22.06.2013

Ruhrpott-Legende Peter Közle über Morddrohungen und den Sinn des Lebens

»Schneid dir die Haare ab, du Penner!«

Wenn man Peter Közle »dat« und „wat“ sagen hört, könnte man meinen, dass er in seinem Leben außer dem Ruhrgebiet nicht viel gesehen hat. Doch eigentlich stammt Közle aus Bayern und gesehen hat er eine ganze Menge. Wir unterhielten uns mit ihm über Morddrohungen, Feuer in der Nacht und den Sinn des Lebens.

Interview: Kai Griepenkerl Bild: Kai Griepenkerl

Wie wurden Sie in Ihrem zweiten Jahr beim MSV vom Publikumsliebling zur Hassfigur?
Indem ich das gemacht habe, was ich immer gemacht habe. Ich bin weiter rausgegangen, obwohl es sportlich nicht mehr lief. Ich hätte cleverer sein müssen, aber das war ich nicht. Und dann habe ich ganz brutal meine Grenzen aufgezeigt bekommen, was ich machen darf, wenn ich scheiße spiele.

Was geschah?
Auf einmal gab es krasse Anfeindungen im Stadion. Da standen Leute am Zaun und brüllten: „Ich bring dich um!“ oder „Schneid dir endlich mal die Haare ab, du Penner!“ Und abends konnten die mir das auch noch mal ohne Zaun dazwischen erklären. Irgendwann war der Hass so brutal, dass in der Disco eine Horde auf mich losgegangen ist. Das Sicherheitspersonal kannte mich und hat mich rausgeführt, so dass nichts passiert ist. Und so ging es immer weiter. Ich wurde sogar auf der Toilette beschimpft. Irgendwann konnte ich nicht mehr vor die Tür gehen. Ich hatte Angst, über den Haufen geschossen zu werden. Die wären nicht so weit gegangen. Aber wenn auf einmal Leute vor deiner Tür stehen und dir aufs Maul hauen wollen, ist das hart.

Wie haben Sie reagiert?
Ich habe den Verein im April 1995 um die Vertragsauflösung gebeten. Erst gab es die Überlegung, dass ich nur noch die Auswärtsspiele mitmache. Aber im Endeffekt war der Trainer Hannes Bongartz auch ganz glücklich, dass ich weg war. Er mochte mich halt nicht. Wenn er gesagt hätte: »Komm, das ziehen wir gemeinsam durch«, dann wäre ich vielleicht geblieben. Aber so wollte ich nur so schnell wie möglich raus aus der Stadt. Ich hatte auch ein bisschen Paranoia und konnte nicht mehr.

Wohin konnten Sie denn fliehen, so ganz ohne Verein?
Ich bin bei meinem guten Freund Alain Sutter, der damals bei den Bayern spielte, in München untergekommen. Ich durfte sogar beim FCB mittrainieren, um mich fit zu halten. Und nach zwei Monaten kam ein Anruf von Klaus Toppmöller, so dass gar nicht erst irgendwelche Existenzängste aufkamen.

Wie kamen Sie ausgerechnet auf Bochum, das ja ganz in der Nähe von Duisburg liegt?
Ich hätte auch zu 1860 München gehen können, aber ich wollte zurück in den Ruhrpott. Das war und ist meine Heimat. Und Bochum war für mich gefühlt weit weg, weil ich nur Duisburg kannte.

Ausgerechnet Ihr erstes Pflichtspiel für den VfL führte Sie zurück nach Duisburg.
Ich kriege heute noch Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke. Im Vorfeld der Partie gab es Todesanzeigen in der Zeitung, Drohanrufe bei meinen Eltern und Drohbriefe im Mannschaftshotel. Das war wie in einem schlechten Film. Da konnte ich noch mal die ganzen Ängste aufarbeiten. Ich habe mir vorher gesagt: »Wenn du das durchstehst, haut dich nichts mehr um.«

Wurde es so schlimm, wie Sie erwartet hatten?
Es waren ja nicht nur die 25.000 Leute, die mich bei jeder Aktion ausgepfiffen haben. Hinzu kamen noch ein paar Vollidioten beim MSV, die mich von hinten umgewichst haben, weil sie genau wussten, dass sie so in der Beliebtheitsskala beim Publikum nach oben springen konnten. Dafür haben mich die 5.000 Bochumer, die da waren, 90 Minuten lang unterstützt. Ich war aber froh, als das Spiel endlich vorbei war. Ein kleines Erfolgserlebnis hatte ich aber, obwohl das Spiel 0:0 ausgegangen ist.

Was war es?
Je länger das Spiel dauerte, desto weniger Pfiffe gab es. Ich will nicht sagen, dass die MSV-Fans am Ende Verständnis für mich hatten. Aber sie haben zumindest gemerkt, dass ich nicht so ein Arschloch sein konnte.

Haben Sie denn aus Ihren Duisburger Erfahrungen gelernt?
Ich habe zwei überragende Jahre in Bochum erlebt, sportlich wie auch menschlich. Das lag sicher auch daran, dass ich mich auf das Wesentliche konzentriert habe. Im dritten Jahr lief es nicht mehr optimal, auch weil ich einige Verletzungen hatte.

So folgte dann der harte Schritt direkt aus dem UEFA-Cup in die Regionalliga.
Komischerweise steckte ich immer noch in der Schublade „schwieriger Profi“. Und weil ich keinen Berater hatte, bin ich ganz schnell an meine Grenzen gestoßen. Es war nicht so, dass ich mir den Verein aussuchen konnte. Wobei Union Berlin finanziell überhaupt kein Rückschritt war, dank des Geldes von Michael Kölmel eher das Gegenteil. Sportlich war es aber ein totaler Abstieg. Auf einmal habe ich in Stendal und Plauen gespielt und wurde als Wessi beschimpft. Ich wusste schnell, dass das gar nichts für mich war.
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