Robert Enke im Interview

»Ich bin kein Träumer«

Robert Enke im InterviewHeiko Laschitzki
Heft #85 12/2008
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85

Robert Enke, wie lebt es sich mit neun Hunden, zwei Katzen und einem Pferd?

Was soll ich machen? Meine Frau liebt Tiere (lacht). Nein, im Ernst: es lebt sich gut.

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Sie bewohnen zusammen mit Ihrer Frau Teresa und den Tieren ein altes Fachwerkhaus in der Nähe von Hannover. Ein nicht gerade typischer Lebensentwurf für einen Fußballprofi.

Zumindest entspricht es nicht dem Klischee. Einige Zeit wohnten wir sogar mit dem Künstler Jacques Gassmann zusammen, der zuvor in dem Haus lebte. Als wir einzogen, vereinbarten wir mit ihm, dass er noch eine Weile bleiben durfte, um seinen Umzug in Ruhe organisieren zu können.

Sie lebten in einer WG?


Sozusagen – inklusive Anschluss an seinen Lyrik- und Künstlerkreis. Einmal rief meine Schwiegermutter an und sagte: »Ach, das ist ja schön, dass heute Abend bei euch eine Vernissage ist.« Wir waren ziemlich überrascht, denn Jacques hatte uns davon gar nichts erzählt (lacht). Insgesamt war es eine sehr interessante Erfahrung, mit chaotischen Momenten, aber viel Charme.

Inwieweit identifizieren Sie sich eigentlich mit dem Beruf »Fußballprofi«?


Mir macht der Beruf eine Menge Spaß, aber das Drumherum und die medialen Begleiterscheinungen sind natürlich gewöhnungsbedürftig. Mir tut es fast schon körperlich weh, wenn ich wieder lesen muss, wie irgendeiner meiner Kollegen in der Zeitung durchs Dorf getrieben wird. Auf der anderen Seite verdient man als Fußballprofi viel Geld – und deswegen muss man es vielleicht abkönnen, wenn wieder irgendein Mist über dich geschrieben wird.

Sie haben dadurch auch im normalen Leben eine Sonderstellung.


Wenn man einmal am Profifußball geschnuppert und dieses Leben genossen hat, will man das nicht wieder hergeben. Man sollte sich aber immer wieder verdeutlichen, dass es zum Beispiel nicht normal ist, wenn du zum Arzt gehst und gleich behandelt wirst, während andere drei, vier Wochen auf einen Termin warten müssen.

Ist das ein Traum, den Sie gerade leben?


Nein, das ist mein Leben. Ich bin kein Träumer. Ich musste immer viel dafür tun und auf vieles verzichten. Sieht man nur den normalen Trainingstag, arbeite ich wesentlich weniger als der Normalsterbliche. Aber dafür bin ich auch am Wochenende viel unterwegs, habe weniger Zeit für meine Frau.

Sie sagten einmal: »Es wird schon einen Sinn gehabt haben, dass der Enke mal einen auf den Deckel gekriegt hat.«


Das habe ich gesagt, als ich nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit in der zweiten spanischen Liga bei CD Teneriffa auf der Ersatzbank saß.


Das liegt nun gut vier Jahre zurück. Können Sie uns heute die Bedeutung erklären?


Es ging immer bergauf. Ich bin von Carl Zeiss Jena zu Borussia Mönchengladbach gewechselt, von dort zu Benfica Lissabon, dann zum FC Barcelona – und plötzlich gab es diesen sehr heftigen Rückschlag, der sich über eineinhalb Jahre zog: ich wurde in Barcelona ausgemustert, aus Istanbul floh ich, nachdem man mich im ersten Spiel mit Flaschen und Feuerzeugen bewarf, danach war ich ein halbes Jahr ohne Verein. Als ich nach Teneriffa kam, ergab diese Leidenszeit sehr schnell einen Sinn. Wenn man so eine Phase hinter sich gebracht hat, erkennt man plötzlich wieder das Schöne am Profidasein.

Sie meinen die Anerkennung?


Nein, mir fehlte einfach der Alltag. Früh aufstehen und sich auf das Training freuen, Mitglied einer Mannschaft sein oder einfach nur Flachs in der Kabine. Solche kleinen Momente habe ich wieder zu schätzen gelernt. Teneriffa war für mich wie eine Kur.

Muss man als Profifußballer einmal diese Talfahrt mitgemacht haben, um ein wirklich herausragender Spieler zu werden?


Vielleicht. Wobei das Tal, das ich durchschritten habe, ein sehr tiefes war. Das war keine Krise, wie sie jeder Torwart mal erlebt, wenn er fünf oder sechs Mal daneben greift. Es hatte etwas Existenzielles.

