17.10.2008

Rudi Völler im Interview

»Manchmal ist mir schwindelig«

Bei Bayer Leverkusen hat Rudi Völler seine Erfüllung gefunden. Im Interview erinnert er sich an Bayer-Tristesse in den 80ern, die Initiationsriten als Kaufmannslehrling und daran, wie sehr der Job als Coach ihn auslaugte.

Interview: Tim Jürgens und Andreas Bock Bild: Andrea Borowski
Beschreiben Sie doch mal Ihr Verhältnis zu Calmund.

Er ist ein Freund geworden. Wir arbeiteten von Anfang an sehr eng zusammen. Noch während meiner aktiven Zeit erzählte er mir häufig von seinen Visionen für Bayer 04. Er träumte von einem Verein, der sich vom alten Staub entledigt. Ein Klub, der viel größer und viel globaler agiert, als es bis dato in Leverkusen der Fall war. Und eines Tages kam er zu mir und sagte: »Ich brauche jemanden an meiner Seite, der Verantwortung übernimmt, dem ich vertrauen kann.« Das wollte ich – sehr gerne.

Trotzdem übernahmen Sie zwischendurch noch den Job als Teamchef der deutschen Nationalmannschaft und später sogar als Vereinscoach beim AS Rom.

Dabei hatte ich mir nach dem Abschied vom DFB nach der EM 2004 gesagt: Jetzt mache ich bis Dezember gar nichts mehr. Egal, wer kommt und fragt.

Und dann...

...kommt ausgerechnet der Klub, zu dem ich einen sehr engen Draht habe, in der Stadt, die ich meine zweite Heimat nenne. Es war eine Herzensangelegenheit – und mein größter Fehler. Als der Roma-Vorstand fragte, ob ich nicht aushelfen könne, wenigstens für ein Jahr, sagte ich zu.

Schon nach 26 Tagen zogen Sie jedoch die Reißleine.

Zum Glück. Zum einen gab es ein paar Querelen im Verein, zum anderen merkte ich, wie leer ich war. Ich war ausgepowert, platt. Es war einfach ein Fehler, nach so kurzer Zeit wieder in den Trainerjob einzusteigen.

Der Siegertyp Rudi Völler erleidet ausgerechnet in der Stadt seiner größten Erfolg eine derartige Niederlage. Empfinden Sie die Trainerzeit beim AS Rom als Schandfleck auf Ihrer sonst so makellosen Karriere?

Überhaupt nicht. Ich kann mit solchen Situationen sehr realistisch umgehen. Im Übrigen wurde mir durch diese Erfahrung bewusst, dass mich der Job als Vereinstrainer nicht auf Dauer erfüllen kann, dass ich die Passion, die man als Vereinstrainer haben muss, nicht besitze. Kurzzeitig wie bei meinen Engagements bei Bayer 04 macht der Job Spaß, aber langfristig habe ich das Gefühl mich als Vereinstrainer zu verschleißen. Ein Klubtrainer muss seinen Spielern täglich ihren Beruf vorleben, jeden Tag auf dem Trainingsplatz stehen. Das war und ist nichts für mich.

Sie waren dieser Art von Druck nicht gewachsen.

Auch ein Bundestrainer hat Druck. Vor großen Turnieren ist der noch viel größer. Doch dieser Druck verteilt sich. Ein Vereinstrainer hingegen hat nie Auszeiten, er kann sich nie zurücklehnen und mal längere Zeit reflektieren, was um ihn herum passiert.

Wundert es Sie, dass Jürgen Klinsmann den umgekehrten Weg geht? Gerade er, der als Bundestrainer so gerne Auszeiten genommen hat.

Er hat sich ja einen ganz guten Verein dafür ausgesucht, von daher wird er die wenigen Auszeiten verschmerzen können. (lacht) Allerdings bin ich gespannt, wie Ottmar Hitzfeld mit der Ruhe des Nationaltrainers zurechtkommt.

Hat Bruno Labbadia die Passion, die Sie bei sich selbst als Klubcoach vermisst haben?

Er hat seinen eigenen Stil als Trainer gefunden. Was mir bei einem Trainer immer wichtig war: Er muss auch ein Fußballlehrer sein. Es geht im Training ja nicht nur die Vermittlung bestimmter Taktiken und darum, das Zweikampfverhalten zu verbessern. Es geht auch darum, den Spieler richtig anzufassen, ihm so zu begegnen, dass er Selbstbewusstsein bekommt und keine Angst mehr davor hat, in einem ausverkauften Stadion zu spielen. Und genau das versucht Bruno Labbadia tagtäglich.

Michael Skibbe war ein anderer Typ als Bruno Labbadia. Wie schwer war es für Sie, als sein langjähriger Weggefährte, ihn als Bayer-Trainer zu entlassen?

Auch wenn‘s komisch klingt: Wenn man so ein enges Verhältnis hat wie Michael und ich zueinander, ist die Belastung, diese Angst vor dem Gespräch, in dem eine Entlassung verkündet wird, gar nicht so hoch.

Das müssen Sie erklären.

Es liegt daran, dass ich mir von vornherein sicher war, dass Michael die Entscheidung nachvollziehen kann.

Die Entlassung von Skibbe hat viele überrascht, denn weite Strecken der letzten Saison spielte Bayer 04 einen hervorragenden Fußball.


Das stimmt. Die Entscheidung habe ich gemeinsam mit Wolfgang Holzhäuser und dem Präsidium gefällt. Natürlich hätte ich mich auch querstellen und sagen können: »Nee, der bleibt!« Und, glauben Sie mir, ich hatte deswegen auch ein paar schlaflose Nächte. Doch am Ende ging es um den Verein, nicht um Michael oder um mich.

Was lief denn nun schief?

Wir haben eine gute Vorrunde gespielt, aber sind dann eingebrochen. Im letzten Saison-Drittel haben wir unglaublich schlecht gespielt. Am Ende hatte ich das Gefühl, dass Michael nicht mehr die Leistung aus einigen Spielern rauskitzeln konnte, zu der sie eigentlich im Stande gewesen wären.

Skibbe wurde vorher schon bei Borussia Dortmund entlassen, auch in Istanbul tut er sich derzeit schwer. Ist er vielleicht zu nett, um ein guter Chefcoach zu sein?

Nein, das glaube ich nicht. Außerdem schließen sich Nettigkeit und Kompetenz nicht aus. Michael ist ein Fachmann, ein absoluter Taktikfuchs.

Geht es Ihnen nahe, wenn Skibbe auch in Istanbul wieder entlassen würde?

Natürlich. Es wäre zudem nicht gerecht, weil ihm dort bis jetzt nicht ausreichend Zeit gegeben wurde. Aber er wusste vorher, auf was er sich einlässt. Wer einen Vertrag bei einem türkischen Verein unterschreibt, lässt sich auf eigene Gesetze ein. In der Türkei ist alles ein bisschen wilder und extremer, vor allem die Medien. Aber: Er ist ja noch da. Und ich hoffe, er bleibt ganz lange. 

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