Ruud Krol über die WM 1978 und Hollands Chancen gegen Argentinien

»Wir hatten Angst«

1978 führte Ruud Krol die Niederlande als Kapitän ins WM-Finale. Der einstige Weltklasse-Verteidiger über den verpassten Sieg, die Stimmung unter den Militärs und einen verlorenen Rekord.

Ruud Krol, es knackt in der Leitung, die Telefonnummer ist so lang wie der Sicherheitscode für einen Internetzugang. Wo erreichen wir Sie gerade?
Ich bin in meinem Haus in Tunesien, nicht weit entfernt vom Strand. Mit Esperance Tunis bin ich gerade tunesischer Meister geworden. Jetzt erhole ich mich ein wenig von der Saison.

Erholung? Mit oder ohne Fußball?
Mit Fußball natürlich. Ich schaue mir am Abend die Spiele der Weltmeisterschaft an und wissen Sie, was mir aufgefallen ist?

Keine Ahnung.
Ich finde, die Spieler werden immer müder. Das war in den Viertelfinals klar zu erkennen. Die letzten Spiele werden wohl nur über den Willen entschieden.

Die holländische Mannschaft wirkt recht fit. Oder täuscht der Eindruck?
Nein, er täuscht nicht. Louis van Gaal hat für die WM viele junge Spieler nominiert, das macht sich jetzt bezahlt. Er war sehr schlau. So wie immer (lacht).

Im Halbfinale geht es gegen Argentinien. Wie groß sind die Chancen, dass Holland ins Finale kommt?
Sehr groß, denke ich. Ich würde sagen: 70:30. Bei Argentinien fehlt Angel di Maria, ein schwerer Verlust. Wie der gerannt ist und versucht hat, die großen Lücken außen im Mittelfeld zu füllen - echt Wahnsinn. Jetzt ist Lionel Messi noch mehr auf sich allein gestellt.

Ist es nicht gefährlich, Argentinien nur auf Messi zu reduzieren?
Sie haben so viele großartige Spieler, aber wirklich ausgewogen wirkte ihr Spiel bisher nicht. Gerade am Anfang schienen sie auch taktisch einige Probleme zu haben. Anders Holland. Alle Spieler sind taktisch auf einem hohen Niveau. Sie können so gut wie jedes System spielen. 5-3-2, 4-3-3, 3-5-2 - ganz egal. Das ist ein riesiger Vorteil. Wenn es nicht läuft, kannst du einfach wechseln. So, jetzt machen wir halt was anderes. Wir sind viel geschlossener, das ist ein richtiges Team da in Brasilien. Ich fühle: Diese Gruppe hat eine Mission und ihr Ziel ist der Titel.

Sie haben mit Holland zwei WM-Endspiele nacheinander verloren. 1974 gegen Deutschland und 1978 als Mannschaftskapitän gegen Argentinien. Wie groß ist die Enttäuschung noch bei Ihnen?
Zuerst einmal muss ich sagen: Da war verdammt viel Pech bei, in beiden Fällen mussten wir ausgerechnet im Endspiel gegen den Gastgeber spielen. Das ist schon ein Nachteil. Die Atmosphäre im Stadion war aufgeladen, alle Leute wollten ihr Team gewinnen sehen. Und uns verlieren. Ansonsten waren beide Finals sehr unterschiedlich. In Deutschland hatten wir eine bessere Mannschaft, dass wir dort nicht gewonnen haben, schmerzt deutlich mehr.

Bei der WM 1974 haben Sie als Verteidiger ein Tor erzielt. In der Zwischenrunde gegen Argentinien. Erinnern Sie sich?
Sicher. Nach einer Ecke konnten die Argentinier den Ball zuerst abwehren, aber er kam genau in meine Richtung. Ich stand vor der Strafraumgrenze und zog volley ab. Später fing es im Stadion mächtig an zu regnen, so wie eigentlich immer bei dieser WM. Gut, dass ich mein Tor schon vorher gemacht hatte, sonst wäre ich bei dem Versuch vermutlich ausgerutscht (lacht). Aber im Ernst, Argentinien war nicht so stark, wir haben locker 4:0 gewonnen.