Sie befürchteten nach der Vertragsauflösung bei Fenerbahçe Istanbul, nie wieder einen Verein zu finden?


Ich steckte in einer Schublade, aus der ich fast nicht wieder herauskam. Die Trainer von anderen Vereinen fragten sich damals sicherlich: »Tickt der noch ganz richtig?«.

Wann bekamen Sie die Folgen zu spüren?


Im Januar 2004 hätte ich einen neuen Vertrag unterschreiben können, doch es kamen nur Angebote aus Den Haag, vom FC Kärnten und eben das aus Teneriffa. Zu der Zeit drohte ich, in der Versenkung zu verschwinden.

Waren Sie zu sensibel für den Profifußball?


Die Flucht aus Istanbul war nicht professionell (überlegt). Es hätte vermutlich vielmehr dem Begriff »Fußballprofi« entsprochen, wenn ich mich damals bei Fenerbahçe oder auch beim FC Barcelona auf die Bank gesetzt, das Geld genommen hätte und wieder gegangen wäre.

Das widerstrebte Ihnen?


Wenn man nicht die notwendige Leistung bringen kann, weil man sich in dem Land nicht wohl fühlt und weil man mit dem Kopf ganz woanders ist, sollte man sich überlegen, ob man das noch will. Ich hatte außerdem eine Verantwortung gegenüber dem Verein. Ich habe Fenerbahçe die Möglichkeit gegeben, schnellstmöglich einen neuen Torwart zu verpflichten. Das haben sie nicht gemacht. Und sind trotzdem Meister geworden. Ich somit auch (lacht).

Hatten Sie Angst, in Istanbul als Mensch psychisch zu zerbrechen?


Nicht nur das. Es hätte aufgrund des Fanatismus in der Türkei wirklich gefährlich für mich werden können. Es gibt ja durchaus Spieler in ähnlichen Situationen, die abends todunglücklich nach Hause kommen, sich morgens aus dem Bett quälen und versuchen, das halbe Jahr irgendwie über die Bühne zu bringen. Ich konnte das nicht.

Inwiefern hat Sie diese Zeit geprägt?


Die Erfahrung in Istanbul war sicherlich ein Wendepunkt in meinem Leben – genauso wie der Tod meiner Tochter vor zwei Jahren. Deswegen hat Fußball heute für mich eine andere Bedeutung als früher: Er ist immer noch ein zentraler Punkt in meinem Leben, steht aber nicht mehr über allem.

Sie sind gelassener geworden.


Ich ärgere mich immer noch, wenn ich ein Spiel verliere. Vor ein paar Jahren habe ich mir dadurch aber die ganze Woche versauen lassen, jetzt sind es nur noch zwei Tage.

Vor Ihrer Talfahrt spielten Sie drei Jahre lang für Benfica Lissabon, dem nach Mitgliederzahlen größten Klub der Welt. Sie verschwanden dennoch aus dem Blickfeld des DFB.

Damals war mir die Nationalmannschaft egal. Ich war die Nummer vier oder fünf und habe mir keine großen Hoffnungen gemacht. Außerdem musste ich akzeptieren, dass die portugiesische Liga immer noch zu den »kleinen« Ligen in Europa zählt. Erst während den Qualifikationsspielen zur EM in Portugal spekulierte ich auf eine Nominierung. Deshalb nahm ich das Angebot aus Barcelona sofort an.

Wie schätzten Sie sich in diesen Jahren selbst ein?


Ich wusste immer, dass ich gut genug bin, um in der Nationalmannschaft zu spielen. Doch wenn ich das damals gesagt hätte, wäre ich für verrückt erklärt worden. Ich saß vor der EM 2004 in Teneriffa schließlich nur auf der Ersatzbank.

Dort wo Jens Lehmann vor der EM 2008 auch saß.


Es war schon eine ungewöhnliche Situation, dass Jens Lehmann spielen durfte, obwohl er bei Arsenal nur Ersatz war. Da er aber alle wichtigen Qualifikationsspiele im Tor stand, war klar, dass er auch bei der EM dort stehen würde.

Offen ist hingegen, wer nun die Nachfolge von Jens Lehmann antreten darf. Klinsmann ging davon aus, dass ein Konkurrenzkampf auf der Torhüterposition förderlich ist. Ist er das wirklich?
Das kommt auf den Torwarttypen an. Einige finden es besser, einer Konkurrenzsituation ausgesetzt zu sein, andere brauchen die Sicherheit der Nummer Eins.

Und Sie?


Ich brauche keine Konkurrenzsituation.

Sondern?


