Roter Stern Leipzig als Zielscheibe der Rechten

»Der rechte Mob ist immer da!«

Roter Stern Leipzig als Zielscheibe der RechtenImago

Ulrike Fabich, vergangene Woche ist ein Hallenfußballturnier in Beilrode bei Torgau unterbrochen worden. Roter Stern Leipzig war einer der Teilnehmer. Was ist passiert?

Ulrike Fabich (Roter Stern Leipzig): Das, was bei unseren Auswärtsspielen in der sächsischen Provinz häufig passiert: Es tauchen Leute auf, die  rassistische oder antisemitische Lieder anstimmen. Sie singen »Ein Baum, ein Strick, ein Judengenick« oder das bekannte U-Bahn-Lied. In Beilrode waren es 30 bis 40 Jugendliche. Zahlenmäßig sind sie zwar in der Unterzahl, doch in der Wahrnehmung sehr dominant.

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Du sprichst von Jugendlichen. Sind das für dich schlichtweg dumpfe Parolen von Halbstarken?

Ulrike Fabich: Nein, es sind de facto Neonazis. Allerdings sind sie optisch nicht als solche sofort erkennbar. Ein Typ in Beilrode trug ein Palästinenser-Tuch, einige andere hatten schwarz-weiß-rote Buttons dabei, als sie an der Halle ankamen. Der Veranstalter hat sie allerdings darauf hingewiesen, dass diese in der Halle nicht erlaubt seien.

Unterstützen die Neonazis eine bestimmte Mannschaft?

Ulrike Fabich: Nein, die wollen einfach Rabbatz machen. Sie informieren sich vorher, wo und wann Roter Stern Leipzig antritt und fahren gezielt zu den Spielen. Es sind immer dieselben Leute dabei. Auch bekannte Neonazis, die schon bei dem Überfall auf uns in Brandis dabei waren (am 24. Oktober 2009 kam es während des Spiels beim FSV Brandis zu einem Angriff von circa 50 Personen gegenüber den Spielern, Verantwortlichen und Fans des RSL, d. Red.).

Was nicht immer üblich ist: Der Veranstalter brach das Turnier in Beilrode ab. Wie reagierten denn die Verantwortlichen zuvor? Die Trainer der anderen Mannschaften oder Verbandsmitarbeiter? 

Ulrike Fabich: In Beilrode baute sich ein Verbandsmitarbeiter vor den Neonazis auf und sagte: »Nun hört doch auf! Hier ist doch gar kein Judenland!« Uns fiel die Kinnlade runter. Doch damit nicht genug. Wenig später stellte er sich zwischen unsere Gruppe und die Nazis und sagte: »Wenn jetzt nicht Ruhe ist, dann lass ich alle entfernen.«

Ist die Gleichmacherei von Links und Rechts eine bekannte Reaktion?

Ulrike Fabich: Absolut. Der sächsische Fußballverband wird nicht müde zu behaupten, dass Roter Stern Leipzig die Probleme provoziert. Durch Transparente mit Slogans wie »Love Football, Hate Fascism« würden wir die Nazis anlocken. Andere behaupten, wir würden bewusst und gerne die Opferrolle einnehmen.

Gab es denn mal Gespräche mit dem sächsischen Fußballverband?

Ulrike Fabich: Nein. Denn auch für den Präsidenten des Verbandes, Klaus Reichenbach, gibt es nur die rechten Chaoten und die linken Chaoten. Er macht da keinen Unterschied. Und auch er fragt: Warum müsst ihr denn die Politik in den Fußball tragen, warum müsst ihr denn immer wieder gegen Nazis sein, warum müsst ihr die Judenflagge hissen? (Bei Spielen hängt gelegentlich eine Israel-Flagge im Block von Roter Stern Leipzig, d. Red.). Es wird alles als Provokation aufgefasst. Die rechte Gewalt ist nach dieser Logik nur die Reaktion.

Ihr habt für euer Engagement gegen Rechts 2010 den Julius-Hirsch-Preis verliehen bekommen. Wie reagierte der sächsische Verband?


Ulrike Fabich: Klaus Reichenbach wurde natürlich zu Verleihung eingeladen, er blieb dieser aber fern. Das sagt im Grunde schon alles. Irgendwann bekamen wir immerhin ein Glückwunschschreiben. Ein anderes Beispiel: Wir haben in der vergangenen Saison eine einwöchige Ausstellung mit Podiumsdiskussionen organisiert (Strafraum Sachsen, d. Red.). Auch hier kam niemand vom sächsischen Fußballverband – trotz Einladung. Es ist fast ein bisschen paradox: Im DFB spricht man von gesellschaftlicher Verantwortung und lobt unser Engagement, im Landesverband werden wir als Nestbeschmutzer gesehen, wenn wir dieses wahrnehmen.

Wie sieht der Dialog mit den anderen Mannschaften aus?

