28.06.2007

Robin Dutt im Interview

„Es kann nur einen geben“

„Wir sind Finke“, schallte es in Freiburg noch vor Monatsfrist von den Rängen. Doch der Alte ist weg. Wer sind „wir“ nun? Vielleicht weiß es der Neue: Wir sprachen mit Robin Dutt über sein schweres Erbe, Vaterfiguren und „Wir sind Dutt“-T-Shirts.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Herr Dutt, Ihre Stationen als Spieler lagen ausschließlich in den Niederungen des Amateurbereichs, z. B. bei der SpVgg Hirschlanden, dem TSV Korntal und dem TSV Münchingen. Warum hat es nicht zu mehr gereicht?

Ich war offensiver Mittelfeldspieler, manchmal auch Stürmer. Die Technik und die Torquote waren zwar recht ordentlich. Aber ich war zu langsam. Da ich über eine ganz gute Selbsteinschätzung verfüge, war mir relativ früh klar, dass es für den Profibereich nicht reichen würde.



Ihr Kollege Armin Veh vom Deutschen Meister VfB Stuttgart erzählte uns, er habe sich schon als junger Spieler nach jedem Training akribisch Notizen gemacht. Wann haben Sie begonnen, sich auf Ihre Trainerkarriere vorzubereiten?

Eigentlich ab dem Zeitpunkt, als ich erkannt hatte, dass ich kein Profispieler werden könnte. Ich habe auch als Spieler schon wie ein Trainer gedacht und überlegt: Warum und wozu machen wir jetzt dies oder jenes? Als 17-Jähriger habe ich die ersten Jugendmannschaften betreut, mit 21 die B-Lizenz gemacht und mich ernsthaft mit den Aufgaben eines Trainers auseinander gesetzt. Mit 22 habe ich dann eine A-Jugend übernommen, mit 29 war ich Spielertrainer in Leonberg. Aber dass ich damals schon an eine Karriere als Profi-Trainer gedacht hätte wäre sicherlich übertrieben formuliert. Ich war immer ganz in der Gegenwart.

Von Leonberg gingen Sie zu Ditzingen II, rückten in die erste Mannschaft auf, wurden zur Reserve der Stuttgarter Reserve geholt und 2003 schließlich zum Cheftrainer befördert. Das ist ein sachter, aber stetiger Aufstieg.

Ja, aber einen Karriereplan gab es nie, auch heute nicht. Für Trainerverhältnisse habe ich bei all meinen Stationen sehr lange gearbeitet. Ich habe mir immer sehr schwer vorstellen können, einen Verein zu verlassen. Wie gesagt: Ich war und bin immer ganz in der Gegenwart.

Hängt Ihre Treue zu den Vereinen mit Ihrer biographischen Verwurzelung in Schwaben zusammen?

Ich bin Süddeutscher und fühle mich hier auch sehr wohl. Hier liegen meine Wurzeln. Trotzdem würde ich mich als multikulturell bezeichnen, schließlich ist mein Vater Inder.

Konnten Sie von den ersten Engagements als Trainer überhaupt leben?

Nein, zuerst nicht. In Ditzingen reichte es dann zu einem bescheidenen Leben. Aber ich habe meine Entscheidungen ohnehin nie unter finanziellen Gesichtspunkten getroffen.

Haben Sie, als Sie Cheftrainer bei den Kickers wurden, gespürt, dass Ihnen die Erfahrung als Aktiver auf hohem Niveau fehlt?

Überhaupt nicht. Wenn man seinen Spielern zum zweiten Mal erzählt, dass man vor 25 Jahren das entscheidende Tor im Europapokal-Finale geschossen hat, dann wird’s langweilig (lacht). Die Burschen sind Anfang 20, damals waren sie noch nicht mal auf der Welt. Natürlich hilft es, wenn man schon als Aktiver eine Situation erlebt hat, der man sich als Trainer dann noch einmal stellen muss. Aber wenn einem das fachliche Rüstzeug fehlt, wird man als Trainer gar nicht erst wieder in ein Finale kommen. Man muss seine Spieler vielmehr argumentativ begeistern – und sich nur punktuell, wenn gewisse Spielregeln der Umgangsformen verletzt werden, autoritär verhalten.

