Roberto Hilbert über die Gezi-Proteste, Scarface und Leverkusen

»Es gibt hier noch einige Skeptiker!«

Mitte Juli überraschte Bayer Leverkusen mit einem Spieler, den viele Bundesliga-Fans gar nicht mehr auf dem Zettel hatten: Roberto Hilbert. Dabei spielte der gebürtige Oberfranke in den vergangenen drei Jahren für Besiktas auf Topniveau. Ein Gespräch über die Proteste in Taksim, Mafia-Filme und die plötzliche Rückkehr nach Deutschland.

Roberto Hilbert, Sie schreiben auf Ihrer Homepage, dass Sie gerne mal für einen Tag Schauspieler sein würden. Welcher denn?
Kein bestimmter. Ich finde nur die Idee interessant, in andere Rollen zu schlüpfen.
 
Sie lieben Mafia-Filme. Wie wäre es mit Tony Montana oder Vito Corleone?
Das stimmt. »Der Pate« oder »Scarface« kann ich mir immer wieder angucken. Der eine ist wunderbar episch, der andere ziemlich brutal. Aber ob ich das so gut hinbekomme wie Marlon Brando oder Al Pacino, will ich mal stark bezweifeln.
 
Was mögen Sie an diesen Filmen?
Schwierig. Sie haben mich einfach gepackt. Vielleicht finde ich sie interessant, weil sie von einer Welt erzählen, die so unglaublich weit weg von meiner ist. Einem Leben, mit dem man nichts zu tun haben möchte, das einen aber trotzdem fasziniert.
 
Rührt der Wunsch, mal jemand anderes zu sein, auch von Ihrem Beruf, bei dem Sie ständig im Mittelpunkt stehen?
Ich freue mich nach wie vor, wenn die Leute mich erkennen. Ich finde es auch in Ordnung, wenn mich jemand auf der Straße anspricht. In Istanbul passiert einem Fußballprofi so was jeden Tag.
 
Sie haben also kein Problem mit Popularität?
Es ist natürlich situationsabhängig. Wenn ich alleine bin, finde ich es nett, angesprochen zu werden – und es macht mich auch ein stückweit stolz. Wenn ich mit meiner Familie spazieren gehe oder in einem Lokal sitze, finde ich es unpassend.
 
Werden Sie in Deutschland noch erkannt?
Seltener als in der Türkei. Und wenn ich recht überlege, erkennen mich hier in Leverkusen vor allem die Türken. (lacht)
 
Sie haben in den vergangenen drei Jahren für Besiktas über 100 Spiele bestritten, Sie sind Pokalsieger geworden und haben in der Europa League gespielt. Hatten Sie in dieser Zeit trotzdem das Gefühl, in Deutschland unsichtbar zu sein?
Jein. Anfangs glaubte ich, dass meine deutschen Mitspieler (Fabian Ernst und Michael Fink, d. Red.) und ich es gut hinbekamen, in Deutschland weiterhin präsent zu bleiben. Doch irgendwann mussten wir realisieren, dass das nicht ganz so einfach ist, schließlich wird die türkische Liga nicht so gut vermarktet wie die englische oder spanische. Von daher bekommt man in der Süper Lig schon manchmal das Gefühl, im deutschen Fußball vergessen zu werden.
 
Am Mittwochabend spielt die Nationalmannschaft gegen Paraguay. Gucken Sie sich das Spiel an?
Zuhause nicht, denn ich habe noch gar keinen Fernseher. (lacht) Doch wenn ich es gucke, dann sicherlich nicht mit Wehmut. Klar, als Fußballprofi möchte man immer gerne für seine Nationalmannschaft spielen, und dann gibt es ja noch diese Phrase: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber ich mache mir keine Illusionen. Ich habe seit fünf Jahren nicht mehr mit Jogi Löw telefoniert. Für mich geht es jetzt ausschließlich um Leverkusen.
 
Viele fanden Ihren Wechsel zu Bayer überraschend. War es immer Ihr Ziel, wieder nach Deutschland zurückzukommen?
Mein Berater und ich hatten in den letzten Monaten einige Gespräche mit deutschen Vereinen. Zwei- oder dreimal waren wir sogar schon so weit, dass ich sicher war, diese Saison in die Bundesliga zurückzukehren. Dann kam der Anruf von Bayer Leverkusen, und auf einmal ging alles sehr schnell: Interesse, Angebot, Treffen, Vertragsunterzeichnung, Medizincheck – all das ging innerhalb von 24 Stunden über die Bühne.
 
