Rolf Schafstall im Interview

„Ich war ein ehrgeiziger Hund“

Wenn in den 80er Jahren der Baum brannte, kam Rolf Schaftstall, der Feuerwehrmann schlechthin, und löschte ihn. „Nichtabsteigen habe ich von der Pike auf gelernt“, sagt er. Hier teilt er seine Weisheit mit allen Abstiegsgefährdeten. Rolf Schafstall im Interviewimago

Rolf Schafstall, mit welcher Art von Fußbällen haben Sie das Kicken gelernt?

Die waren mit Sicherheit nicht aus Leder! (lacht) In meinem Geburtsort Hamborn-Neumühl haben wir auf der Straße mit zusammengebundenen Putzlumpen gespielt und mit Ziegelsteinen als Torpfosten. Damals fuhr ja kaum mal ein Auto auf der Straße. Dann gab es die ersten Gummibälle in den Geschäften, und ich stand vor einer Schaufensterscheibe und habe mir so einen Ball wochenlang vor Weihnachten angeguckt. „Mensch, wenn ich den zu Weihnachten haben könnte“, habe ich oft zu meinem Vater gesagt. Und wahrhaftig: Zu Heiligabend lag der wunderbare Gummiball auf dem Gabentisch! Und was machten wir Jungens? Wir rannten sofort auf die Straße und kickten. Bereits nach zehn Minuten war der neue Ball so etwas von verbeult, das er nicht mehr rund sondern eher achteckig war. Das Gummi-Material war einfach schlecht, aber es war trotzdem der erste richtige Ball, den ich hatte, und daran erinnert man sich doch.

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Was ist Ihnen aus Ihrer Kindheit in Erinnerung geblieben?


Natürlich die Kriegsjahre und die harte Zeit des Wiederaufbaus. Wir sind als Kinder dreimal evakuiert worden, und ich habe kaum eine richtige Schulausbildung gehabt. Erst als der Krieg zu Ende war, kam ich wieder nach Hamborn zurück und ging regelmäßig zur Schule. So musste ich anfangs gehörig hinterherlaufen, da ich schon viel verpasst hatte. Ich komme aus einer Familie mit acht Kindern, mein Vater arbeitete als Hafenmeister. Da gab es nicht viel zu verteilen. Man hat gelernt, mit wenig auszukommen, und für das, was man haben will, hart zu arbeiten. Um etwas erreichen zu können, muss man arbeiten, arbeiten und noch einmal arbeiten. Diese Prinzipien haben sich in mir festgesetzt, weil ich eben selbst durch diese Lebensschule gegangen bin, und später habe ich gesehen, dass sie auch auf dem Fußballplatz gelten.

War der Fußball für Sie eine Chance, nach oben zu kommen?


Auf jeden Fall. Ich war von der D-Jugend an bei Hamborn 07, und
Fußball war einfach eine Möglichkeit, im Leben irgendwo weiter zu kommen. Es gab sicher größere Talente, aber ich war als Spieler sehr ehrgeizig und habe kaum einen Sonntag pausiert.

Im September 1955 debütierten Sie in der Oberliga West bei Ihrem Stammverein Hamborn 07. Gleich mittendrin im Abstiegskampf…

Ja, die Hamborner Löwen wurden damals von der Presse zu ersten Fahrstuhlmannschaft ernannt. Es war ein stetes Auf und Ab zwischen der Oberliga und der 2. Liga West. Ich kam aus der Jugend und wurde mit 18 Jahren Vertragsspieler für ein Grundgehalt von 125,- Mark. Man konnte von dem, was man als Fußballer verdiente, nicht leben. Es war ein kleines Zubrot, auch wenn man diesen Betrag in Relation zu den Umständen der Zeit sehen muss.

Wo haben Sie gearbeitet?


Ich habe auf der Zeche Neumühl meine Lehre gemacht und war dort Gruben-Elektriker. Ein paar Monate habe ich auch unter Tage gearbeitet, aber - Gott sei Dank - war das schnell vorbei. Ich habe mich so tief unter der Erde überhaupt nicht wohl gefühlt und wollte da nur raus. Später kam ich zur Thyssenhütte, auf der die Fußballer von Hamborn 07 mehr oder weniger alle unterkamen. Wir arbeiteten in unserem Beruf und waren trotzdem näher am Verein dran, was ja auch wegen Training und dergleichen wichtig war.

In der Oberliga West hatten Sie noch einen Helmut Rahn als Gegenspieler.

