Ronnie Hellström über Ibrahimovic, Spreefahrten und Handwerken

»Oh, da kommen die Schweden!«

Deutschland gegen Schweden - ein Spiel wie gemacht für Ronnie Hellström, 77 Länderspiele für Schweden, 266 Bundesliga-Partien für Kaiserslautern. Heute arbeitet der frühere WM-Keeper für ein deutsches Unternehmen in seiner Heimat.

Ronnie Hellström, am Dienstag spielt Schweden gegen Deutschland. Sie arbeiten im Außendienst für einen deutschen Baumarkt in Schweden. Kein Problem, den Tag frei zu bekommen für Sie, oder?
Ach, nein, so ist das nicht. Ich arbeite bis sechs Uhr und dann schaue ich mir das Spiel zuhause an.

Sie sind also nicht in Berlin?
Nein, ich habe zum Spiel keine Einladung bekommen. Schade, aber so ist das. Nicht so tragisch.

Sind Sie selbst Heimwerker?
Selbstverständlich. Ich habe ein eigenes Haus, und was soll ich sagen: Es gibt immer was zu tun. (lacht) Unser Spruch ist wirklich gut.

Kaum vorstellbar, dass Zlatan Ibrahimovic mal für einen Baumarkt Hunderte Autobahn-Kilometer abspult. Was halten Sie vom schwedischen Superstar?
(lacht) Nein, der hat andere Interessen und muss auch später sicher nicht mehr arbeiten. Ich kenne ihn persönlich, habe zwei Jahre in Malmö mit ihm gearbeitet, Anfang der 2000er, bevor er nach Amsterdam gewechselt ist. Er ist heute ein ganz anderer Mensch als damals. Er hat sich sehr verändert, auch was seine Intelligenz angeht. Manche mögen seine Mentalität nicht, aber ich mag ihn sehr. Er ist ein sehr guter Fußballer und ein sehr cleverer junger Mann geworden.

Viele halten ihn für einen der größten Egoisten des Fußballs.
Okay, man muss auch ein bisschen ein Egoist sein, das bringt seine Position auch mit sich.

In Kaiserslautern und der Pfalz werden Sie immer noch überall erkannt. Wie ist das in Schweden?
Ganz anders. Obwohl: Auf dem Land und in den kleinen Städten werde ich oft angesprochen. Dann heißt es: »Oh, was machst du denn hier, gibt's heute Abend ein Fußballspiel?« Aber in den Großstädten taucht man unter.

Geht man mit den Altstars in Schweden anders um?
Die Heldenverehrung ist hier nicht so groß. Es heißt dann, nur weil du früher ein guter Fußballer warst, brauchst du uns ja heute nicht damit zu kommen. Man spielt 20 Jahre für einen Verein und bekommt trotzdem keine Tickets, weil jetzt andere Leute am Ruder sind. Ich habe damit kein großes Problem, aber ich spreche auch für meine Mannschaftskameraden von damals, denen es genauso ergeht. In Deutschland ist das ganz anders, die guten Spieler von früher werden immer eingeladen. In Kaiserslautern haben sie sogar einen Bereich in einer Loge nach mir benannt. Ich bin mindestens zweimal im Jahr da.

Sie haben mit 21 Jahren Ihre erste WM gespielt, 1970 in Mexiko. Wie war das für den jungen Mann vom kleinen Stockholmer Klub Hammarby?
Das war natürlich ein großes Ding. Leider habe ich gleich im ersten Spiel gegen Italien einen großen Fehler gemacht. Ich hatte erst 24 Stunden vorher erfahren, dass ich spiele, weil sich unser Trainer nicht festlegen wollte. Das war nicht optimal für einen jungen Torwart. Ich war nervös, dann kam ein einfacher Ball auf mich zu, und ich habe ihn reingelassen. Die Medien haben dann natürlich alle Schuld auf mir abgeladen. »Wie konnte er den überhaupt aufstellen?«, hieß es. Die letzten beiden Spiele saß ich nur auf der Tribüne - nicht mal auf der Bank, die doppelte Bestrafung! Ich wollte aber nicht der Idiot sein und habe mich zurückgekämpft. Nach ein paar U21-Spielen war ich schon ein paar Monate später wieder zurück. Vielleicht war diese erste Erfahrung gut. Man muss Stärke nach der Niederlage zeigen.

Die Zeiten haben sich geändert: Sie hatten als Nationalspieler mit Ihren Kollegen noch die Zeit, einen Kinderfilm abzudrehen: »Fimpen, der Knirps«.
Ja, unvorstellbar. Einige Szenen haben wir vor richtigen Qualifikationsspielen im Stadion gedreht, in der Sowjetunion und gegen Österreich. Da gab es einen richtigen Anstoß, sogar die gegnerische Mannschaft hat ein bisschen mitgemacht. Aus heutiger Sicht unglaublich, dass die Uefa das zugelassen hat. Vielleicht ist das deshalb auch heute so ein Kultfilm.

Erinnern Sie sich an die skurrilste Geschichte bei den Dreharbeiten?
Der Regisseur Bo Widerberg war ein bisschen verrückt. Im Trainingslager auf Madeira drehten wir eine Szene in der Kabine, dafür hat er alles demontiert, die ganzen Bänke und die Einrichtung. Plötzlich kam die Polizei und hat ihn wegen Sachbeschädigung eingesperrt, einen Tag hat er gesessen dafür. (lacht)



Das Spiel am Dienstag in Berlin weckt Erinnerungen an die WM 2006, als es in der Vorrunde eine gelb-blaue Invasion gab.
Ja, und ich war auch dabei! Das war super. Wir sind auf dem Fluss hin- und hergefahren, wie heißt der noch...?

Spree?
Ja, genau. Auf der Spree. Wir waren auf dem Boot und haben schwedische Lieder gesungen. Ich war mit einer ganzen Reisegruppe unterwegs, die Leute am Reichstag haben vielleicht geguckt! Überall hieß es, »Oh, da kommen die Schweden!« Und im Stadion war es wie ein Heimspiel für uns. Und hinterher haben wir noch auf der Fanmeile gefeiert. Gut, da haben mich natürlich alle gekannt. Ich hatte gar keine Chance, mir mal selbst ein Bier zu kaufen...

Die EM in diesem Jahr war dagegen eine Enttäuschung.
Die EM lief nicht gut, wir haben gegen die Ukraine und auch gegen England verloren, das war fast schon ein bisschen peinlich. Frankreich war dann ohnehin schon weiter. Nein, wenn man schon mal dabei ist, muss man doch gute Leistungen bringen.

Was machen Ihre Erben? Seit Thomas Ravelli hatten die Schweden keinen herausragenden Torwart mehr.
Nach Ravelli kam schon Andreas Isaakson, der heute noch im Tor steht. Jetzt haben wir ein paar gute Keeper in der U21, hinter Isaakson in der Nationalelf gibt es Johan Wiland vom FC Kopenhagen und Pär Hansson von Helsingborg. Hansson hat viel Talent, aber er hat Probleme mit den Füßen, mit dem Spielaufbau. Das kannst du dir heute nicht mehr erlauben.

Wie stehen die Chancen der Schweden am Dienstag?
Die Abwehr ist neu, sie muss gut spielen, auch Isaakson, das ist mal das wichtigste. Auswärts hatten wir es immer schwer. Damals haben wir nur in Schweden zweimal gegen die Deutschen gewonnen, auswärts haben wir immer verloren. Ein Unentschieden wäre schon bombig für uns, aber die Deutschen werden versuchen, alle Heimspiele zu gewinnen, und normalerweise schaffen die das auch.

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