Ruhrpott-Legende Peter Közle über Morddrohungen und den Sinn des Lebens

»Schneid dir die Haare ab, du Penner!«

Wenn man Peter Közle »dat« und „wat“ sagen hört, könnte man meinen, dass er in seinem Leben außer dem Ruhrgebiet nicht viel gesehen hat. Doch eigentlich stammt Közle aus Bayern und gesehen hat er eine ganze Menge.

Kai Griepenkerl

Peter Közle, wie wurden Sie zum Ruhrpottler?
Das war vom ersten Tag an mein Revier. Ich kam aus Zürich, einer richtig schönen Stadt. Aber der Ruhrpott und ich, das war Liebe auf den ersten Blick. Dabei hatte ich eine Bude in Beeck, das eine der hässlichsten Gegenden Duisburgs ist. Das hätte mich abschrecken müssen, aber im Gegenteil: Ich habe mich sauwohl gefühlt. In der ersten Nacht habe ich mich noch erschrocken, weil ich dachte, dass der Stadtteil abbrennt. Am nächsten Tag habe ich mir aber erklären lassen, dass nebenan im Stahlwerk Stahl gegossen wurde.

War der Wechsel aus der beschaulichen Schweiz in die Bundesliga nicht ein Kulturschock für Sie?
In der Schweiz hat mich keine Sau erkannt. Ich war naiv und dachte, dass es so weiterlaufen würde. Was dann folgte, hat mich erschlagen. Es ist erst mal eine geile Sache, wenn du ins Fernsehen kommst und dir jeder sagt, wie toll du bist. Aber mit dem Wissen von heute würde ich mich zurückziehen und nicht versuchen, der ganzen Welt zu erklären, wie ich bin.

Was war der entscheidende Fehler?
Ich habe nie verstanden, warum man als Fußballprofi seine Freizeit nicht so gestalten kann, wie man will. Also habe ich ehrlich gesagt, dass ich auch nach Niederlagen ein Bier trinken gehe, weil ich eh nicht schlafen kann. Das verstand natürlich kein Mensch. Und am Ende ist es eskaliert.

Dabei wurden Sie zunächst zum Publikumsliebling und „besonderen Profi“ gemacht.
Jemand, der die Haare bis zur Hälfte des Rückens trägt, tätowiert ist und mit Klamotten rumläuft, die zerrissen sind, ist ein gefundenes Fressen für die Presse. Aber das war mir wurscht. So war ich eben. Wenn ich heute Bilder von früher sehe, denke ich mir auch: „Ein bisschen kürzer hättest du die Haare schon machen können.“ Aber das waren eben die Neunziger, gerne auch mit Pullover in der Hose, drei Jacken an und noch ein Pulli um die Hüfte gebunden.

Würden Sie heute noch auffallen, wenn Sie Profi wären?
Um die gleiche Aufmerksamkeit wie damals zu bekommen, müsste ich schon eine Menge Tore schießen. Andererseits würde ich nicht lange im Profifußball überleben. Mit den Handykameras und Youtube müssen die Jungs heute brutal aufpassen, was sie machen. Ich hätte sicherlich ein paar Klicks erreicht, aber das hätte mir schnell das Genick gebrochen.

Was haben Sie denn so angestellt?
Ich habe die ganze Woche hart trainiert. Und am Wochenende nach dem Spiel habe ich mit meiner Clique gefeiert. Das waren keine Jungs, die ums Lagerfeuer saßen, Lieder gesungen haben und bei Sonnenuntergang nach Hause gegangen sind. Sie kamen nicht aus dem Fußball und konnten am Wochenende die Sau rauslassen. Ich hingegen musste am Sonntagmorgen mit einem leichten Promillegehalt zum Auslaufen.

Galten Sie auch innerhalb Ihrer Mannschaften als bunter Hund?
Eigentlich überhaupt nicht. Ich glaube, dass die meisten Jungs gedacht haben: »Zu was machen die den? Der ist doch ganz normal.« Ich bin echt ein ruhiger, angenehmer, bescheidener Zeitgenosse. Mit mir kann man normalerweise keinen Ärger bekommen. Klar habe ich alle Interviews mitgenommen, aber im Endeffekt war ich für jeden Trainer ein ganz einfacher Spieler. Ich habe trainiert wie ein Ochse, war pünktlich bei jedem Training und meistens nüchtern (lacht).

