert, arbeitet mannschaftsdienlich und hochprofessionell. Er hat sich ausgezeichnet entwickelt.

Würden Sie sich freuen, wenn Arnautovic und Elia am Sonntag aufliefen?
(lacht) Das ist Robin Dutts Angelegenheit! Werder hat so viel Qualität im Kader, da wäre es müßig, sich irgendeine Aufstellung zu wünschen. Für uns sich dadurch nämlich wenig. Fest steht: Erwischen die benannten Spieler einen guten Tag, sind sie nur schwer in den Griff zu kriegen.

Glauben Sie, Marko Arnautovic könnte drei oder vier Saarbrückener aufzählen?
So schlecht sind meine Jungs auch wieder nicht! (lacht) Wir wollen uns nicht kleiner machen als wir sind. Robin Dutt wird aber sicherlich dafür sorgen, dass seine Spieler die nötigen Infos bekommen. Ich glaube auch nicht, dass die uns unterschätzen, schließlich ist es kein Freundschaftsspiel. Es geht um sehr, sehr viel. Auch für Bremen.

Ihr Klub hat für die Pokal-Partie erst etwas mehr als 10.000 Karten verkauft – eine Enttäuschung?
Das würde ich so nicht sagen. Sollten 15.000 Zuschauer kommen, wäre das okay. Ich weiß nicht, wer von deutlich mehr geträumt hat.

Woran liegt es, dass zu den Heimspielen in der Regel nicht viel mehr als 5000 Zuschauer kommen?
Der Ludwigspark hat schon so einige Jahre auf der Uhr, das merkt man an diversen Stellen. Ob Service, Komfort, Infrastruktur – das Stadion ist nicht zu vergleichen mit den modernen Arenen vieler Konkurrenten. Die Zuschauer erwarten heutzutage einen gewissen Standard, den wir zurzeit leider nicht bieten können. Dass darunter auch die Atmosphäre leidet, steht außer Frage; die ist in den reinen Fußballarenen deutlich besser. Es ist ein Unterschied, ob 5000 Fans im Stadion des FC Hansa Rostock singen oder ob 5000 Fans im Ludwigspark singen.

Ist das der einzige Grund für die geringen Zuschauerzahlen?
Natürlich nicht. Man darf nicht vergessen, dass der Klub vor einigen Jahren in die Oberliga durchgereicht wurde. Wir haben einiges nachzuholen. Zudem haben die Leute hier einen Verein vor der Tür, der relativ erfolgreich im Profifußball mitmischt.

Sie meinen den 1. FC Kaiserslautern?
Ja. Und nach Mainz ist es im Übrigen auch keine Weltreise. Mit anderen Worten: Wir haben starke Konkurrenz in der Umgebung. Es ist verständlich, dass die Leute sich gern Spitzenfußball anschauen wollen – und das soll eindeutig kein Vorwurf sein. FCS-Fan zu sein, ist nicht immer bequem. Gerade deshalb möchte ich unseren treuen Anhängern, dem harten Kern, der uns in der Dritten Liga unterstützt, ein großes Kompliment machen.


Weshalb gehört Saarbrücken eigentlich in die Zweite Liga, Herr Luginger?
Erstens: Saarbrücken ist die Landeshauptstadt. Zweitens: Der FCS hat eine großartige Tradition. Drittens: Das Potenzial ist enorm.

Weshalb bilden sich viele Regional- und Drittligisten so viel auf ihre Tradition ein?
Das ist offensichtlich eine emotionale Geschichte, die alten Erfolge schwirren noch in den Köpfen herum, man weiß, wie es sich anfühlt, oben mitzumischen. Klar ist aber auch: Von Tradition allein kann man nicht leben. Zum Glück geht es im Sport um Leistung – wer große Fehler begeht, muss damit rechnen, abzurutschen. Das können sowohl sportliche als auch wirtschaftliche Fehler sein.

Vereine, die für ihre fehlende Tradition belächelt und angefeindet werden, könnten sich schon in 15, 20 Jahren eine solche erarbeitet haben.  
Freilich ist das Wort  »Tradition« auch fürs Marketing von Vorteil. Es ist logischerweise leichter, einen Verein zu vermarkten, der eine lange und erfolgreiche Vergangenheit hinter sich hat als einen, der gerade gegründet wurde oder seit jeher in der Oberliga kickt. Traditionsklubs gibt es viele, auch in der Dritten Liga, am Ende des Tages geht es allerdings nur ums eins: Qualität.

Sie sagten vor einem Jahr,  in der Saison 2014/15 müsse es Saarbrückens Ziel sein, aufzusteigen. Bleibt es bei diesem Fahrplan?
Wir müssen abwarten, wie diese Runde läuft und wie der Umbruch, den wir vollziehen, über die Bühne geht. Gelingt uns dieser Umbruch, ist einiges drin. Wir haben großes Potenzial in der Mannschaft.  

Könnten Sie das ambitionierte Ziel Aufstieg überhaupt erreichen, wenn nicht vorher finanziell eine Schippe draufgelegt würde?
Das wäre in der Tat schwierig, denn ohne finanziellen Spielraum ist es heutzutage kaum möglich, talentierte Spieler dauerhaft zu halten. Wir sind leider immer wieder gezwungen gewesen, unsere Topspieler zu verkaufen, weil wir finanziell nicht mithalten konnten. Ich nenne nur die Namen Johannes Wurtz (wechselte 2012 zum SV Werder, d. Red.), Nico Zimmermann (2011 zu Eintracht Braunschweig, d. Red.), Manuel Zeitz (2010 zum SC Paderborn, d. Red.) oder auch Sven Sökler (2013 zum 1. FC Heidenheim, d. Red.). Ich hoffe, wie werden irgendwann in der Lage sein, solche Spieler zu halten.

Wo sehen Sie beim FCS den größten Nachholbedarf?
Da sind wir wieder beim Thema Stadion. Zurzeit sind dem Klub in Sachen Vermarktung teilweise die Hände gebunden. Hätten wir eine moderne Arena, würden wir in kürzester Zeit einen Riesensprung nach vorn machen, da bin ich mir sicher.

Sie haben Ihre Spielerkarriere vor sieben Jahren beendet und arbeiten seitdem als Trainer – sind Sie zufrieden damit, was sie bislang erreicht haben?
Das kann man so sagen. Meine erste Cheftrainer-Station war der KFC Uerdingen, damals in der Oberliga. Danach ging es für mich so richtig los, im Jahr 2008, ich wechselte zum damaligen Zweitligisten Rot-Weiß Oberhausen. Das waren aufregende und lehrreiche Jahre. Nun bin ich schon seit vier Jahren in Saarbrücken. Ich denke, das ist kein schlechter Start für einen Trainer.

Sie haben aber höhere Ziele.
Na klar! Die Lehrjahre sind vorbei, inzwischen stecke ich mir höhere Ziele. Eins möchte ich aber betonen: Ich schätze es sehr, dass hier in Saarbrücken auf Kontinuität gesetzt wird, davon könnten sich so einige Klubs eine Scheibe abschneiden.

Wie würden Sie reagieren, wenn ein Zweitligist Ihnen nach der Saison einen Vertrag anbietet?
Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten. Würde ich einen Wechsel jetzt kategorisch ausschließen, wäre ich naiv. Wer die Chance bekommt, einen Zweitligisten zu betreuen, der sollte sich das Angebot zumindest einmal anhören. Andererseits weiß ich genau, was ich hier in Saarbrücken habe.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!