11.12.2008

Robert Enke im Interview

»Ich bin kein Träumer«

Wir sitzen mit Robert Enke im Hans Arp-Raum des Sprengel Museums in Hannover auf einer Holzbank, sprechen über Fußball, natürlich, über seine Karriere, auch über Kunst, eine gebrochene Hand, Konkurrenz, Pferde.

Interview: Benjamin Apitius und Andreas Bock Bild: Heiko Laschitzki
Vor Ihrer Talfahrt spielten Sie drei Jahre lang für Benfica Lissabon, dem nach Mitgliederzahlen größten Klub der Welt. Sie verschwanden dennoch aus dem Blickfeld des DFB.

Damals war mir die Nationalmannschaft egal. Ich war die Nummer vier oder fünf und habe mir keine großen Hoffnungen gemacht. Außerdem musste ich akzeptieren, dass die portugiesische Liga immer noch zu den »kleinen« Ligen in Europa zählt. Erst während den Qualifikationsspielen zur EM in Portugal spekulierte ich auf eine Nominierung. Deshalb nahm ich das Angebot aus Barcelona sofort an.

Wie schätzten Sie sich in diesen Jahren selbst ein?


Ich wusste immer, dass ich gut genug bin, um in der Nationalmannschaft zu spielen. Doch wenn ich das damals gesagt hätte, wäre ich für verrückt erklärt worden. Ich saß vor der EM 2004 in Teneriffa schließlich nur auf der Ersatzbank.

Dort wo Jens Lehmann vor der EM 2008 auch saß.


Es war schon eine ungewöhnliche Situation, dass Jens Lehmann spielen durfte, obwohl er bei Arsenal nur Ersatz war. Da er aber alle wichtigen Qualifikationsspiele im Tor stand, war klar, dass er auch bei der EM dort stehen würde.

Offen ist hingegen, wer nun die Nachfolge von Jens Lehmann antreten darf. Klinsmann ging davon aus, dass ein Konkurrenzkampf auf der Torhüterposition förderlich ist. Ist er das wirklich?
Das kommt auf den Torwarttypen an. Einige finden es besser, einer Konkurrenzsituation ausgesetzt zu sein, andere brauchen die Sicherheit der Nummer Eins.

Und Sie?


Ich brauche keine Konkurrenzsituation.

Sondern?


Ich brauche Vertrauen. Für mich ist es sehr wichtig, dass mir Mannschaft und Trainer das Gefühl vermitteln: Mit dir im Tor kann uns nicht viel passieren.

Wie gehen Sie also mit dem Konkurrenzkampf in der Nationalmannschaft um?


Dort gab es ja diesen Zweikampf bisher noch nicht. Entweder René Adler war verletzt oder ich. De facto ist es so: Jeder, der spielen kann, will auch spielen. Aber man sollte immer den nötigen Respekt zeigen.

Sie spielen auf die Kahn/Lehmann-Fehde an. Haben Sie daraus gelernt?


Vielleicht kommt die ja noch, wer weiß? (lacht) Nein, René und ich haben ein sehr kollegiales Verhältnis. Wir wissen beide, was Respekt bedeutet und wie man sich zueinander verhält. Dazu gehört für mich nicht, dass man einen Kontrahenten öffentlich zur Minna macht. In der Kahn/Lehmann-Zeit gab es viele Äußerungen, die unnötig waren und weder dem einen noch dem anderen geholfen haben.

Sie sehen René Adler als Ihren größten Konkurrenten an?


Wir haben in der Bundesliga beide unsere Leistungen gebracht. Ich denke, wir haben es uns verdient, die Auserwählten zu sein, die die ersten Spiele nach Jens Lehmann bestreiten.

Einige Nationalspieler erzählten, dass René Adler nach den Trainingseinheiten während der EM »ständig kaputt« und beim Torwarttraining »an der Grenze« gewesen sei. Fast täglich habe er sich von Physiotherapeuten und Ärzten behandeln lassen müssen. Ist es Ihnen auch so ergangen?