Ulrike Fabich: Es gibt gute Verbindungen zur BSG Chemie Leizpig, mit denen uns mehr als nur der Fußball verbindet. Generell gibt es auf Stadtebene einige Teams, die sich solidarisch mit uns zeigen, die unser Anliegen verstehen. Auch auf Landesebene haben wir einige Gespräche geführt. Das war ernüchternd. Nicht nur, weil die politischen Strukturen im Umland anders sind, und sich viele Klubs politisch rechts oder gar nicht positionieren.

Sondern weil sie Angst haben?

Ulrike Fabich: Genau. Der Wille für ein Umdenken ist manchmal da, allein, der Mut fehlt vielen Verantwortlichen der Klubs. Es kommt zum Beispiel immer wieder mal vor, dass man hinter vorgehaltener Hand unsere Idee gut heißt, es aber nicht wagt, dies auf Vereinsebene zu kommunizieren. Die Leute sagen, sie hätten Angst, schlafende Hunde zu wecken. Oder die Sorge, dass sie durch ein Bekenntnis gegen Rechts Mitglieder verlieren. Oder sie scheuen eine Positionierung, weil sie Gegenwehr in Form von Gewalt befürchten. Diese Ängste sind flächendeckend in Sachsen vorhanden.

Wie verlaufen eure Auswärtsspiele in der Provinz?

Ulrike Fabich: Alle Auswärtsspiele von Roter Stern Leipzig im Umland sind Spiele mit erhöhtem Sicherheitsrisiko. Das ist seit den Vorfällen von Brandis so. Die Polizei ist also stets präsent. Genauso wie jedes Mal ein rechter Mob zu den Spielen kommt – mal ist er größer, mal kleiner.

Werden die Spiele denn bei rassistischen Rufen unterbrochen?


Ulrike Fabich: Selten. Wir haben uns schon häufiger mit Schiedsrichtern über diese Rufe unterhalten, und merkten: Viele sind einfach überfordert. Sie hören diese Gesänge nicht, weil sie so auf das Spiel und den Ball fixiert sind. Wenn Spiele abgebrochen werden, wie etwa im April 2010 in Mügeln, müssen wir die Schiedsrichter dazu auffordern.

Was passierte in Mügeln?

Damals erklang wieder das U-Bahn-Lied und etliche Male wurden »Juden raus« und andere Nazi-Schlachtrufe skandiert. Wir mussten von der Seitenlinie den Schiedsrichter anschreien: »Hör doch mal hin, was hier abgeht!« Er hörte tatsächlich hin, und bat das Heimteam, seine Fans zur Räson zu rufen. Doch die machten weiter – schließlich brach er die Partie ab. (Mügelns Bürgermeister Gotthard Deuse hatte für den Spielabbruch übrigens kein Verständnis: »So lange ich beim Spiel war, habe ich keine Nazi-Sprüche gehört.«, d. Red.)

Den Klub Roter Stern Leipzig gibt es seit zwölf Jahren. Was erschwert ein Engagement gegen Rechts auf der Ebene Fußball?

Ulrike Fabich: Fußball nimmt eine Sonderfunktion ein, weil es, wie Gerd Dembowski (Sprecher vom BAFF, d. Red.) sagt, »Brennglas« ist. Weil viele althergebrachte Riten und verschiedene Traditionsaspekte zusammenkommen, weil die Strukturen mitunter verkrustet ist, weil schon die Spielfaktoren eher für ein diskriminierendes Umfeld sprechen als dagegen: Wir gegen euch, wir und die anderen. Das ist eine Abgrenzung, die ein Stück weit natürlich zum Fußball dazugehört, die aber ein Engagement gegen Rechts erschwert.

Wie steht es um die finanziellen Mittel? Könnt ihr mit Roter Stern Leipzig nachhaltig arbeiten?

Ulrike Fabich: Nein, wir haben keine langfristige Planungssicherheit. In den letzten Jahren wurden wir über einen lokalen Aktionsplan gefördert, dadurch war es uns möglich, Teilzeitstellen zu schaffen und eine Struktur aufrecht zu erhalten. Zudem bekamen wir Sachmittel von der DFB-Kulturstiftung.

In diesem Jahr hat Roter Stern Leipzig keine Unterstützung?

Ulrike Fabich: Nein. Aktuell können wir nur von Projekt zu Projekt schauen. Doch es fällt ja etliche andere Arbeit an – schon die Pressearbeit nimmt größeren Anteil ein als bei jedem anderen Klub in der Klasse. Ehrenamtilich ist diese Arbeit nur sehr schwer zu stemmen.

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Roter Stern Leipzig '99 e. V. ist ein 1999 gegründeter Sportverein aus dem Leipziger Stadtteil Connewitz. Der Verein versteht sich als kultur-politisches Sportprojekt im Spannungsfeld zwischen Fußballverein und linker Politik. Im September 2010 wurde der Verein vom DFB mit dem Julius-Hirsch-Preis wegen seines Einsatzes gegen jede Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Herkunft oder sexueller Präferenz ausgezeichnet.

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