Wie wurden Sie in Ihrem zweiten Jahr beim MSV vom Publikumsliebling zur Hassfigur?
Indem ich das gemacht habe, was ich immer gemacht habe. Ich bin weiter rausgegangen, obwohl es sportlich nicht mehr lief. Ich hätte cleverer sein müssen, aber das war ich nicht. Und dann habe ich ganz brutal meine Grenzen aufgezeigt bekommen, was ich machen darf, wenn ich scheiße spiele.

Was geschah?
Auf einmal gab es krasse Anfeindungen im Stadion. Da standen Leute am Zaun und brüllten: „Ich bring dich um!“ oder „Schneid dir endlich mal die Haare ab, du Penner!“ Und abends konnten die mir das auch noch mal ohne Zaun dazwischen erklären. Irgendwann war der Hass so brutal, dass in der Disco eine Horde auf mich losgegangen ist. Das Sicherheitspersonal kannte mich und hat mich rausgeführt, so dass nichts passiert ist. Und so ging es immer weiter. Ich wurde sogar auf der Toilette beschimpft. Irgendwann konnte ich nicht mehr vor die Tür gehen. Ich hatte Angst, über den Haufen geschossen zu werden. Die wären nicht so weit gegangen. Aber wenn auf einmal Leute vor deiner Tür stehen und dir aufs Maul hauen wollen, ist das hart.

Wie haben Sie reagiert?
Ich habe den Verein im April 1995 um die Vertragsauflösung gebeten. Erst gab es die Überlegung, dass ich nur noch die Auswärtsspiele mitmache. Aber im Endeffekt war der Trainer Hannes Bongartz auch ganz glücklich, dass ich weg war. Er mochte mich halt nicht. Wenn er gesagt hätte: »Komm, das ziehen wir gemeinsam durch«, dann wäre ich vielleicht geblieben. Aber so wollte ich nur so schnell wie möglich raus aus der Stadt. Ich hatte auch ein bisschen Paranoia und konnte nicht mehr.

Wohin konnten Sie denn fliehen, so ganz ohne Verein?
Ich bin bei meinem guten Freund Alain Sutter, der damals bei den Bayern spielte, in München untergekommen. Ich durfte sogar beim FCB mittrainieren, um mich fit zu halten. Und nach zwei Monaten kam ein Anruf von Klaus Toppmöller, so dass gar nicht erst irgendwelche Existenzängste aufkamen.

Wie kamen Sie ausgerechnet auf Bochum, das ja ganz in der Nähe von Duisburg liegt?
Ich hätte auch zu 1860 München gehen können, aber ich wollte zurück in den Ruhrpott. Das war und ist meine Heimat. Und Bochum war für mich gefühlt weit weg, weil ich nur Duisburg kannte.

Ausgerechnet Ihr erstes Pflichtspiel für den VfL führte Sie zurück nach Duisburg.
Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke. Im Vorfeld der Partie gab es Todesanzeigen in der Zeitung, Drohanrufe bei meinen Eltern und Drohbriefe im Mannschaftshotel. Das war wie in einem schlechten Film. Da konnte ich noch mal die ganzen Ängste aufarbeiten. Ich habe mir vorher gesagt: »Wenn du das durchstehst, haut dich nichts mehr um.«

Wurde es so schlimm, wie Sie erwartet hatten?
Es waren ja nicht nur die 25.000 Leute, die mich bei jeder Aktion ausgepfiffen haben. Hinzu kamen noch ein paar Vollidioten beim MSV, die mich von hinten umgewichst haben, weil sie genau wussten, dass sie so in der Beliebtheitsskala beim Publikum nach oben springen konnten. Dafür haben mich die 5.000 Bochumer, die da waren, 90 Minuten lang unterstützt. Ich war aber froh, als das Spiel endlich vorbei war. Ein kleines Erfolgserlebnis hatte ich aber, obwohl das Spiel 0:0 ausgegangen ist.

Was war es?
Je länger das Spiel dauerte, desto weniger Pfiffe gab es. Ich will nicht sagen, dass die MSV-Fans am Ende Verständnis für mich hatten. Aber sie haben zumindest gemerkt, dass ich nicht so ein Arschloch sein konnte.

Haben Sie denn aus Ihren Duisburger Erfahrungen gelernt?
Ich habe zwei überragende Jahre in Bochum erlebt, sportlich wie auch menschlich. Das lag sicher auch daran, dass ich mich auf das Wesentliche konzentriert habe. Im dritten Jahr lief es nicht mehr optimal, auch weil ich einige Verletzungen hatte.