Ich brauche Vertrauen. Für mich ist es sehr wichtig, dass mir Mannschaft und Trainer das Gefühl vermitteln: Mit dir im Tor kann uns nicht viel passieren.

Wie gehen Sie also mit dem Konkurrenzkampf in der Nationalmannschaft um?


Dort gab es ja diesen Zweikampf bisher noch nicht. Entweder René Adler war verletzt oder ich. De facto ist es so: Jeder, der spielen kann, will auch spielen. Aber man sollte immer den nötigen Respekt zeigen.

Sie spielen auf die Kahn/Lehmann-Fehde an. Haben Sie daraus gelernt?


Vielleicht kommt die ja noch, wer weiß? (lacht) Nein, René und ich haben ein sehr kollegiales Verhältnis. Wir wissen beide, was Respekt bedeutet und wie man sich zueinander verhält. Dazu gehört für mich nicht, dass man einen Kontrahenten öffentlich zur Minna macht. In der Kahn/Lehmann-Zeit gab es viele Äußerungen, die unnötig waren und weder dem einen noch dem anderen geholfen haben.

Sie sehen René Adler als Ihren größten Konkurrenten an?


Wir haben in der Bundesliga beide unsere Leistungen gebracht. Ich denke, wir haben es uns verdient, die Auserwählten zu sein, die die ersten Spiele nach Jens Lehmann bestreiten.

Einige Nationalspieler erzählten, dass René Adler nach den Trainingseinheiten während der EM »ständig kaputt« und beim Torwarttraining »an der Grenze« gewesen sei. Fast täglich habe er sich von Physiotherapeuten und Ärzten behandeln lassen müssen. Ist es Ihnen auch so ergangen?


Nein. Es mag schon so sein, dass das Training von René Adler eine andere Intensität hatte als das Training eines Jens Lehmann, auf den das Torwarttraining natürlich abgestimmt war. Aber ich bin weit davon entfernt, das zu bewerten.

Was unterscheidet eigentlich die Torhüter Enke und Adler?


Nicht viel. Auf diesem Torhüterniveau gibt es mit Sicherheit Unterschiede, aber die sind sehr klein. Es gibt Bereiche, in denen René Vorteile hat und andere, in denen ich mich besser sehe.

Und die Unterschiede zu Ihren Vorgängern Köpke, Kahn und Lehmann?


Da fehlt mir noch einiges. Diese Torhüter haben etliche Länderspiele mehr, sind Europa- oder Weltmeister geworden. Wir können uns gerne noch mal unterhalten, wenn ich 2010 im Tor gestanden habe und wir den Titel geholt haben.

Köpke, Kahn und Lehmann erlebten ihre Hochphase im Nationaltrikot erst jenseits der 30. Wie wichtig sind Reife und Erfahrung für einen Nationaltorwart?


Natürlich ist Reife wichtig, ganz klar. Ich denke auch, dass das ideale Torhüteralter mit 29 beginnt. Das beste Beispiel ist Edwin van der Saar. Der ist mittlerweile 38 und hält immer noch phänomenal.

Warum?


Man spielt mit den Jahren weniger für die Galerie. Heute finde ich es gut, wenn ich 90 Minuten wenig zu tun habe. Früher habe ich gehofft, dass viele Bälle aufs Tor kommen, damit ich glänzen kann. Und wenn wir 0:2 verloren haben, ich aber super gehalten habe, war ich trotzdem zufrieden. Das ist heute ganz anders.

Was unterscheidet den 31-jährigen Enke von dem 21-jährigen Enke?


Früher legte ich mich in Eins-gegen-Eins-Situationen schnell auf den Boden, ich machte es den Stürmern unglaublich einfach. Als ich zu Barcelona kam, merkte ich, wie einfach mich diese Topstürmer ausgucken konnten. Ich spekulierte viel zu häufig. Dabei ist es gerade in solchen Situationen wichtig, so lange wie möglich stehen zu bleiben, sich groß zu machen. Damals sah ich auch, dass ich noch nicht so weit war, wie ich glaubte.

Können Sie sich an einen Fehler seit Ihrer Rückkehr in die Bundesliga erinnern?


Von mir? An keinen. (lacht) Es gibt sicherlich Gegentore, bei denen hätte ich anders reagieren können – aber krasse Torwartfehler ... (überlegt) Mann, bin ich gut! (lacht)

Mit anderen Worten: Es gibt keine Torwartfehler.


Viele Leute sehen oftmals nicht, dass der Ball im letzten Moment entscheidend die Richtung ändert, zum Beispiel, wenn der Ball stark angeschnitten ist. Wenn man den durchrutschen lässt, sieht das im ersten Moment aus wie ein grober Torwartfehler – es ist aber keiner.

