14.08.2013

Roberto Hilbert über die Gezi-Proteste, Scarface und Leverkusen

»Es gibt hier noch einige Skeptiker!«

Mitte Juli überraschte Bayer Leverkusen mit einem Spieler, den viele Bundesliga-Fans gar nicht mehr auf dem Zettel hatten: Roberto Hilbert. Dabei spielte der gebürtige Oberfranke in den vergangenen drei Jahren für Besiktas auf Topniveau. Ein Gespräch über die Proteste in Taksim, Mafia-Filme und die plötzliche Rückkehr nach Deutschland.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago

Roberto Hilbert, Sie schreiben auf Ihrer Homepage, dass Sie gerne mal für einen Tag Schauspieler sein würden. Welcher denn?
Kein bestimmter. Ich finde nur die Idee interessant, in andere Rollen zu schlüpfen.
 
Sie lieben Mafia-Filme. Wie wäre es mit Tony Montana oder Vito Corleone?
Das stimmt. »Der Pate« oder »Scarface« kann ich mir immer wieder angucken. Der eine ist wunderbar episch, der andere ziemlich brutal. Aber ob ich das so gut hinbekomme wie Marlon Brando oder Al Pacino, will ich mal stark bezweifeln.
 
Was mögen Sie an diesen Filmen?
Schwierig. Sie haben mich einfach gepackt. Vielleicht finde ich sie interessant, weil sie von einer Welt erzählen, die so unglaublich weit weg von meiner ist. Einem Leben, mit dem man nichts zu tun haben möchte, das einen aber trotzdem fasziniert.
 
Rührt der Wunsch, mal jemand anderes zu sein, auch von Ihrem Beruf, bei dem Sie ständig im Mittelpunkt stehen?
Ich freue mich nach wie vor, wenn die Leute mich erkennen. Ich finde es auch in Ordnung, wenn mich jemand auf der Straße anspricht. In Istanbul passiert einem Fußballprofi so was jeden Tag.
 
Sie haben also kein Problem mit Popularität?
Es ist natürlich situationsabhängig. Wenn ich alleine bin, finde ich es nett, angesprochen zu werden – und es macht mich auch ein stückweit stolz. Wenn ich mit meiner Familie spazieren gehe oder in einem Lokal sitze, finde ich es unpassend.
 
Werden Sie in Deutschland noch erkannt?
Seltener als in der Türkei. Und wenn ich recht überlege, erkennen mich hier in Leverkusen vor allem die Türken. (lacht)
 
Sie haben in den vergangenen drei Jahren für Besiktas über 100 Spiele bestritten, Sie sind Pokalsieger geworden und haben in der Europa League gespielt. Hatten Sie in dieser Zeit trotzdem das Gefühl, in Deutschland unsichtbar zu sein?
Jein. Anfangs glaubte ich, dass meine deutschen Mitspieler (Fabian Ernst und Michael Fink, d. Red.) und ich es gut hinbekamen, in Deutschland weiterhin präsent zu bleiben. Doch irgendwann mussten wir realisieren, dass das nicht ganz so einfach ist, schließlich wird die türkische Liga nicht so gut vermarktet wie die englische oder spanische. Von daher bekommt man in der Süper Lig schon manchmal das Gefühl, im deutschen Fußball vergessen zu werden.
 
Am Mittwochabend spielt die Nationalmannschaft gegen Paraguay. Gucken Sie sich das Spiel an?
Zuhause nicht, denn ich habe noch gar keinen Fernseher. (lacht) Doch wenn ich es gucke, dann sicherlich nicht mit Wehmut. Klar, als Fußballprofi möchte man immer gerne für seine Nationalmannschaft spielen, und dann gibt es ja noch diese Phrase: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber ich mache mir keine Illusionen. Ich habe seit fünf Jahren nicht mehr mit Jogi Löw telefoniert. Für mich geht es jetzt ausschließlich um Leverkusen.
 