So folgte dann der harte Schritt direkt aus dem UEFA-Cup in die Regionalliga.
Komischerweise steckte ich immer noch in der Schublade „schwieriger Profi“. Und weil ich keinen Berater hatte, bin ich ganz schnell an meine Grenzen gestoßen. Es war nicht so, dass ich mir den Verein aussuchen konnte. Wobei Union Berlin finanziell überhaupt kein Rückschritt war, dank des Geldes von Michael Kölmel eher das Gegenteil. Sportlich war es aber ein totaler Abstieg. Auf einmal habe ich in Stendal und Plauen gespielt und wurde als Wessi beschimpft. Ich wusste schnell, dass das gar nichts für mich war.

Dabei hätte die Stadt Berlin doch einige Verlockungen bereitgehalten, oder?
Das war ja kaum noch Berlin. Das war schon der letzte Bezirk in Köpenick. Danach kommt fast schon Polen. Ich habe mich dort nicht wohl gefühlt und wollte daher schon nach einer Saison meine Karriere beenden. Ich hatte meinen Vertrag aufgelöst und bin nach Miami gezogen, ganz in die Nähe von Alain Sutter, der sich inzwischen in den USA niedergelassen hatte.

Und plötzlich sollte alles vorbei sein?
Zunächst dachte ich mir: »Gott sei Dank ist es mit dem Fußball vorbei. Ich bin glücklich, dass ich mein Leben genießen kann.« Tatsächlich bin ich aber nur drei Monate in den USA geblieben. Wir haben einfach gemerkt, dass wir uns in verschiedene Richtungen entwickelt haben. Dabei hatten wir beide das selbe Problem.

Welches war es?
Wir haben uns immer belogen und gesagt, dass der Fußball nicht wichtig in unserem Leben ist. Aber wir haben beide schnell gemerkt, dass es ohne auch nicht geht. 20 Jahre lang haben wir Trainingspläne in die Hand gedrückt bekommen, nun mussten wir unsere Tage selber füllen. Das erste, was mir einfiel, war: Bis mittags pennen, einen Film schauen und weiterpennen.

Das klingt nicht nach einem glücklichen Leben.
Wir beide sind sehr unterschiedlich mit unserem Problem umgegangen. Alain wurde sehr depressiv und hat komplett den Halt verloren, obwohl er eine Freundin hatte. Dadurch sind Reibungspunkte entstanden. Und ich bin wieder nach Hause gegangen, weil es mir nicht gefallen hat. Als ich dann in Bochum war, wurde mir klar, dass ich mit aller Macht weiterspielen wollte.

Wie hat es geklappt?
Ich habe wie wahnsinnig trainiert und gespürt, dass die Zufriedenheit zurückkam. Dabei habe ich mich nur bei Union Günnigfeld fitgehalten, wo Holger Aden Trainer war. Ich wollte mehr und habe meinen guten Kumpel Bülent Aksen um Hilfe gebeten. Er war Stadionsprecher beim MSV und hat tatsächlich ein Treffen mit Trainer Wolfgang Frank arrangiert. So habe ich einen Amateurvertrag beim MSV bekommen, nachdem ich beim Konditionstest so gut war, dass ich das Laufband gesprengt habe.

Hatten Sie denn überhaupt keine Sorgen, wie Ihre Rückkehr beim MSV-Anhang ankommen würde?
Sorgen hatte ich schon. Dementsprechend vorsichtig habe ich mich auch in den Interviews verhalten. Es gab zwar ein paar Pfiffe, aber die sind verstummt, weil es sportlich passte. Leider passte es körperlich nicht mehr so. Ich hatte brutalste Arthrose und Probleme mit dem Sprunggelenk. Es kamen ein Muskelfaserriss nach dem anderen und Achillessehnenprobleme hinzu. Also habe ich endgültig aufgehört. Für meine Psyche war es ganz gut, dass mein Körper meine Karriere beendet hat. So konnte ich mit dem Thema abschließen.

Und sich ganz dem Partyleben widmen?
Vor fünf, sechs Jahren haben wir es noch krachen lassen und Sachen nachgeholt, die man als Profi nicht machen konnte. Aber ich bin in den letzten Jahren ruhiger geworden. Jetzt ist mein Sohn mein Lebensinhalt. Ich wollte eigentlich nie die Verantwortung für ein Kind übernehmen. Aber das war genau das, was mir zu meinem Glück gefehlt hat. Im Endeffekt wäre wohl auch sonst nicht mehr viel in meinem Leben passiert, was mich überrascht.

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