Das muss sich gut anfühlen.
Absolut. Der Verein wollte mich unbedingt haben. Für mich persönlich war zudem der Zeitpunkt ideal: Ich habe meine Auslandserfahrung gehabt und bin mit 28 Jahren in einem sehr guten Fußballeralter. Allerdings habe ich das Gefühl, dass es nicht alle so sehen.
 
Wie meinen Sie das?
Ich habe den Eindruck, dass es in Deutschland noch einige Skeptiker gibt. Aber auch das ist ein Ansporn für mich.
 
Vor einem Jahren haben Sie in einem Interview mit 11FREUNDE gesagt: »Die Premier League ist ein Ziel für jeden Profi«. Würden Sie den Satz heute wiederholen?
Ich finde die Premier League nach wie vor sehr attraktiv. Doch klar, die Bundesliga hat im vergangenen Jahr einen unglaublichen Boom erfahren – und das vollkommen zu Recht. Sie ist die Top-Liga in Europa, zumal sie in der Breite viel besser aufgestellt ist als etwa die Primera Division. Wer hätte vor der Saison schon auf eine Europa-League-Teilnahme von Eintracht Frankfurt oder vom SC Freiburg gewettet – ohne den Klubs jetzt zu nahe treten zu wollen. Das ist ein Zeichen von Klasse.
 
Wie sehen es andere Spieler oder Freunde in Istanbul: Ist England nach wie vor das Fußball-Traumland?
Es hat sich bei einigen ein wenig verschoben. Wenn ich während der vergangenen Saison mit türkischen Freunden zusammensaß, staunten die nicht schlecht, wie der FC Bayern und der BVB den FC Barcelona und Real Madrid aus dem Wettbewerb gekegelt haben. Das war beeindruckend. Zudem motiviert es auch mich, denn auch Bayer Leverkusen hat Potenzial, um in Europa für Furore zu sorgen.
 
Mehr als Besiktas?
Die Zeit dort war sportlich ebenfalls großartig. Doch natürlich ist es schön, wieder die Aussicht auf die Champions League zu haben.
 
Sie bekamen in der Türkei den Spitznamen »Deutscher Panzer«. Konnten Sie damit was anfangen?
Der Panzer stand für mich immer in Verbindung mit Krieg – und war für mich daher negativ besetzt. Doch ich habe mich davon freigemacht, denn grundsätzlich ist es für einen Fußballer immer schön, wenn er von den Fans einen Spitznamen bekommt. Meistens zeugt das von Anerkennung. Und ich wusste, dass die Anhänger mir den Namen »Deutscher Panzer« gegeben hatten, weil er für sie Robustheit und Stärke ausdrückte.
 
Waren Sie noch in Istanbul, als die Proteste im Stadtteil Taksim losgingen?
Zu dem Zeitpunkt war ich bereits im Urlaub in den USA. Aber ich habe mich ständig über das Internet informiert und Kontakt zu Freunden und Mitspielern in Istanbul gehalten. Einige haben auch demonstriert, andere waren vor Ort, um Verletzten zu helfen oder um für gute Stimmung zu sorgen.
 
Konnten Sie die Proteste nachvollziehen?
Durchaus. Zunächst finde ich es wichtig, dass man in einem Land seine Meinung frei äußern darf. Außerdem habe ich gemerkt, wie sich viele junge Türken in ihrer Entwicklung eingeschränkt sehen. Sie wollen leben und zeigen, wie die Stadt eigentlich ist: modern und weltoffen. Doch sie wurden in den Medien teilweise als Terroristen bezeichnet und von einigen Polizisten auch wie solche behandelt. Kurzum: Es fehlte an der richtigen Kommunikation. Wenn die Regierung die Menschen friedlich hätte demonstrieren lassen, wäre es nicht zu diesen harten Kämpfen gekommen.
Wichtig bei den Demonstrationen waren auch die Ultragruppen der großen Istanbuler Klubs. Hat es Sie erstaunt, dass sich die Gruppen zusammengetan haben?
Eigentlich ist die Besiktas-Gruppe Carsi mit den anderen Gruppen verfeindet, doch bei den Demonstrationen ging es um eine Sache, bei der etwas wie der Fußball hinten anstehen musste. Wobei es im gewöhnlichen Liga-Alltag manchmal ganz anders war.
 
