Robert Enke im Interview

»Ich muss gar nichts«

Robert Enke war gesetzt, dann verletzt – ist er nun wieder Stammtorwart der deutschen Nationalelf? Hier spricht der Hannoveraner über den Streit um den Platz im Tor, seinen Ehrgeiz – und den besten Keeper im Land. Robert Enke im InterviewImago

Herr Enke, Ihre Uhr zeigt ja noch Winterzeit an. Haben Sie etwas verschlafen?

Das habe ich bewusst nicht geändert, weil ich ja weiß, wir fliegen nach Wales. Stark, oder?

[ad]

Sie sind sehr rational. Berührt es Sie wenigstens, wenn die Zuschauer Sie bejubeln wie am Samstag gegen Liechtenstein?

Ja, klar, ist doch logisch.

Werten Sie diesen Jubel auch als Indiz dafür, dass das Volk Sie als Nummer eins haben möchte?

Ganz bestimmt nicht, da haben sich die Leute nur einen Spaß gemacht, wenn ich alle zehn Minuten mal an den Ball gekommen bin.

Machen Ihnen denn solche Spiele Spaß?

Inzwischen ja. Wenn es in Wales ähnlich läuft, wenn nur ein Schuss aufs Tor kommt, und wir gewinnen 2:0 – perfekt. Als junger Torwart schaut man mehr auf sich. Aber es geht nicht darum, dass ich möglichst viele Bälle aufs Tor bekomme, um mich in eine gute Position zu bringen. Ich muss mich nicht profilieren.

Aber es gibt doch den Konkurrenzkampf im Tor, da müssen Sie sich beweisen.

Ich muss gar nichts. Ich kann mir als Torwart ja schlecht die Bälle selbst aufs Tor schießen. Ich kann nur auf das reagieren, was kommt. Wenn jemand schreibt: Enke konnte sich nicht auszeichnen – ja gut, ist so.

Sehen Sie sich als Nummer eins?

Für das kommende Spiel, ja. Vor meiner Verletzung war ich auch schon in einer sehr guten Position. Die habe ich ein wenig eingebüßt. Jetzt kann ich den Weg fortsetzen.

Wie stellt sich der Konkurrenzkampf für Sie dar?

Bisher hat es den ja gar nicht gegeben. Erst war René Adler verletzt, dann ich, jetzt ist er wieder verletzt. Und was heißt Kampf? Damit kann ich nichts anfangen. Es ist ja nicht so, dass wir uns im Training gegenseitig was auf die Mütze hauen. Man kann die Leistungen auch nicht vergleichen oder spekulieren: Wie hätte ich gegen Russland gespielt? René hat es gut gemacht. Vielleicht hätte ich das auch getan.

Wie könnte man die Nummer eins am besten finden?

Ein Casting gibt es ja leider nicht. Eigentlich müsste man eine Ballmaschine nehmen, die bei allen Kandidaten dieselben Bälle aufs Tor schießt und dieselben Flanken reinbringt. Am Ende hätte man einen objektiven Wert für jeden. Aber das ist nur Theorie. Es geht auch um den Kopf, wie man mit der Situation klarkommt.

Wovon wird es abhängen, wer die Nummer eins wird? Wird es derjenige, der die meisten Unhaltbaren hält, oder derjenige, der die wenigsten Fehler macht?

Mit dem Begriff »unhaltbar« kann ich wenig anfangen. Sagen wir: derjenige, der die meisten Großchancen vereitelt. Ich glaube, es wird eine Mischung aus beidem sein. Die Unterschiede sind ja nicht so groß. Die Torhüter, die infrage kommen, sind beim Bällehalten mehr oder weniger auf einem Niveau. Also wird es eine entscheidende Rolle spielen, wer wie viele Fehler macht – oder auch nicht.

Könnte es sein, dass der Torhüter mit dem größten Ehrgeiz die Nummer eins wird?

Ehrgeiz ist eine Grundvoraussetzung, natürlich bin ich ehrgeizig. Wenn man wie ich vor fünf Jahren in der zweiten spanischen Liga auf der Bank gesessen hat und jetzt bei der Nationalmannschaft ist, muss man eigentlich nicht darüber reden. Man muss sich aber auch ein bisschen frei machen von der ganzen Hektik rund um diese Torwartgeschichte. Wenn ich das alles an mich ranließe, würde ich ja wahnsinnig werden. Man muss eine Mischung finden aus Ehrgeiz, Anspannung und einer gewissen Lockerheit. Meine Lockerheit ist nicht zur Schau getragen. Ich versuche, meine Situation nüchtern zu betrachten. Was zum Beispiel Oliver Kahn gesagt hat, fand ich sehr angenehm.

Nämlich?

Dass es vielleicht besser wäre, wenn ich international spiele – aber er hat das nicht mit erhobenem Zeigefinger gesagt.

Die Diskussion ist also legitim?

Die ist legitim, auch wenn man sich fragen kann, ob sie immer korrekt geführt wird. Ich weiß, dass wir bei Hannover seit dem ersten Spieltag große Defensivprobleme hatten, aber ich bin auch so selbstbewusst zu sagen: In der Rückrunde habe ich gute bis sehr gute Leistungen gebracht. Wenn man Argumente gegen mich sucht, wird immer nur mein Arbeitgeber herangezogen – es geht nie um mein Torwartspiel oder um meine Leistung.

Der Bundestrainer verlangt internationale Erfahrung. Reichen Ihnen die Länderspiele?

Ich fühle mich überhaupt nicht unter Druck gesetzt. Ich werde nicht wechseln um des Wechselns willen, sondern nur, wenn ich überzeugt bin, dass es mich weiterbringt.

Der Bundestorwarttrainer Andreas Köpke ist einst mit Nürnberg sogar abgestiegen. Hilft Ihnen das?

Ein gutes Beispiel, das für mich spricht. Man muss als Torwart nicht international spielen, um bei einem großen Turnier Weltklasseleistungen zu zeigen. Genau das hat Andy bei der EM 1996 getan.

Haben Sie eigentlich eine Meinung, wer der beste Torhüter in Deutschland ist?

Ich habe zu jedem Torwart eine ganz spezielle Meinung. Ich glaube, dass ich alle sehr gut einschätzen kann.

Eigentlich müssten Sie sagen, dass Sie der beste sind.

Warum muss ich das sagen? Es kann ja auch sein, dass ich einen von den anderen dreien für besser halte. Ich weiß, wer wo seine Stärken und Schwächen hat. Mich inbegriffen.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!