Roman Gregory über Toni Polster und die Wiener Viktoria

»Polster ist unser letzter großer Fußballheld«

Roman Gregory ist Frontmann der Band Alkbottle, er singt vom Scheißen und Saufen – und er ist Präsident der Wiener Viktoria. Sein größter Coup: Die Verpflichtung von Toni Polster. Für die Geschichte »No Sleep Till Meidling« (11FREUNDE #118) besuchten wir ihn in Wien. Roman Gregory über Toni Polster und die Wiener ViktoriaStefan Knittel
Heft#118 09/2011
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Roman Gregory, Sie sind Präsident der Wiener Viktoria und haben im Juli Toni Polster als Trainer verpflichtet. Ein großer PR-Gag?

Roman Gregory: Ich kann verstehen, dass einige Leute es so sehen. Für einen PR-Gag ist mir die Freundschaft zu Toni Polster allerdings viel zu schade.

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Mit Verlaub: Ihr Klub spielt in der österreichischen 5. Liga, Sie verdienen Ihr Geld eigentlich als Musiker und Entertainer. Und Toni Polster...

Roman Gregory: ...ist der letzte große Fußballheld Österreichs. Ich finde die Konstellation trotzdem nicht so konstruiert, wie Sie Ihnen vielleicht erscheint. Es ist so, dass bei der Wiener Viktoria alles auf Freundschaft basiert und ich Toni Polster seit vielen Jahren kenne, vornehmlich über die Musik. Ich wusste, dass es sein großer Wunsch ist, in den Fußball zurückzukehren.

War er denn weg? Zuletzt trainierte er immerhin die zweite Mannschaft von LASK Linz.

Roman Gregory: Aber er war vermehrt in der Unterhaltungsbranche aktiv. Die Wiener Viktoria ist somit eine Art Neuanfang. Zwar können wir ihm keinen Profifußball bieten, dafür aber ein familiäres Umfeld und ein ambitioniertes Projekt.

Wie sieht das aus?

Roman Gregory: Wir wollen nach oben. Nicht auf Biegen und Brechen, nicht schon morgen, doch mit einem Plan, mit einer Idee soll hier mittelfristig was aufgebaut werden. Wissen Sie, als ich vor fünf Jahren Präsident der Wiener Viktoria wurde, lag der Klub am Boden. Der Verein war verschuldet und überall wo ich hinblickte, sah ich Kriminelle, Trinker und Rassisten.

Seit mehr als 15 Jahren feiern Sie mit Ihrer Band Alkbottle Erfolge in Österreich. Sie haben goldene Schallplatten gewonnen, Tourneen von Kiss oder Deep Purple begleitet und sind als Entertainer in etlichen Fernsehformaten aufgetreten. Sie kennen die glitzernde Bühne der Unterhaltungswelt. Warum tun Sie sich die Wiener Viktoria überhaupt an?

Roman Gregory: Ich bin in Meidling (Wiener Stadtteil, in dem die Viktoria spielt, d. Red.) groß geworden. Zudem war die Viktoria immer schon mein Verein. Ich habe hier als Kind gespielt, bis ich den Fußball für das Boxen aufgab. Eines Tages rief mich mein alter Freund Roman Zeisel (heute Obmann des Klubs, d. Red.) an und fragte, ob ich nicht Lust habe, Präsident des Klubs zu werden.

Bildergalerie: Toni Polster und Roman Gregory in der 5. Liga >>


Sie sagten sofort zu?

Roman Gregory: Ich wollte mir das zumindest mal angucken. Doch mit einem Mal saß ich neben einer Kassiererin, der mir offen ins Gesicht sagte, dass sie Türken hier nicht sehen wolle. Dazu muss man wissen, dass in Meidling sehr viele Migranten leben und im Klub viele Jungs mit türkischen oder afrikanischen Wurzeln spielen. Und sowieso: Ich sehe Österreich als Vielvölkerstaat, seit Jahrhunderten. Ich sagte also, dass ich das Amt gerne ausüben wolle, aber unter gänzlich anderen Voraussetzungen. Ein Jahr später kandidierte ich mit einem kompletten neuen Vorstand für das Amt. Unser erstes Ziel war es, die eingewachsenen Zehennägel zu lösen.

Sie wurden mit knapper Mehrheit gewählt. Was waren Ihre ersten Amtshandlungen?

