Rodolfo Cardoso über den Superclásico

»La Bombonera bebt«

Rodolfo Cardoso spielte in der Bundesliga für Bremen, Freiburg und den HSV – seine wahre Liebe heißt allerdings Boca. Vor dem Superclásico sprachen wir mit ihm über seine Jugend in Buenos Aires und Wurfgeschosse im Hals. Rodolfo Cardoso über den SuperclásicoImago

Rodolfo Esteban Cardoso, ist Buenos Aires die Welthauptstadt des Fußballs?

Auf jeden Fall. Wissen Sie, in vielen Städten auf dieser Welt gibt es mehrere Vereine, viele große Derbys, rivalisierende Fangruppen. Doch die Dichte an Klubs, wie wir sie in Buenos Aires haben, hat man nirgendwo sonst. Hinzu kommt das Derby aller Derbys – der Superclásico.

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Heute Abend ist es wieder so weit: Boca Juniors trifft auf River Plate. Für wen schlägt ihr Herz?


Für Boca, klar. Ich bin Fan, seit ich denken kann. Für die meisten kleinen Jungs ist Boca der Verein, der sympathischer wirkt. Er ist der vermeintliche Underdog, der Verein der kleinen Leute. Auf der anderen Seite steht River Plate, der Klub der Reichen, der Piekfeinen, der betuchten Menschen, denen man als Kind und Jugendlicher eher skeptisch gegenüber steht. Außerdem hat Boca immer den attraktiveren Fußball gespielt. Irgendwie freier und wilder. River Plate spielte stets effektiv, rational.

Begründet Diego Maradona diesen Mythos vom wilden Boca-Spiel?

Sicherlich gab es schon im frühen 20. Jahrhundert Spieler, die diesen Stil prägten. Ich persönlich kann in die sechziger und siebziger Jahre zurückgehen. Damals spielten Osvaldo Potente oder Marcelo Trobbiani bei Boca, heute sind diese Spieler fast vergessen. Aber sie manfestierten die Spielweise von Boca. Wenn ich heute diese Namen sage, habe ich sofort Bilder von fantastischen Spielzügen vor Augen. Später, ja, da kam Maradona. Auch ich wurde Fan von ihm. Wer nicht?

Wie haben Sie als Kind eigentlich Fußball geguckt? Das argentinische Fernsehen übertrug nicht jedes Spiel.

Das war tatsächlich schlimm für mich. Zumeist wurde allerdings ein Spiel der großen Klubs übertragen – ich hoffte also vor jedem Spieltag auf eine Boca-Partie. Wenn dann River gezeigt wurde, brach die halbe Welt für mich zusammen. Lustig waren übrigens die Spiele, bei denen die Fernsehsender keine Rechte bekommen hatten und nur die Tribüne filmten – dazu gab es einen Radiokommentar.
 
Können Sie sich an Ihren ersten Besuch im Bombonera erinnern?

Ich wuchs in Azul auf, in der Provinz von Beunos Aires. Allerdings liegt die Stadt etwa fünf Stunden vom Zentrum entfernt, so dass es für mich nicht selbstverständlich war, mal eben am Wochenende zu einem Boca-Spiel zu fahren. Eines Morgens aber stand mein Vater vor mir und sagte: »Komm mit, ich muss dir was zeigen.« Wir sind dann in sein Auto und fuhren Richtung Buenos Aires. Ich dachte mir nichts weiter dabei, denn er arbeitete damals häufig in der Stadt und nahm mich auch gelegentich mit. Stunden später standen wir dann vor diesem imposanten Bauwerk. Das war es also: La Bombonera. Es fand kein Spiel an dem Tag statt, das wusste mein Vater. Er sagte mir: »Rodolfo, ich will dir dieses Kunstwerk heute zeigen, wenn es leer ist.« Ich habe diesen Anblick nie vergessen.

Als Sie zum ersten Mal im Bombonera aufliefen, spielten Sie für Estudiantes La Plata...

...und der Gedanke, hier zu jubeln, wenn ich ein Tor mache oder meine Mannschaft gewinnt, war fast ein bisschen befremdlich.

Sie waren nicht nervös?


Klar, ein bisschen. Ich erinnere mich noch, wie ich anderthalb Stunden vor dem Anpfiff den Kopf aus den Katakomben streckte. Ich wollte sehen, ob schon was los ist. Je näher ich der Öffnung kam, umso mehr spürte ich das Wackeln des Stadions, mehr noch: La Bombonera bebte, man hatte das Gefühl, es würde gleich umkippen. Dann erblickte ich den Platz: Es spielte die Reservemannschaft – und das Stadion war gefüllt bis auf den letzten Platz.

Wie war es, als Sie zehn Jahre später für Boca aufliefen?

Sie können wirklich aufschreiben was Sie wollen, ich versichere Ihnen: Man kann es nicht in Worte fassen. Schon der erste Moment, als ich mir das blau-gelbe Trikot überstreifte. Dann wieder dieses Beben. Und das Wissen, dass draußen im Stadion und zu Hause vor dem Fernseher meine Verwandten sitzen und darauf warten, dass ihr Sohn, Enkel oder Neffe nun für Boca aufläuft.

