23.03.2011

Rolf Schafstall im Interview

„Ich war ein ehrgeiziger Hund“

Wenn in den 80er Jahren der Baum brannte, kam Rolf Schaftstall, der Feuerwehrmann schlechthin, und löschte ihn. „Nichtabsteigen habe ich von der Pike auf gelernt“, sagt er. Hier teilt er seine Weisheit mit allen Abstiegsgefährdeten.

Interview: Ralf Piorr Bild: imago
Sie haben schließlich noch bis 1969 für den SSV Reutlingen in der Regionalliga gespielt und vollzogen dann den Wechsel auf die Trainerbank. War das langfristig geplant?

Ganz und gar nicht. Als ich mit 33 Jahren in Reutlingen aufhörte, kam die Frage: „Mein Gott, was machst Du jetzt eigentlich?“ Ein kleiner Verein auf der Schwäbischen Alb suchte einen Trainer, und ich hatte gerade eine Meniskusoperation hinter mir und wollte einfach ausprobieren, wie das geht. Schließlich ist es etwas ganz anderes vor einer Mannschaft zu stehen. Die Mannschaftssitzung wurde in der Dorfkneipe abgehalten, unten im Keller in einer Art Hobby-Raum. Da stand ich vor der Truppe, gestützt auf meine Krücken, und habe ihnen etwas vom Fußball erzählt. Und ich merkte: Die hören mir ganz genau zu! Das war für mich ein Schlüsselerlebnis, und daraufhin habe ich den Entschluss gefasst, eine Trainerlaufbahn einzuschlagen. Auch in der Trainerausbildung war ich ein ehrgeiziger Hund und wollte immer der Erste sein.

Ihre erste Bundesliga-Station war der MSV Duisburg. Wieder mittendrin im Abstiegskampf.

Ich kam als Co-Trainer von Willibert Kremer zum MSV, und im März 1976 wurde er, weil der Verein im Tabellenkeller stand, entlassen. Ich bekam das Ruder in die Hand gedrückt und sollte den Verein aus den Abstiegssumpf ziehen, was mir auch gelang. So fing es an, also recht typisch für meine Trainerlaufbahn.

Sie haben schnell den Ruf des Feuerwehrmanns gehabt, der Vereinen im Abstiegskampf oft weiterhelfen konnte.


Nicht oft. Immer! (lacht) Ehrlich gesagt: Ich habe diese Aufgaben mit Hingabe übernommen und mir konnte ein Job gar nicht schwierig genug sein. Das Nichtabsteigen hatte ich von der Pike auf gelernt.

Was waren Ihre Prinzipien?


Grundsätzlich Disziplin und Fleiß. Wenn ein Verein unten drin steht, kann man als Trainer auf nichts und niemanden mehr Rücksicht nehmen.

Dann müssen sie knochenhart sein und ihre Ankündigungen gegenüber der Mannschaft konsequent umsetzen.

Meistens trifft man im Abstiegskampf auf Mannschaften, die zerstritten sind, in denen Gruppenbildung vorherrscht, die nicht miteinander können. Da muss man mit harter Hand für Ordnung sorgen.

Welche Rolle spielt die Psychologie eines Spielers?


Für mich bestand der Trainerjob immer zu 60 Prozent aus Psychologie, und 40 Prozent spielten sich auf dem Platz ab. Man muss als Trainer aufnehmen, was sich in der Mannschaft tut, die Dinge sortieren und entsprechend gewinnbringende Maßnahmen treffen. Otto Rehhagel sagte mal: „Man muss alle Antennen ausfahren.“ Das stimmt, denn eine Mannschaft ist ein hochkomplexes System.

Beim VfL Bochum haben Sie in den 1980er Jahren den Mythos der Unabsteigbaren mitbegründet. War die Castroper Straße ein besonderer Arbeitsplatz für Sie?

Ganz bestimmt. Dort ging es von Anfang an gegen den Abstieg. Der Präsident Ottokar Wüst musste Jahr für Jahr die besten Spieler verkaufen, und als Trainer musste man dann mit jungen und unerfahrenen Spielern weiter machen. Saison für Saison hieß es: „Der Klassenerhalt ist alles.“ Spieler wie Lothar Woelk, „Ata“ Lameck und Walter Oswald waren quasi meine Ziehsöhne auf dem Rasen. Dazu kamen junge Spieler wie Martin Kree, Uwe Leifeld, Ralf Zumdick oder Christian Schreier, die alle ihre Karriere beim VfL im Ruhrstadion begannen. Um solche Spieler zu finden, bin ich Sonntag für Sonntag in der Umgebung in den Amateurligen gewesen und habe mir Spiele in der Oberliga und Landesliga angesehen. Für teure Transfers war ja kein Geld da. So kam auch Stefan Kuntz zu mir. Er hatte sein Probetraining an einem Dienstag. Morgens hatte ich seine läuferischen und nachmittags seine fußballerischen Fähigkeiten getestet. Danach habe ich zu ihm gesagt: „Hör mal, Stefan, Du kannst bei uns einen Vertrag unterschreiben. Als Anfangsgehalt kriegst Du 2.500 DM und die Auflauf- und Siegprämien, wenn Du mit dabei bist.“ Er zögerte und gestand schließlich ein, dass er noch ein Probetraining bei Bayern München habe. Da sagte ich sofort: „Weißt Du was, dann musst Du zu Bayern gehen. Dort bekommst Du mit Sicherheit das Zehnfache von dem, was ich Dir hier in Bochum bieten kann. Aber wenn Du dann ins Olympiastadion gehst, musst Du nur aufpassen, dass Du oben auf der Tribüne einen schönen Platz in Höhe der Mittellinie bekommst. Du hast zwar das Zehnfache in der Tasche, aber guckst schön zu, wie so ein Rummenigge und Breitner Fußball spielen. Denn: Bundesliga-Fußballer wirst Du nur bei mir, bloß für keine Mark mehr!“ Zwei Tage später unterschrieb Stefan beim VfL.

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