Ein schmaler Grat für Andreas Köpke, den besseren Torwart auszumachen.


Es ist in solchen Situationen wichtiger, wie man mit diesem Fehler umgeht, wie schnell man sich wieder auf das Spiel konzentrieren kann und nicht die Nerven verliert.

René Adler hat Sie nun nach Ihrer Verletzung vertreten – und wurde in den Medien zur neuen Nummer Eins gemacht.


Man bleibt immer auf der Strecke, wenn man verletzt ist und nicht spielen kann. Eine Beurteilung seiner Leistung werde ich mir aber nicht abringen lassen.

Auch nicht zu dem Qualifikationsspiel gegen Russland?


Der Kommentator fand für die Aktionen von René ja kaum noch Worte ... (überlegt). René hat eine gute Partie gespielt, aber zu dem Kommentar fehlten mir ganz ehrlich auch die Worte.

Vor zweieinhalb Jahren sagten Sie in einem Interview: »Man lernt mit den Jahren die Presse auszutricksen. Man erzählt viel und sagt nichts.«

In der Tagespresse ist es oft so, dass man seine ehrliche Meinung nicht preisgeben kann. Man bekommt sie postwendend um die Ohren gefeuert, wenn sie nicht der allgemeinen Stimmung entspricht.

Was würden Sie denn als Journalist anders machen?
Die Interviews direkt nach dem Spiel abschaffen?

Die gehören einfach dazu, obwohl ich nach dem Spiel auch immer fast dasselbe sage. Ich habe eine Phrase für einen glücklichen Sieg, eine für einen verdienten Sieg, eine für ein glückliches Unentschieden, eine für ein verdientes Unentschieden und das gleiche für eine Niederlage. Was willst du da auch tiefschürfend analysieren? Was ich anders machen würde: Ich würde immer versuchen, die Spieler richtig zu zitieren.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Medienpräsenz anders ist als die eines Oliver Kahn, weil Sie in Hannover und nicht beim FC Bayern spielen?


Vielleicht.

Über einen Wechsel denken Sie nicht nach?


Von Joachim Löw oder Andreas Köpke habe ich noch keinen Wink bekommen, dass es gut wäre, den Verein zu wechseln.

Und wenn dieser Wink käme?


Dann würde ich intensiv darüber nachdenken. Ich habe den Leuten hier in Hannover nie versprochen, dass ich fünf Jahre bleibe – und jetzt bin ich in meiner fünften Saison. Momentan gibt es aber keinerlei Kontakte zu anderen Vereinen. Wenn ich wieder gesund bin, werde ich mir darüber aber sicherlich Gedanken machen.

Walter Junghans, heute Torwarttrainer beim FC Bayern, kennen Sie seit Ihrer Zeit bei Benfica Lissabon. Wie ist heute Ihr Kontakt?


Aha, Sie nähern sich durch die Hintertür (lacht). Wir telefonieren alle zwei, drei Monate mal. Da geht es zwar auch um Bayern München, aber nicht um einen Wechsel.

Sie sind 31. Viel Zeit bleibt Ihnen nicht mehr, Deutscher Meister zu werden.


Die Zeit im Profifußball rast, das stimmt. Natürlich mache ich mir Gedanken darüber, ob ich vielleicht noch einmal zu einem Verein gehe, der um die vorderen Plätze mitspielen kann. Ich möchte gerne mal einen Titel gewinnen. Deswegen gebe ich auch bei Hannover 96 jedes Jahr mein Ziel aus: DFB-Pokal-Endspiel in Berlin.

Im Sommer 2010 könnten Sie sogar Weltmeister werden.

Ich weiß nicht, was bis dahin passiert. Den Vorteil, den ich vor zwei Monaten hatte, habe ich verloren, den hat René Adler. Für mich geht es bis zur Weltmeisterschaft darum, diesen Vorteil zurückzuholen. Das wird schwer genug. Aber die Möglichkeit besteht.

Würden Sie nicht sagen: Robert Enke ist die Gegenwart, René Adler gehört die Zukunft?


Die Gegenwart hat momentan einen roten Gips an. Ich hoffe, dass es ab Februar 2009 diesen richtigen Zweikampf zwischen René Adler und mir gibt, den es bisher nicht gab. Und dann soll in Südafrika derjenige im Tor stehen, der es mehr verdient.

Würden Sie sich auf die Bank setzen?


Vermutlich. Einfach, weil es ein Riesenereignis wird – es wäre meine erste WM. Ich werde allerdings alles dafür tun, dass es nicht so kommt.

Und das ist Ihr Traum?


(lacht) Wenn Sie das schreiben wollen, bitte. Es ist mein Traum, ja.

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