Drei- oder viermal habe ich gegen ihn gespielt, und er stand noch im Zenith seines Könnens. Ich war Zeit meines Lebens linker Verteidiger und im damaligen WM-System durfte man die Mittellinie kaum überschreiten. Rahn spielte Rechtsaußen, also war er mein Gegenspieler.

Hatte man Respekt?

Aber ganz gehörig. Ich erinnere mich an ein Spiel, als Rahn in der Saison 1959/60 für den 1. FC Köln spielte. Generell habe ich meinem Gegenspieler gern die Außenlinie frei gegeben, damit ich mir dann den Ball mit der Grätsche schnappen konnte, denn im Tackling war ich todsicher. In diesem Spiel kam Rahn also wie eine Dampfwalze auf mich zu, und während ich grätsche, spitzelt er den Ball mit der Fußspitze an mir vorbei und läuft über die Aschenbahn wieder ins Feld rein. Es kam, wie es kommen musste: Er bringt die Flanke in den Sechzehner, Kopfball Christian Müller, Tor! Während dessen lag ich immer noch auf der Erde und war ganz ratlos, wie mir das passieren konnte. Außerdem war Rahn ein Spieler ohne Standesdünkel. Man konnte ihn als junger Verteidiger ruhig angehen, da kam keine Bemerkung so nach dem Motto: „Ich bin Nationalspieler, und wer bist Du?“

Sie haben schließlich noch bis 1969 für den SSV Reutlingen in der Regionalliga gespielt und vollzogen dann den Wechsel auf die Trainerbank. War das langfristig geplant?

Ganz und gar nicht. Als ich mit 33 Jahren in Reutlingen aufhörte, kam die Frage: „Mein Gott, was machst Du jetzt eigentlich?“ Ein kleiner Verein auf der Schwäbischen Alb suchte einen Trainer, und ich hatte gerade eine Meniskusoperation hinter mir und wollte einfach ausprobieren, wie das geht. Schließlich ist es etwas ganz anderes vor einer Mannschaft zu stehen. Die Mannschaftssitzung wurde in der Dorfkneipe abgehalten, unten im Keller in einer Art Hobby-Raum. Da stand ich vor der Truppe, gestützt auf meine Krücken, und habe ihnen etwas vom Fußball erzählt. Und ich merkte: Die hören mir ganz genau zu! Das war für mich ein Schlüsselerlebnis, und daraufhin habe ich den Entschluss gefasst, eine Trainerlaufbahn einzuschlagen. Auch in der Trainerausbildung war ich ein ehrgeiziger Hund und wollte immer der Erste sein.

Ihre erste Bundesliga-Station war der MSV Duisburg. Wieder mittendrin im Abstiegskampf.

Ich kam als Co-Trainer von Willibert Kremer zum MSV, und im März 1976 wurde er, weil der Verein im Tabellenkeller stand, entlassen. Ich bekam das Ruder in die Hand gedrückt und sollte den Verein aus den Abstiegssumpf ziehen, was mir auch gelang. So fing es an, also recht typisch für meine Trainerlaufbahn.

Sie haben schnell den Ruf des Feuerwehrmanns gehabt, der Vereinen im Abstiegskampf oft weiterhelfen konnte.


Nicht oft. Immer! (lacht) Ehrlich gesagt: Ich habe diese Aufgaben mit Hingabe übernommen und mir konnte ein Job gar nicht schwierig genug sein. Das Nichtabsteigen hatte ich von der Pike auf gelernt.

Was waren Ihre Prinzipien?


Grundsätzlich Disziplin und Fleiß. Wenn ein Verein unten drin steht, kann man als Trainer auf nichts und niemanden mehr Rücksicht nehmen.

Dann müssen sie knochenhart sein und ihre Ankündigungen gegenüber der Mannschaft konsequent umsetzen.

Meistens trifft man im Abstiegskampf auf Mannschaften, die zerstritten sind, in denen Gruppenbildung vorherrscht, die nicht miteinander können. Da muss man mit harter Hand für Ordnung sorgen.

Welche Rolle spielt die Psychologie eines Spielers?


Für mich bestand der Trainerjob immer zu 60 Prozent aus Psychologie, und 40 Prozent spielten sich auf dem Platz ab. Man muss als Trainer aufnehmen, was sich in der Mannschaft tut, die Dinge sortieren und entsprechend gewinnbringende Maßnahmen treffen. Otto Rehhagel sagte mal: „Man muss alle Antennen ausfahren.“ Das stimmt, denn eine Mannschaft ist ein hochkomplexes System.

