17.10.2008

Rudi Völler im Interview

»Manchmal ist mir schwindelig«

Bei Bayer Leverkusen hat Rudi Völler seine Erfüllung gefunden. Im Interview erinnert er sich an Bayer-Tristesse in den 80ern, die Initiationsriten als Kaufmannslehrling und daran, wie sehr der Job als Coach ihn auslaugte.

Interview: Tim Jürgens und Andreas Bock Bild: Andrea Borowski
Rudi Völler, am 15. November 1980 spielten Sie als Stürmer von 1860 München zum ersten Mal im Ulrich-Haberland-Stadion. Welche Erinnerungen haben Sie an dieses Auswärtsspiel in Leverkusen?

Alles wirkte ein bisschen grau, fast leblos. Vielleicht lag es daran, dass das Leverkusener Stadion in jener Zeit fast immer halbleer war. Nur hier und da verirrten sich ein paar Zuschauer.



Der »Pillenklub« war alles andere als en vogue.

Unter einem Firmenlabel wie dem »Bayer«-Kreuz aufzulaufen war zu dieser Zeit noch recht ungewöhnlich. Als Spieler eines anderen Vereins blickte man mitunter etwas von oben herab auf den Klub. Möglich, dass es – ich will nicht sagen peinlich – aber für einige Kicker nicht gerade das Größte war, ausgerechnet für Bayer Leverkusen zu spielen.

Sie kennen Bayer 04 als Gegen- und Mitspieler, aus der Perspektive des Trainers und nun schon lange als Sportdirektor. Wann fing der Verein an zu glänzen?

Den konkreten Zeitpunkt weiß ich nicht, es muss irgendwann zur Zeit der Wende gewesen sein. Die Mannschaft holte 1988 den UEFA Pokal und der Verein verpflichtete Spieler wie Ulf Kirsten, Andreas Thom...

...und 1994 dann auch Sie. Haben Sie es sich damals zweimal überlegen müssen, ob Sie zum »Werksklub« wechseln sollen?

Nein, überhaupt nicht. Als ich kam, hatte sich schon einiges getan: Bernd Schuster war ein Jahr zuvor von Atlético Madrid geholt worden, der Verein befand sich längst in einer Art Umbruch – es herrschte Aufbruchstimmung.

Seither ist Bayer 04 in steter Veränderung.

Wobei Veränderung hier anders definiert wird. In Leverkusen war man schon immer darauf bedacht, Dinge niemals nur um des Verändernswillen zu verändern. Wir stellen hier nicht – wie einige andere Klubs – alles um, nur weil es vielleicht gerade schick ist, den Medien vermeintlich innovative Ideen zu präsentieren.

Welche Idee in letztere Zeit war denn fortschrittlich und sinnig zugleich?

Unsere »Werkself«-Kampagne. Das war die beste Idee, die man hier je hatte.

Dabei galt dieser Begriff in Leverkusen lange als Unwort.

In den 80er und 90er Jahren lag der Werkscharakter wie eine Zentnerlast auf den Schultern des Vereins. Anstatt aber offensiv mit dieser Besonderheit umzugehen, war der Klub inmitten der traditionsreichen »natürlichen« Fußballklubs der Bundesliga mit dieser Bezeichnung unglücklich. Dass wir uns nach außen nun als »Werkself« präsentieren, setzt einen ursprünglich negativ besetzten Charakterzug auf kreative Art in ein positives, strahlendes Licht.

Auch die Fans haben sich mit dem Werkscharakter arrangiert.

Die sind sogar stolz darauf: Vor einiger Zeit hieß es, dass das riesige Bayer-Kreuz in der Nähe des Werks abgerissen werden sollte. Was früher vermutlich Freudentänze bei den Anhängern hervorgerufen hätte, veranlasste die Fans nun zu Protesten. Sie haben bewirkt, dass das Kreuz bleibt.

Eine paradoxe Reaktion.

Wieso? Es zeigt doch nur, dass der Werkscharakter für die Fans inzwischen Kultcharakter besitzt und Teil der Klubtradition geworden ist.

Uli Hoeneß sagte einmal über den FC Bayern: »Dieser Verein ist mein Leben.« Können Sie diesen Satz auch über Bayer Leverkusen sagen?

Hätte mir Anfang der 90er jemand gesagt, dass ich hier mit Unterbrechungen 14 Jahre arbeite, hätte ich das wohl nicht geglaubt. Aber heute kann ich überzeugt sagen: Ich fühle mich hier zu Hause. Wenn man so lange an und mit einer Sache arbeitet, hängt man auch an ihr.

Sie waren Spieler, Vereins- und Nationaltrainer. Heute bekleiden Sie die Position des Sportdirektors. Geht »Ruuudi« in der Rolle des Funktionärs wirklich auf?

Vielleicht verwundert es Sie, aber es ist die Rolle, die mir am nächsten kommt. Es war nie mein Wunsch, Trainer zu werden. Schon bei meinen letzten Spielerstationen schaute ich den Managern und Präsidenten immer wieder über die Schulter. In Rom bekam ich einen guten Einblick, wie Transfers abgewickelt werden. Und in Leverkusen wurde Reiner Calmund dann zu meinem Lehrmeister.

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