Nein. Es mag schon so sein, dass das Training von René Adler eine andere Intensität hatte als das Training eines Jens Lehmann, auf den das Torwarttraining natürlich abgestimmt war. Aber ich bin weit davon entfernt, das zu bewerten.

Was unterscheidet eigentlich die Torhüter Enke und Adler?


Nicht viel. Auf diesem Torhüterniveau gibt es mit Sicherheit Unterschiede, aber die sind sehr klein. Es gibt Bereiche, in denen René Vorteile hat und andere, in denen ich mich besser sehe.

Und die Unterschiede zu Ihren Vorgängern Köpke, Kahn und Lehmann?


Da fehlt mir noch einiges. Diese Torhüter haben etliche Länderspiele mehr, sind Europa- oder Weltmeister geworden. Wir können uns gerne noch mal unterhalten, wenn ich 2010 im Tor gestanden habe und wir den Titel geholt haben.

Köpke, Kahn und Lehmann erlebten ihre Hochphase im Nationaltrikot erst jenseits der 30. Wie wichtig sind Reife und Erfahrung für einen Nationaltorwart?


Natürlich ist Reife wichtig, ganz klar. Ich denke auch, dass das ideale Torhüteralter mit 29 beginnt. Das beste Beispiel ist Edwin van der Saar. Der ist mittlerweile 38 und hält immer noch phänomenal.

Warum?


Man spielt mit den Jahren weniger für die Galerie. Heute finde ich es gut, wenn ich 90 Minuten wenig zu tun habe. Früher habe ich gehofft, dass viele Bälle aufs Tor kommen, damit ich glänzen kann. Und wenn wir 0:2 verloren haben, ich aber super gehalten habe, war ich trotzdem zufrieden. Das ist heute ganz anders.

Was unterscheidet den 31-jährigen Enke von dem 21-jährigen Enke?


Früher legte ich mich in Eins-gegen-Eins-Situationen schnell auf den Boden, ich machte es den Stürmern unglaublich einfach. Als ich zu Barcelona kam, merkte ich, wie einfach mich diese Topstürmer ausgucken konnten. Ich spekulierte viel zu häufig. Dabei ist es gerade in solchen Situationen wichtig, so lange wie möglich stehen zu bleiben, sich groß zu machen. Damals sah ich auch, dass ich noch nicht so weit war, wie ich glaubte.

Können Sie sich an einen Fehler seit Ihrer Rückkehr in die Bundesliga erinnern?


Von mir? An keinen. (lacht) Es gibt sicherlich Gegentore, bei denen hätte ich anders reagieren können – aber krasse Torwartfehler ... (überlegt) Mann, bin ich gut! (lacht)

Mit anderen Worten: Es gibt keine Torwartfehler.


Viele Leute sehen oftmals nicht, dass der Ball im letzten Moment entscheidend die Richtung ändert, zum Beispiel, wenn der Ball stark angeschnitten ist. Wenn man den durchrutschen lässt, sieht das im ersten Moment aus wie ein grober Torwartfehler – es ist aber keiner.

Ein schmaler Grat für Andreas Köpke, den besseren Torwart auszumachen.


Es ist in solchen Situationen wichtiger, wie man mit diesem Fehler umgeht, wie schnell man sich wieder auf das Spiel konzentrieren kann und nicht die Nerven verliert.

René Adler hat Sie nun nach Ihrer Verletzung vertreten – und wurde in den Medien zur neuen Nummer Eins gemacht.


Man bleibt immer auf der Strecke, wenn man verletzt ist und nicht spielen kann. Eine Beurteilung seiner Leistung werde ich mir aber nicht abringen lassen.

Auch nicht zu dem Qualifikationsspiel gegen Russland?


Der Kommentator fand für die Aktionen von René ja kaum noch Worte ... (überlegt). René hat eine gute Partie gespielt, aber zu dem Kommentar fehlten mir ganz ehrlich auch die Worte.

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