Haben Sie mal gegen River Plate gespielt?

Es ist fast tragisch: Meine Karriere als Nationalspieler ist ja recht überschaubar, ich bin am Ende auf acht Länderspiele gekommen. Doch eines von diesen Spielen fand statt, als Boca in meiner einzigen Saison beim Klub, in der Saison 1997/98, gegen River Plate spielte. Seltsam, nicht wahr? Zumindest ist es in Deutschland undenkbar, dass ein Spiel zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortumd stattfindet, wenn zeitgleich die Nationalelf spielt. So standen auf beiden Seiten, bei Boca und River Plate, etliche Nachwuchsspieler auf dem Platz. Boca gewann 3:2.

Sie blieben nur sieben Monate bei Boca. Wieso?

Wir verloren damals knapp die Meisterschaft. Der Trainer wurde entlassen, ein neuer kam, mit ihm eine neue Philosophie. Dann etablierte sich Juan Riquelme in der Mannschaft und ich rückte ins Abseits. Und letztendlich war ich nur ausgeliehen – und zu dem Zeitpunkt für Boca zu teuer. Also ging ich zurück zum HSV.



Wie erlebten Sie die Gewalt im argentinischen Fußball? Wie so häufig gesagt: als einen ständigen Begleiter?

So gerne ich an die aktive Zeit in Argentinien zurückdenke, es ist tatsächlich so, dass viele Bilder von schlimmen Auseinandersetzungen negativ gefärbt sind. Ich erinnere mich besonders an zwei Erlebnisse: Es gab eine Phase, in der wir mit Estudiantes mehrere Spiele in Folge verloren. Die Stimmung in der Mannschaft war nicht gut, unter den Fans war sie aber richtiggehend hasserfüllt. Eines Tages stand eine Horde von üblen Jungs vor unserem Trainingsgelände, sie hatten Feuerwerkskörper dabei, die sie auf uns schmissen. Dann wollten sie dem Trainer an den Kragen.

Sie sind davon gerannt?

Wir haben uns um unseren Trainer gestellt, quasi eine Mauer gebildet – und sind dann so, wie eine menschliche Schildkröte, zur Kabine gegangen.

Welches war das andere Erlebnis?

Die andere Erinnerung rührt von einem Spiel mit Boca: Wir hatten gegen Independiente mit 4:0 gewonnen, das Spiel war vermutlich mein bestes im Boca-Trikot, ich bereitete drei Tore vor. Nach dem Abpfiff stand ich mit einem TV-Reporter bei einem Interview – und plötzlich ging ich zu Boden. Ein Fan hatte einen golfballgroßen Stein auf mich geschmissen und meinen Hals getroffen. Es blutete, ich wurde vom Platz getragen.

Ist die Gewalt der große Unterschied zu deutschen Fankurven?

Es gibt etliche Unterschiede, die Gewalt ist sicherlich eine. Doch eine andere Sache fällt mir immer wieder auf, wenn ich in Argentinien ein Fußballspiel besuche – und das ist für mich der große Unterschied zu Deutschland: Du siehst in einem argentinischen Stadion nicht, ob du neben einem Banker, einem Anwalt oder einem Straßenarbeiter stehst. Hier ist diese romantische Vorstellung, dass beim Fußball alle gleich sind, tatsächlich gegeben. Auch weil sich die Menschen optisch nicht voneinander abgrenzen. Fan von Boca zu sein, ist für alle eine Religion. Für alle bedeutet es, Flagge bekennen: Auf Mützen, Schals, Fahnen oder im als Schminke im Gesicht.

Aktuell steht es nicht gut um die beiden Klubs, Boca ist Fünfzehnter, River Plate ist Zwölfter. Woran hapert es?

Vielleicht hätte Boca ein paar junge neue Spieler holen müssen. Da spielt immer noch der 37-jährige Martin Palermo – wenngleich man gegen Palermo trotz seines Alters eigentlich nichts sagen kann, er ist immer noch für ein Tor gut. Dann ist da Juan Riquelme – oft verletzt. River hat ähnliche Probleme, hier vertraut man auf Ariel Ortega oder Matías Almeyda, zwei Spieler, die auch nicht mehr die Jüngsten sind.

Sie sind aktuell Trainer der zweiten Mannschaft des HSV. Gibt es denn aktuell ein großes Boca-Talent, das man demnächst in Hamburg sehen wird?


Den letzten Boca-Spieler, den ich richtig gut fand, war Nicolás Gaitán. Er ist zu Benfica Lissabon gegangen – ein großartiger Spieler, 20 Jahre alt. Aktuell fällt mir niemand aus dem Boca-Kader ein, der es in Europa schaffen könnte. Ein Stürmer, der mit ganz gut gefällt, ist Lucas Viatri. Er ist groß, kräftig, und trotz seiner Statur sehr beweglich. Ob er einer für die Bundesliga ist? Schwer zu sagen. Vielleicht braucht er noch ein Jahr.

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