Viele fanden Ihren Wechsel zu Bayer überraschend. War es immer Ihr Ziel, wieder nach Deutschland zurückzukommen?
Mein Berater und ich hatten in den letzten Monaten einige Gespräche mit deutschen Vereinen. Zwei- oder dreimal waren wir sogar schon so weit, dass ich sicher war, diese Saison in die Bundesliga zurückzukehren. Dann kam der Anruf von Bayer Leverkusen, und auf einmal ging alles sehr schnell: Interesse, Angebot, Treffen, Vertragsunterzeichnung, Medizincheck – all das ging innerhalb von 24 Stunden über die Bühne.
 
Das muss sich gut anfühlen.
Absolut. Der Verein wollte mich unbedingt haben. Für mich persönlich war zudem der Zeitpunkt ideal: Ich habe meine Auslandserfahrung gehabt und bin mit 28 Jahren in einem sehr guten Fußballeralter. Allerdings habe ich das Gefühl, dass es nicht alle so sehen.
 
Wie meinen Sie das?
Ich habe den Eindruck, dass es in Deutschland noch einige Skeptiker gibt. Aber auch das ist ein Ansporn für mich.
 
Vor einem Jahren haben Sie in einem Interview mit 11FREUNDE gesagt: »Die Premier League ist ein Ziel für jeden Profi«. Würden Sie den Satz heute wiederholen?
Ich finde die Premier League nach wie vor sehr attraktiv. Doch klar, die Bundesliga hat im vergangenen Jahr einen unglaublichen Boom erfahren – und das vollkommen zu Recht. Sie ist die Top-Liga in Europa, zumal sie in der Breite viel besser aufgestellt ist als etwa die Primera Division. Wer hätte vor der Saison schon auf eine Europa-League-Teilnahme von Eintracht Frankfurt oder vom SC Freiburg gewettet – ohne den Klubs jetzt zu nahe treten zu wollen. Das ist ein Zeichen von Klasse.
 
Wie sehen es andere Spieler oder Freunde in Istanbul: Ist England nach wie vor das Fußball-Traumland?
Es hat sich bei einigen ein wenig verschoben. Wenn ich während der vergangenen Saison mit türkischen Freunden zusammensaß, staunten die nicht schlecht, wie der FC Bayern und der BVB den FC Barcelona und Real Madrid aus dem Wettbewerb gekegelt haben. Das war beeindruckend. Zudem motiviert es auch mich, denn auch Bayer Leverkusen hat Potenzial, um in Europa für Furore zu sorgen.
 
Mehr als Besiktas?
Die Zeit dort war sportlich ebenfalls großartig. Doch natürlich ist es schön, wieder die Aussicht auf die Champions League zu haben.
 
Sie bekamen in der Türkei den Spitznamen »Deutscher Panzer«. Konnten Sie damit was anfangen?
Der Panzer stand für mich immer in Verbindung mit Krieg – und war für mich daher negativ besetzt. Doch ich habe mich davon freigemacht, denn grundsätzlich ist es für einen Fußballer immer schön, wenn er von den Fans einen Spitznamen bekommt. Meistens zeugt das von Anerkennung. Und ich wusste, dass die Anhänger mir den Namen »Deutscher Panzer« gegeben hatten, weil er für sie Robustheit und Stärke ausdrückte.
 
Waren Sie noch in Istanbul, als die Proteste im Stadtteil Taksim losgingen?
Zu dem Zeitpunkt war ich bereits im Urlaub in den USA. Aber ich habe mich ständig über das Internet informiert und Kontakt zu Freunden und Mitspielern in Istanbul gehalten. Einige haben auch demonstriert, andere waren vor Ort, um Verletzten zu helfen oder um für gute Stimmung zu sorgen.
 
Konnten Sie die Proteste nachvollziehen?
Durchaus. Zunächst finde ich es wichtig, dass man in einem Land seine Meinung frei äußern darf. Außerdem habe ich gemerkt, wie sich viele junge Türken in ihrer Entwicklung eingeschränkt sehen. Sie wollen leben und zeigen, wie die Stadt eigentlich ist: modern und weltoffen. Doch sie wurden in den Medien teilweise als Terroristen bezeichnet und von einigen Polizisten auch wie solche behandelt. Kurzum: Es fehlte an der richtigen Kommunikation. Wenn die Regierung die Menschen friedlich hätte demonstrieren lassen, wäre es nicht zu diesen harten Kämpfen gekommen.

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