Rolf Kesternich, der größte Fan im deutschen Fußball

»Die Bundesliga ist mein Lebenswerk!«

Niemand hat mehr Bundesligaspiele im Stadion gesehen als Rolf »Charlie« Kesternich. Der Rentner bringt es in der Spitze auf 67 Partien pro Saison. Ein Gespräch über 49 Jahre Bundesliga, Fachgespräche mit Günter Netzer und Drinks von Manni Kaltz.

Karol Herrmann

Rolf Kesternich, Sie haben bis zum heutigen Tag (Stand 23. August 2012, d. Red.) 1626 Bundesligaspiele gesehen. Was macht Sie so sicher, dass es nicht doch jemanden gibt, der öfter im Stadion war?
Derjenige müsste schon seit Anbeginn der Bundesliga dabei sein und einen Saisonschnitt von 33 Spielen vorlegen. Wie soll das auch gehen, wenn man Familie hat? Ich habe recherchiert und bin fest davon überzeugt, dass ich mit weitem Abstand Rekordhalter bin. Die Eintrittskarten habe ich alle aufgehoben.

Der Lebensentwurf mit Familie kam für Sie nie in Frage?
In den Sechziger-Jahren konnte man sich in einem Kölner Institut über seine Zukunft beraten lassen. Als ich der Dame dort sagte, dass ich Einzelhandelskaufmann bin und fast meine gesamten Ersparnisse für Fußball ausgebe, gab sie mir den Rat, besser alleine zu bleiben. Ich bin der Frau bis heute dankbar.

Wie  kam Ihre Begeisterung für den Fußball zustande?
Gepackt hat es mich 1956, im alten Müngersdorfer Stadion. In der Oberliga-West begann meine Liebe zum 1. FC Köln. Mein erstes Bundesligaspiel sah ich im August 1963. Köln gewann 4:0 gegen Karlsruhe. Kurz danach träumte ich bereits davon, mindestens 1500 Spiele im Stadion zu sehen. Das hat hervorragend funktioniert.

Sie sahen aber bestimmt nicht nur Bundesligaspiele.
Die Bundesliga ist mein Lebenswerk. Selbst wenn der 1. FC Köln jetzt in der zweiten Liga spielt, würde ich eine gute Partie im Oberhaus bevorzugen. Daneben habe ich auch schon 200 Europapokalspiele, 125 Zweitligapartien und 105 Länderspiele gesehen. Zusammen mit Junioren- und Amateurspielen komme ich auf ungefähr 3300 Spiele. Die Sommerpause überbücke ich dann mit Handball, Eishockey, Boxen und Basketball.

Ihre Liebe gilt aber nicht nur dem 1. FC Köln. Sie sind Mitglied in sechs Vereinen.
Viele Fans finden das abartig. Sie sagen mir, es gäbe nur einen Verein. Bei mir ist das anders: Ich besitze Dauerkarten vom 1. FC Köln und Bayer Leverkusen. Das ist praktisch, da beide aufgrund der Nähe nie gleichzeitig zu Hause spielen. Ich bin außerdem Mitglied bei Borussia Dortmund, Schalke 04 und Werder Bremen. Und natürlich beim FC Bayern, der nach Köln mein Lieblingsverein ist. In den siebziger Jahren habe ich mit den Bayern viele Titel gewonnen, das prägt bis heute.

Wie meinen Sie das?
Ich möchte mit meinen Vereinen Erfolge feiern. Als Zuschauer im Stadion habe ich schon alle Titel gewonnen. 1972 wurde ich in Brüssel mit Deutschland Europameister, 1974 in München Weltmeister. Ich war zweimal vor Ort, als die Bayern den Europapokal der Landesmeister gewonnen haben, sah Gladbach und Leverkusen den UEFA-Cup gewinnen. Von Meisterschaften und DFB-Pokalsiegen ganz zu schweigen.



Wie sind Sie damals an die Karten gekommen?
Es gab verschieden Wege: Bei einem Qualifikationsspiel zur WM 1970 gegen Zypern gab ich einem Ordner zehn Mark, der schleuste mich dann einfach durch die Drehkreuze. Das Ticket für das WM-Finale 1974 habe ich mir ganz normal für 15 Mark in einem Kölner Reisebüro gekauft. Problematisch wird es eher heute, zum Beispiel wenn Schalke gegen Bayern spielt. Ich bin inzwischen aber sehr bekannt und komme meist noch irgendwie rein, ohne horrende Schwarzmarktpreise zu bezahlen.

Welche Spiele haben bei Ihnen am meisten Eindruck hinterlassen?
In der Bundesliga ist mir das 12:0 von Gladbach gegen Dortmund 1977 sehr gut in Erinnerung geblieben. Das beste Spiel in der jüngeren Geschichte war für mich das 4:4 von Dortmund gegen Stuttgart in der vergangenen Saison. Am präsentesten sind aber die tragischen Spiele: Ich sah, wie Köln im Europapokal der Landesmeister 1965 gegen Liverpool ausschied und die Münze beim Entscheidungswurf des Schiedsrichter im Morast stecken blieb. Ähnlich ungerecht fand ich den Büchsenwurf vom Bökelberg, wo das Spiel trotz eines 7:1 von Gladbach gegen Inter Mailand wegen einer leeren Cola-Dose annulliert wurde. Eine furchtbare Ungerechtheit. Ich habe bis heute nie ein besseres Europapokalspiel gesehen.

Welche Anekdoten können Sie über Spieler erzählen?
In den siebziger Jahren war ich oft in Günter Netzers Diskothek »Lovers Lane« zu Gast. Ein komplett schwarz gestrichener Laden in der Mönchengladbacher Altstadt. Ich bin dann immer mit der ersten Bahn nach Hause gefahren, Netzer kreuzte aber meistens noch irgendwann auf. Kurz vor dem EM-Viertelfinale 1972 gegen England kam er dann in den Teppichladen, wo ich arbeitete und kaufte sich einen Läufer. Als ich den zu seinem Ferrari trug, sagte er mir, dass er gegen England verletzungsbedingt ausfallen würde. Am Ende verwandelte er den entscheidenden Elfmeter. Er war damals auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Ein anderes Mal sprach ich nach einem Länderspiel in Köln Karl-Heinz Rummenigge, Manfred Kaltz und Bernd Cullmann in einer Diskothek an. Sie fanden mich sofort sympathisch und spendierten mir an dem Abend alle Drinks.

Und welcher Spieler hat Sie auf dem Platz am meisten fasziniert?
Ohne Zweifel Gerd Müller, ohne den wir nie Welt- und Europameister geworden wären.

Welche Entwicklungen der Bundesliga haben Sie gestört?
Das Spiel mag athletischer geworden sein, aber Spieler wie Netzer und Overath haben geniale Pässe gespielt. Wenn ich mir dagegen die heutigen Spieler von Köln anschaue: Die verdienen Millionen und passen den Ball ins Niemandsland. Kein Spieler, auch nicht Cristiano Ronaldo, ist 95 Millionen Euro wert. Und: Nachdem ich jetzt über 50 Jahre Stadiongänger bin, kann ich sagen, dass die Gewalt zugenommen hat. Bei meinem ersten Bundesligaspiel waren höchstens eine handvoll Polizisten zugegen, und wenn die sagten, wir sollen zehn Meter zurückgehen, haben das auch alle gemacht. Heute läuft das bekanntlich anders. Ich kann auch der Pyrotechnik nichts abgewinnen. Das gehörte noch nie ins Stadion.

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