11.12.2008

Robert Enke im Interview

»Ich bin kein Träumer«

Wir sitzen mit Robert Enke im Hans Arp-Raum des Sprengel Museums in Hannover auf einer Holzbank, sprechen über Fußball, natürlich, über seine Karriere, auch über Kunst, eine gebrochene Hand, Konkurrenz, Pferde.

Interview: Benjamin Apitius und Andreas Bock Bild: Heiko Laschitzki
Robert Enke, wie lebt es sich mit neun Hunden, zwei Katzen und einem Pferd?

Was soll ich machen? Meine Frau liebt Tiere (lacht). Nein, im Ernst: es lebt sich gut.



Sie bewohnen zusammen mit Ihrer Frau Teresa und den Tieren ein altes Fachwerkhaus in der Nähe von Hannover. Ein nicht gerade typischer Lebensentwurf für einen Fußballprofi.

Zumindest entspricht es nicht dem Klischee. Einige Zeit wohnten wir sogar mit dem Künstler Jacques Gassmann zusammen, der zuvor in dem Haus lebte. Als wir einzogen, vereinbarten wir mit ihm, dass er noch eine Weile bleiben durfte, um seinen Umzug in Ruhe organisieren zu können.

Sie lebten in einer WG?


Sozusagen – inklusive Anschluss an seinen Lyrik- und Künstlerkreis. Einmal rief meine Schwiegermutter an und sagte: »Ach, das ist ja schön, dass heute Abend bei euch eine Vernissage ist.« Wir waren ziemlich überrascht, denn Jacques hatte uns davon gar nichts erzählt (lacht). Insgesamt war es eine sehr interessante Erfahrung, mit chaotischen Momenten, aber viel Charme.

Inwieweit identifizieren Sie sich eigentlich mit dem Beruf »Fußballprofi«?


Mir macht der Beruf eine Menge Spaß, aber das Drumherum und die medialen Begleiterscheinungen sind natürlich gewöhnungsbedürftig. Mir tut es fast schon körperlich weh, wenn ich wieder lesen muss, wie irgendeiner meiner Kollegen in der Zeitung durchs Dorf getrieben wird. Auf der anderen Seite verdient man als Fußballprofi viel Geld – und deswegen muss man es vielleicht abkönnen, wenn wieder irgendein Mist über dich geschrieben wird.

Sie haben dadurch auch im normalen Leben eine Sonderstellung.


Wenn man einmal am Profifußball geschnuppert und dieses Leben genossen hat, will man das nicht wieder hergeben. Man sollte sich aber immer wieder verdeutlichen, dass es zum Beispiel nicht normal ist, wenn du zum Arzt gehst und gleich behandelt wirst, während andere drei, vier Wochen auf einen Termin warten müssen.

Ist das ein Traum, den Sie gerade leben?


Nein, das ist mein Leben. Ich bin kein Träumer. Ich musste immer viel dafür tun und auf vieles verzichten. Sieht man nur den normalen Trainingstag, arbeite ich wesentlich weniger als der Normalsterbliche. Aber dafür bin ich auch am Wochenende viel unterwegs, habe weniger Zeit für meine Frau.

Sie sagten einmal: »Es wird schon einen Sinn gehabt haben, dass der Enke mal einen auf den Deckel gekriegt hat.«


Das habe ich gesagt, als ich nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit in der zweiten spanischen Liga bei CD Teneriffa auf der Ersatzbank saß.


Das liegt nun gut vier Jahre zurück. Können Sie uns heute die Bedeutung erklären?


Es ging immer bergauf. Ich bin von Carl Zeiss Jena zu Borussia Mönchengladbach gewechselt, von dort zu Benfica Lissabon, dann zum FC Barcelona – und plötzlich gab es diesen sehr heftigen Rückschlag, der sich über eineinhalb Jahre zog: ich wurde in Barcelona ausgemustert, aus Istanbul floh ich, nachdem man mich im ersten Spiel mit Flaschen und Feuerzeugen bewarf, danach war ich ein halbes Jahr ohne Verein. Als ich nach Teneriffa kam, ergab diese Leidenszeit sehr schnell einen Sinn. Wenn man so eine Phase hinter sich gebracht hat, erkennt man plötzlich wieder das Schöne am Profidasein.

Sie meinen die Anerkennung?


Nein, mir fehlte einfach der Alltag. Früh aufstehen und sich auf das Training freuen, Mitglied einer Mannschaft sein oder einfach nur Flachs in der Kabine. Solche kleinen Momente habe ich wieder zu schätzen gelernt. Teneriffa war für mich wie eine Kur.

Muss man als Profifußballer einmal diese Talfahrt mitgemacht haben, um ein wirklich herausragender Spieler zu werden?


Vielleicht. Wobei das Tal, das ich durchschritten habe, ein sehr tiefes war. Das war keine Krise, wie sie jeder Torwart mal erlebt, wenn er fünf oder sechs Mal daneben greift. Es hatte etwas Existenzielles.

Sie befürchteten nach der Vertragsauflösung bei Fenerbahçe Istanbul, nie wieder einen Verein zu finden?


Ich steckte in einer Schublade, aus der ich fast nicht wieder herauskam. Die Trainer von anderen Vereinen fragten sich damals sicherlich: »Tickt der noch ganz richtig?«.

Wann bekamen Sie die Folgen zu spüren?


Im Januar 2004 hätte ich einen neuen Vertrag unterschreiben können, doch es kamen nur Angebote aus Den Haag, vom FC Kärnten und eben das aus Teneriffa. Zu der Zeit drohte ich, in der Versenkung zu verschwinden.

Waren Sie zu sensibel für den Profifußball?


Die Flucht aus Istanbul war nicht professionell (überlegt). Es hätte vermutlich vielmehr dem Begriff »Fußballprofi« entsprochen, wenn ich mich damals bei Fenerbahçe oder auch beim FC Barcelona auf die Bank gesetzt, das Geld genommen hätte und wieder gegangen wäre.

Das widerstrebte Ihnen?


Wenn man nicht die notwendige Leistung bringen kann, weil man sich in dem Land nicht wohl fühlt und weil man mit dem Kopf ganz woanders ist, sollte man sich überlegen, ob man das noch will. Ich hatte außerdem eine Verantwortung gegenüber dem Verein. Ich habe Fenerbahçe die Möglichkeit gegeben, schnellstmöglich einen neuen Torwart zu verpflichten. Das haben sie nicht gemacht. Und sind trotzdem Meister geworden. Ich somit auch (lacht).

Hatten Sie Angst, in Istanbul als Mensch psychisch zu zerbrechen?


Nicht nur das. Es hätte aufgrund des Fanatismus in der Türkei wirklich gefährlich für mich werden können. Es gibt ja durchaus Spieler in ähnlichen Situationen, die abends todunglücklich nach Hause kommen, sich morgens aus dem Bett quälen und versuchen, das halbe Jahr irgendwie über die Bühne zu bringen. Ich konnte das nicht.

Inwiefern hat Sie diese Zeit geprägt?


Die Erfahrung in Istanbul war sicherlich ein Wendepunkt in meinem Leben – genauso wie der Tod meiner Tochter vor zwei Jahren. Deswegen hat Fußball heute für mich eine andere Bedeutung als früher: Er ist immer noch ein zentraler Punkt in meinem Leben, steht aber nicht mehr über allem.

Sie sind gelassener geworden.


Ich ärgere mich immer noch, wenn ich ein Spiel verliere. Vor ein paar Jahren habe ich mir dadurch aber die ganze Woche versauen lassen, jetzt sind es nur noch zwei Tage.

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