Beim Trainerlehrgang an der Hennes-Weisweiler-Akademie waren Sie der Jahrgangsbeste. Wollten Sie sich durch besonderen Fleiß den Respekt der Kollegen verdienen?

Ich war gar nicht besonders fleißig. Schließlich habe ich parallel die Stuttgarter Kickers trainiert. Ich habe den Lehrgang mit den Dingen abgeschlossen, die ich im Kopf hatte. Ich konnte dabei von all den Jahren profitieren, in denen ich schon wie ein Trainer gedacht hatte. Es hat sich also sogar als Vorteil herausgestellt, dass ich kein Profispieler war. Dennoch habe ich in diesem Lehrgang insbesondere im Umgang mit den Dozenten und Trainerkollegen sehr viel gelernt.

Was hat der Trainer Dutt dem Spieler Dutt voraus?

Das zu erklären würde mich der Gefahr des Eigenlobs aussetzen. Nur soviel: Es reicht heute nicht mehr, ein guter Spieler gewesen zu sein. Der Beruf hat sehr viele Facetten: Psychologie, Pädagogik, Trainingslehre, Öffentlichkeitsarbeit und vieles mehr. Ich denke, dass ich das meiste davon recht gut beherrsche.

Welcher Trainer hat Sie darin geprägt?

Ich hatte kein Vorbild. Auch heute beziehe ich mich auf keinen anderen Trainer. Es ist ohnehin schwer, die Arbeit von Kollegen zu beurteilen. Es gibt nur einige Dinge, die ich aus der Außenperspektive sympathisch finde, etwa bei Hans Meyer oder aktuell auch bei Armin Veh.

Heute fordern Sie Ihre Spieler schon mal zum „Kratzen, Beißen, Spucken“ auf. Ist das die harte Schule, durch die Sie in den unteren Ligen gegangen sind?

Also, das ist ein Statement, mit dem ich in den letzten Wochen immer wieder konfrontiert werde. Das entspricht meiner eigentlichen Philosophie aber nicht im Geringsten. Deshalb will ich das hier mal erläutern. Ich habe das in meiner allerersten Zeit bei den Stuttgarter Kickers als Motto ausgegeben. Damals standen die Kickers im Tabellenkeller, und ich fand eine mannschaftliche Struktur vor, die alles andere als optimal war – vor allem, was die Mentalität anbelangte. Es ging um das nackte Überleben des Vereins.

„Kratzen, Beißen, Spucken“ waren also durchaus angebracht.

Natürlich nur im übertragenen Sinne. Gemeint war vor allem Leidenschaft und Einsatzwillen. Doch sobald wir den Klassenerhalt geschafft hatten und eine neue Mannschaft aufbauen konnten, haben wir einen sehr modernen Fußball gespielt, waren bekannt für ein sehr schnelles Kurzpassspiel. Auch die Nachwuchsförderung bei den Kickers ist heute vorbildlich. Die Kickers haben sich mit einem sehr geringen Etat in der Regionalliga gehalten. In diesem Jahr haben wir zum ersten Mal nach langer Zeit keine Auflagen bei der Lizenzvergabe bekommen. Das ist ein großer Erfolg.

Bei allem Respekt für Ihre Leistung: Hat es Sie selbst ein wenig verwundert, als im September letzten Jahres Hannover 96 anfragte, ob Sie der Nachfolger von Peter Neururer werden möchten?

Ja, natürlich! Hannover war damals Tabellenletzter. Dass die Vereinsführung in dieser Situation den Mut hatte, nicht einen großen Namen, sondern mit meiner Person ein Konzept holen zu wollen – das hat mich sehr erstaunt.

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