Roman Gregory: Wir eröffneten einen Kebabstand und schenkten Efes-Bier aus. Die Rassisten verschwanden und kamen nie wieder. In den nächsten Jahren richteten wir ein Benefizspiel gegen die tibetische Nationalelf aus, wir organisierten ein Musikfestival, bei dem Alkbottle gemeinsam mit Hans Krankl auftraten und den Song »I scheiß am Frisör« zum Besten gaben. Im vergangenen Winter stellten wir unsere Kabinen Obdachlosen zur Verfügung.

Das sind medienwirksame Aktionen.

Roman Gregory: Bei aller Bescheidenheit kann ich sagen, dass ich weiß, wie man Öffentlichkeit schafft. Doch neben dem schönen Nebeneffekt, dass die Viktoria bekannter wurde, wollte ich mit solchen Aktionen dem Verein ein neues Gesicht geben. Wir wollten nicht mehr der graue Klub aus Meidling sein, bei dem Jugendmannschaften von Trinkern und Rassisten trainiert, bei dem Gelder veruntreut oder Spiele manipuliert werden.

Was wollen Sie denn?

Roman Gregory: Wir wollen eine Art FC St. Pauli Österreichs werden. Der Hamburger Klub ist für viele von uns das große Vorbild, uns begeistert die Fankultur, die Klubführung, die Mannschaft. Deshalb waren wir im vergangenen Jahr auch in Hamburg und haben uns von Helmut Schulte den Verein zeigen lassen.

Der FC St. Pauli bezieht seinen Mythos noch aus der Zeit der Hafenstraßenkämpfe in den achtziger Jahren und seinen Charakter aus einer lebendigen Stadtteilkultur. Wie kann man das auf Meidling transportieren? Wie kann man eine Identität von Innen formen?

Roman Gregory: Natürlich kann man eine Fankultur nicht auf Knopfdruck bestellen. Sie muss wachsen und dafür braucht es Zeit. Dennoch finde ich den Lokalkolorit, den der Klub und die Mannschaft des FC St. Pauli lebt, sehr imponierend. Und letztendlich sind auch wir ein Underdog, wir sind neben den ganzen großen Wiener Traditionsklubs das kleine gallische Dorf. Und Meidling zeigt sich an vielen Ecken ähnlich wie der Stadtteil St. Pauli – es ist ein Arbeiterbezirk, dreckig und vielerorts nicht vorzeigbar.

Wie reagieren die Leute im Viertel auf Ihr Vorhaben, die Strukturen der Wiener Viktoria zu professionalisieren?

Roman Gregory: Es gibt eine alte Wiener Krankheit, die ausbricht, wenn du einen Einfall hast. Sofort hast zehn Leute um dich herum, die sagen, dass die Idee scheiße ist. Ich sage aber: Probieren wir es doch, dann sehen wir, ob es scheiße ist. Hier gibt es auch viele Bezirkspolitiker, die den Stadtteil lieber leise haben wollen. Sie wollen ein Meidling für Rentner und Alte, da passt die Viktoria, die die Aufmerksamkeit auf sich zieht, nicht hin.

Jetzt ist durch die Verpflichtung von Toni Polster die Aumerksamkeit da. Die österreichische Presse stand beim Trainingsauftakt Schlange.

Roman Gregory: Und doch muss am Ende der Tabellenplatz zeigen, ob wir den Hype bestätigen können.

Was bringt Polster denn das Engagement bei der Wiener Vitkoria? Ein dickes Gehalt kann er nicht erwarten.

Roman Gregory: Finanziell hat er einige Abstriche gemacht, das stimmt. Zunächst war es ihm aber wichtig, wieder in Wien zu sein, bei seiner Familie. Zum anderen kann er hier abseits der Spotlights eine Mannschaft trainieren und aufbauen. Hier kommen maximal 500 Zuschauer zu den Spielen und es besteht keine Gefahr, dass er angefeindet wird, wenn er zweimal hintereinander verliert.

Sie haben Stadt- und Landesmeistertitel im Boxen errungen. Was haben Sie vom Boxen gelernt?

Roman Gregory: Der Sport hat mir einen eisernen Willen gegeben. Die Gewissheit, dass man Fehler bei sich selbst suchen muss. Im Boxen gibt es keine Mitspieler, es gibt nur dich und deinen Gegner.

Für den Fußball eine schwierige Basis. Gerade im Vorstand sollte man auch immer teamfähig sein.

Roman Gregory: Ich muss zugeben, dass es mir manchmal nicht leicht fällt, wenn ich Dinge deligieren oder Aufgaben abgeben muss. Ich bin eben geneigt, alles selbst in die Hand zu nehmen. Doch ich denke, dass ich lernbereit bin. Ich höre mir heute immer Meinungen an, um diese als Basis für intelligentere Lösungen zu nehmen.

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