Wie viele Geisterspiele mussten Sie mitmachen?
Ich habe als Spieler alles mitgemacht: Teilausschlüsse, komplette Geisterspiele und auch »Ladies Nights«, also Spiele, zu denen nur Frauen und Kinder zugelassen wurden. Wie viele kann ich nicht sagen.
 
Wie war es denn, nur vor Frauen und Kindern zu spielen?
Diese Spiele hat der Verband ja als Alternative zu den Geisterspielen ins Leben gerufen. Die Funktionäre hatten angenommen, dass die Frauen und Kinder brav auf ihren Plätzen sitzen. Doch bei manchen Spielen haben sie ziemlich Alarm gemacht und kein Blatt vor dem Mund genommen. Ich fand es ziemlich beeindruckend: 30.000 Frauen und Kinder im Inönü – und dann dieser Höllenlärm.
 
Den Laustärke-Weltrekord haben sie aber nicht gebrochen?
Nein, der liegt weiterhin bei 132 Dezibel (am 24. Oktober 2007 stellten die Besiktas-Fans in der Champions League gegen den FC Liverpool einen neuen Lautstärke-Weltrekord in Fussballstadien auf, d. Red.). Sie müssen mal zu einem Spiel ins Inönü-Stadion kommen, mitunter ist es dort so laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht.
 
Ihr Trainer Tayfur Havutcu war in den türkischen Manipulationsskandal verstrickt und kam ins Gefängnis. Wie wirkte sich das auf die Mannschaft aus?
Der Manipulationsskandal hat lange Zeit nicht nur unser Team, sondern den gesamten Fußball in der Türkei überschattet. Es ging nur noch um dieses Thema. Das war nicht schön. Ebenso kann ich mir bessere Dinge vorstellen, als jemanden, mit dem ich mich gut verstanden habe, im Gefängnis zu besuchen.
 
Stimmt es, dass Sie Havutcu Ihr neues Fußballerleben verdanken?
Wenn Sie damit meine neue Position meinen: ja!
 
Stuttgart verließen Sie als Offensivspieler. Kürzlich sagten Sie in einem Interview: »Am liebsten spiele ich hinten.« Wieso haben Sie überhaupt umgeschult?
Das passierte, als Havutcu noch Co-Trainer von Bernd Schuster war. Damals lief es für mich nicht so gut bei Besiktas, zumindest spielte ich nicht so häufig. Doch als sich innerhalb von einer Woche beide rechten Verteidiger verletzten, sagte Havutcu zu Schuster: »Lass Roberto dort spielen! Der kann das!« Prompt lief ich beim nächsten Spiel hinten rechts auf. Es hat super funktioniert.
 
Das Toreschießen vermissen Sie nicht?
Ich kann nach wie vor viele Positionen spielen, und wenn unsere Trainer sagen »Spiel vorne«, dann mache ich das. Aber ich mag die Defensive. Dafür wurde ich ja auch nach Leverkusen geholt. In der Offensive sind wir ja eh super besetzt.
 
Roberto Hilbert, am kommenden Samstag könnte sich für Sie ein Kreis schließen. Sie spielen beim VfB Stuttgart, für den Sie 2006 Ihr Bundesligadebüt gegeben haben und mit dem Sie 2007 Deutscher Meister geworden sind. Wie steht es momentan eigentlich um Ihre Fitness?
Ich fühle mich sehr gut. Ich könnte am Wochenende mein erstes Spiel für Bayer machen.
 
Solche Partien werden von Journalisten gerne zu besonderen Spielen stilisiert. Wie ist es denn wirklich?
So wie Sie sagen! Mit Cacau und Serdar Tasci spielen immer noch zwei ehemalige Mitspieler beim VfB. Außerdem habe ich in der Stadt meinen engsten Freundeskreis. Stuttgart ist für meine Familie und mich eine zweite Heimat geworden.

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