RWE vor dem Neuanfang

»Hauptsache, wir existieren«

RWE vor dem Neuanfang

Hardy Hausberg ist Journalist, Moderator und Filmautor. Zum 100-jährigen Jubiläum von Rot Weiss Essen hat Hausberg eine 100-minütige Dokumentation über den Verein gedreht. Seit 1985 geht der gebürtige Essener regelmäßig zu Spielen seines Lieblingsvereins.

Hardy Hausberg, der Verein verkündet die erhaltene Lizenz für die NRW-Liga als großen Erfolg. Ist das jetzt das wirklich das Ende einer langen Talfahrt?

Es ist zwar bitter, bei einer Lizenz für die fünfte Liga von einem Erfolg zu sprechen. Aber wichtig für den Verein ist, dass es überhaupt erst einmal weitergeht. Das war vor vier oder fünf Wochen noch nicht klar. Zumindest die Frage,  ob der Verein überhaupt weiter bestehen kann, ist jetzt erst einmal beantwortet.

[ad]

...aber eine Basis für langfristigen sportlichen Erfolg besteht weiterhin nicht.

Im Moment ist es nun mal so, dass ein Insolvenzverwalter alles im Verein entscheidet. Wenn nicht einmal 500 Euro im Jahr für die Pflege von Georg Melches Grab ausgegeben werden darf, zeigt das deutlich, dass der Verein momentan nicht in der Hand von RWE-Verantwortlichen ist.

Ist das nicht nur eines der vielen Beispiele dafür, dass sich der Verein schon lange zu weit von seinen Traditionen entfernt hat?

Wenn man mit Verein den Vorstand und die Entscheidungsträger meint, dann gibt es diesen Verein momentan nicht. Insofern kann der Verein gar nicht anders als sich auf finanzielle Fragen zu beschränken. Das hat mit der Beziehung zum Fan nicht mehr viel zu tun.

Das birgt die Gefahr, dass der Verein die gesamte Verantwortung abgibt.

Ich glaube, dass das gar keine schlechte Lösung ist. Der Insolvenzberater steckt nicht im ganzen Wirrwarr des Vereins, hat keine Versprechungen abgegeben und kann in Ruhe seinen Job machen. Er muss einfach nur dafür sorgen, dass genügend gespart wird. Die Fans müssen sich wahrscheinlich auch eine neue Identität suchen. Das ist nicht mehr der Verein, der kurzfristig sportlich denkt.

Hat sich diese Entwicklung nicht schon länger angedeutet?

In den letzten Jahren ist viel Geld ausgegeben worden. Es war zwar durch Sponsoren und die Stadt Essen auch viel Geld da. Letztendlich sind mit dem Geld aber falsche sportliche Entscheidungen getroffen worden.

Welche Entscheidungen waren das?

Der Verein war ja nie richtig arm. Auch wenn die Spieler nicht mit goldenen Ringen am Finger angereist sind: RWE hat ja auch in der Zweiten Liga immer einen ordentlichen Etat gehabt. Dann muss ein Team aber irgendwann mal Erfolg haben. Das kann eine Mannschaft vielleicht ein oder zwei Spielzeiten verkraften, billiger zu spielen, als sie eigentlich ist. Aber wenn das über Jahre hinweg so geht, dann muss der Verein reagieren. Und einen sportlichen Leiter finden, der die Mannschaft richtig zusammenstellt. Das ganze Trainerteam war nicht gut genug während der letzten Jahre.

Wo liegen die Knackpunkte der Fehlentscheidungen?

Beim letzten Abstieg aus der Zweiten Liga 2007 hatte ich den Eindruck, dass RWE in eine Saison geht, in der der Verein krankt. Mit Stürmern wie Arie van Lent, damals auch schon 35 Jahre alt, praktisch Sportinvalide, und einem Alexander Löbe, der in der Zweiten Liga eigentlich nie besonders erfolgreich gewesen ist. Dann hat natürlich auch keiner Tore gemacht. Trainer Köstner hat daraufhin die Mannschaft umgestellt auf eine sehr handwerkliche, robuste, defensive Taktik. Das war für mich schon vor der Saison eine sportliche Fehleinschätzung, so dass der Misserfolg vorhersehbar war.

...bis RWE letztendlich in der fünften Liga gelandet ist. Wie schnell kann der Verein da wieder rauskommen?

Im jetzigen Zustand ist der Verein für ein professionelles Umfeld nicht geeignet. Das Stadion ist eine 50er Jahre-Ruine. Selbst die Räume der Geschäftsstelle wirken traurig. Das ist momentan einfach kein Umfeld, in dem etwas entstehen kann.

Müssen sich die RWE-Fans also darauf einstellen, über Jahre hinweg nur fünftklassigen Fußball zu sehen?

Ich glaube, dass RWE mit viel, viel weniger Geld, das vernünftig eingesetzt wird, relativ schnell aus der fünften Liga wieder aufsteigen kann. Aber danach könnte es dann schon wieder schwieriger werden. Wichtig ist, dass der Verein noch existiert. Aber die Zeit für große Träume ist wohl erstmal vorbei.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!