Vier Jahre später war der gleiche Gegner dann nicht wiederzuerkennen. Sie unterlagen den Argentiniern im Finale 1:3 nach Verlängerung.
Bei dieser WM war überhaupt alles anders, die Stimmung in den Stadien, die Atmosphäre im Land. Es war sicherlich ein großer Fehler, die WM zu diesem Zeitpunkt nach Argentinien zu vergeben. Die Militärs regierten, es herrschte Diktatur. Die Verunsicherung der Menschen war spürbar, kaum jemand sprach mit uns auf der Straße, aus Angst, es könnte ihm zum Verhängnis werden. Diese Art von Einschüchterung kannte ich nur von Reisen mit Ajax Amsterdam nach Osteuropa. Ich war 2001 nochmal in Argentinien, als Co-Trainer von Louis van Gaal bei der U-20-WM. Alles hatte sich verändert, die Menschen waren viel offener. 1978 war vor diesem Hintergrund vielleicht die schlechteste WM überhaupt.

Ähnlich wie jetzt in Brasilien die Menschen den Titel von ihrem Team erwartet haben, erwarteten auch die Argentinier einen Sieg. Konnten Sie den Druck spüren, der auf den Gastgebern lag?
Ja, alle waren ganz verrückt, für sie gab es nur den Titel; die Militärs, die Menschen, einfach jeder. Dafür haben sie alles unternommen. Vor dem Finale wollten sie uns einschüchtern, was ihnen in gewisser Weise auch gelungen ist.

Inwiefern?
Wir hatten damals ein Ritual: Vor den Spielen musste der Busfahrer immer eine Kassette einlegen mit Musik von »The Cats«. Das war eine holländische Band aus Volendam, auf die sind wir mächtig abgefahren. Als wir vor dem Finale in den Bus kamen, war die Kassette verschwunden. Der Fahrer zuckte nur mit den Schultern. Aber das war noch gar nichts.

Es kam noch schlimmer?
Ja. Auf dem Weg zum Stadion passierten wir ein Dorf. Plötzlich rannten Leute auf die Straße und stoppten uns. Sie begannen, den Bus ins Wanken zu bringen, beschimpften und drohten uns von draußen.

Gab es keine Polizeieskorte?
Doch, aber die Polizisten ließen die Leute gewähren. Sie sahen einfach zu. Irgendwann konnten wir weiterfahren, aber wir fühlten uns ziemlich unsicher.

Wurde es im Stadion besser?
Überhaupt nicht, die Argentinier machten weiter mit den Psychotricks. Sie beschwerten sich, dass unser Stürmer René van de Kerkhof eine Manschette trug. Er hatte sich vorher die Hand verletzt und niemanden störte der Gips - abgesehen von den Argentiniern. Das Ding musste ab, der Spielbeginn verzögerte sich um eine halbe Stunde. Heute wäre das unmöglich, so straff wie die Fifa alles durchorganisiert.

Was wäre wohl passiert, wenn Sie mit Holland gewonnen hätten?
Keine Ahnung, aber wir waren an diesem Tag auch nicht gut und hatten im entscheidenden Moment Pech. Kurz vor Ende der regulären Spielzeit trafen wir den Pfosten. Argentinien spielte hart, sie haben uns auch sportlich beeindruckt.

Hatten Sie keine Ahnung, was auf Sie zukommt?
Ja und nein. Wie gesagt, wir hatten schon 1974 gegen sie gespielt. Aber da war es einfach gewesen. Vier Jahre später hatten sie eine bessere Mannschaft. Damals war es anders, es gab kein Internet und nicht so viele Fernsehsender. Heute kannst du dir jedes Spiel aus der argentinischen Liga anschauen, wenn du willst. In den Siebzigern ging das nicht. Wir kannten nur einige Spieler, die schon in Europa spielten. Duelle mit Teams von anderen Kontinenten umwehte immer die Aura des Unbekannten. Insgesamt muss ich sagen: Eine WM war früher ein viel größeres Abenteuer.

Gegen Argentinien bestritten Sie ihr 14. Spiel bei einer WM. Kürzlich ist Wesley Sneijder an Ihnen vorbeigezogen. Sind Sie darüber traurig?
Überhaupt nicht. Ich freue mich für ihn. Jetzt soll er auch noch das schaffen, was mir vergönnt blieb: Weltmeister werden!

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