Beim VfL Bochum haben Sie in den 1980er Jahren den Mythos der Unabsteigbaren mitbegründet. War die Castroper Straße ein besonderer Arbeitsplatz für Sie?

Ganz bestimmt. Dort ging es von Anfang an gegen den Abstieg. Der Präsident Ottokar Wüst musste Jahr für Jahr die besten Spieler verkaufen, und als Trainer musste man dann mit jungen und unerfahrenen Spielern weiter machen. Saison für Saison hieß es: „Der Klassenerhalt ist alles.“ Spieler wie Lothar Woelk, „Ata“ Lameck und Walter Oswald waren quasi meine Ziehsöhne auf dem Rasen. Dazu kamen junge Spieler wie Martin Kree, Uwe Leifeld, Ralf Zumdick oder Christian Schreier, die alle ihre Karriere beim VfL im Ruhrstadion begannen. Um solche Spieler zu finden, bin ich Sonntag für Sonntag in der Umgebung in den Amateurligen gewesen und habe mir Spiele in der Oberliga und Landesliga angesehen. Für teure Transfers war ja kein Geld da. So kam auch Stefan Kuntz zu mir. Er hatte sein Probetraining an einem Dienstag. Morgens hatte ich seine läuferischen und nachmittags seine fußballerischen Fähigkeiten getestet. Danach habe ich zu ihm gesagt: „Hör mal, Stefan, Du kannst bei uns einen Vertrag unterschreiben. Als Anfangsgehalt kriegst Du 2.500 DM und die Auflauf- und Siegprämien, wenn Du mit dabei bist.“ Er zögerte und gestand schließlich ein, dass er noch ein Probetraining bei Bayern München habe. Da sagte ich sofort: „Weißt Du was, dann musst Du zu Bayern gehen. Dort bekommst Du mit Sicherheit das Zehnfache von dem, was ich Dir hier in Bochum bieten kann. Aber wenn Du dann ins Olympiastadion gehst, musst Du nur aufpassen, dass Du oben auf der Tribüne einen schönen Platz in Höhe der Mittellinie bekommst. Du hast zwar das Zehnfache in der Tasche, aber guckst schön zu, wie so ein Rummenigge und Breitner Fußball spielen. Denn: Bundesliga-Fußballer wirst Du nur bei mir, bloß für keine Mark mehr!“ Zwei Tage später unterschrieb Stefan beim VfL.

Als Spieler und Trainer können Sie fast 50 Jahre Fußballgeschichte überblicken. Was hat sich von der Oberliga West bis zur Bundesliga am stärksten verändert?

Der Fußball hat sich gewandelt. Er ist intensiver geworden. Ob er schöner geworden ist, das sehen die Zeitgenossen wohl immer anders. Zwischen der Oberliga West, die ich als Spieler miterlebt habe, und der Bundesliga, in der ich als Trainer tätig war, liegen natürlich Welten. Was ganz auffällig ist: Die Identifikation mit einem Verein war bei den Spielern früher viel größer als heute. Man trug das Vereinswappen wirklich noch „auf dem Herzen“, heute ist es eine oftmals leere Geste beim Torjubel. Dieses „Wir-Gefühl“ war damals sehr ausgeprägt, nicht nur auf dem Platz, sondern man machte auch in der Freizeit einiges gemeinsam. Außerdem hat man immer darauf gewartet, dass es sonntags wieder losging.

Sie sind dieses Jahr siebzig geworden. Fühlen Sie sich in Rente?


Ich bin Rentner! Aber ich gehe jeden Tag in mein Fitnessstudio und mache dort mein Programm. Außerdem bin ich immer noch in Sachen Fußball unterwegs. Beim VfL habe ich meine Ehrenkarte, die ich zu jedem Heimspiel nutze.

Ich habe gelesen, Sie sind Hobby-Gärtner geworden?


Ach nein, hören Sie auf. Das hat mal einer von ihren Kollegen geschrieben, nur weil ich hier in Krefeld auf dem Land lebe, einen Garten habe und ab und zu meinen Rasen mähe.

Was würden Sie machen, wenn noch einmal ein Anruf käme?

Ich weiß ganz genau, dass das Telefon nicht mehr klingeln wird. Man könnte vielleicht noch eine beratende Tätigkeit ausüben, aber ich würde mich auch nicht mehr auf den Trainingsplatz hinstellen. Aus dem Alter bin ich wirklich heraus.

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