Richy Golz über den Abstiegskrimi '99

»Ich verließ den Jubelkreis«

34. Spieltag 98/99, Nürnberg-Freiburg. Die Clubberer können eigentlich nicht absteigen – und tun es doch, weil Frankfurt fünf Mal trifft und Baumann an Golz scheitert. Vor der Neuauflage des Spiels sprachen wir mit Golz.  Richy Golz über den Abstiegskrimi '99

Herr Golz, am Wochenende treffen Nürnberg und Freiburg aufeinander. Am letzten Spieltag der Saison 1998/99 waren beide Mannschaften Teil des dramatischsten Abstiegs-Showdowns der Bundesliga-Historie. Der letzte Absteiger musste zwischen Stuttgart, Rostock, Frankfurt, Nürnberg und Ihrem SC Freiburg ermittelt werden. Welche Stimmung herrschte vor dem Duell in Nürnberg?

Wir waren uns darüber im Klaren, dass wir dieses Spiel gewinnen mussten, wenn wir drin bleiben wollten. Und als wir in Nürnberg ankamen, haben wir sofort gemerkt, dass sich die Nürnberger ihrer Sache ziemlich sicher waren. Von ein paar Leuten wurden wir schon vor dem Spiel zur gemeinsamen Nichtsabstiegsparty eingeladen.  

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Hatten Sie das Gefühl, dass sich die Nürnberger, die damals mit den besten Voraussetzungen aller fünf Mannschaften in dieses Abstiegsfinale gegangen sind, viel weniger mit einem möglichen Abstieg auseinander gesetzt hatten?  

Die Nürnberger haben die Situation nicht ernst genommen. Die haben gar nicht genau gewusst, was sie an diesem Tag noch erwarten könnte.  

Damit Nürnberg absteigt, hätte  Bochum zuhause gegen Rostock verlieren und Eintracht Frankfurt gegen Kaiserslautern mit mindestens drei Toren Vorsprung gewinnen müssen. Das war ziemlich unwahrscheinlich. Nun entwickelte sich aber in den folgenden 90 Minuten eine unfassbare Dramaturgie. Waren Sie im Stadion über die Zwischenstände in Bochum und Frankfurt informiert?  

Ich habe da nicht viel mitbekommen. Für uns ging es nur darum, unsere Hausaufgaben zu machen, und daher war es uns nicht wichtig, was die anderen machen. Aber so wie dieses Spiel gelaufen ist, wussten die Nürnberger wie es bei den anderen steht und dachten, dass ihnen selbst bei einer Niederlage nicht mehr viel passieren kann.Was eben auch daran lag, dass Frankfurt ein so schlechtes Torverhältnis hatte.  

Freiburg hat schnell 2:0 geführt, doch selbst dieses Ergebnisse hätte beiden Mannschaften lange Zeit gereicht. Gab es so etwas wie einen Nichtangriffspakt?

Ein bisschen hat mich das irgendwann schon an Deutschland-Österreich erinnert. Besonders zum Ende des Spiels hin. Die Nürnberger haben nicht so ein Wahnsinnspressing gespielt, dass man gedacht hätte, die tun jetzt alles dafür, noch den Ausgleich zu erzielen. Sie haben viel mehr darauf geachtet, nicht noch einen dritten Gegentreffer zu kassieren. Die waren schon der Meinung, so habe ich das empfunden, das Ergebnis reicht.  

In der 89. Minute überschlugen sich schließlich die Ereignisse. In Frankfurt traf Fjörtoft zum 5:1, Nürnberg war plötzlich abgestiegen, und fast zeitgleich taucht Frank Baumann frei vor Ihrem Tor auf und schiebt ihnen den Ball aus drei Metern in die Arme. Wie haben Sie diese Sekunden erlebt?  

Ich glaube, Nikl schießt gegen den Pfosten, der Ball prallt mir irgendwie gegen den Rücken und ist deswegen auch nicht so weit weggesprungen. Ich bin dann sofort wieder hoch, weil ich gemerkt habe, dass der Ball noch in der Nähe ist. Ich habe aber gleich gesehen, dass das ein Schweineball ist.  

Was meinen Sie damit?

Der Ball ist einfach ganz fies gehoppelt. Natürlich hat jeder auf der Tribüne gedacht, dass Frank Baumann den machen muss. Aber das war ein undankbarer Ball. Mit ein bisschen Rückenlage schießt man den  auf die Tribüne. Das war auch mein erster Gedanke und ich wusste deshalb auch, dass ich noch eine gute Chance habe, diesen Ball zu bekommen, weil der eben nicht leicht zu nehmen war. Ich habe gedacht: Den krieg ich.  

Waren Sie sich eigentlich bewusst, dass Sie Nürnberg mit dieser Parade in die zweite Liga geschickt hatten?  

Nein, ich wusste nur, dass wir in jedem Fall drin geblieben sind. Als ich den Ball in der Hand hatte, war mir klar, dass jetzt nicht mehr viel schiefgehen konnte. Ich hatte ja keine Ahnung, was da in Frankfurt noch passiert war.  

Wann haben Sie vom Wahnsinn in Frankfurt erfahren?

Nach dem Schlusspfiff haben wir natürlich erst einmal gefeiert, haben einen Kreis gemacht und dann kam unser unser Torwarttrainer Karsten Neitzel zu mir und sagte: »Wenn das Ding von Baumann reingegangen wäre und die Frankfurter noch ein Tor erzielt hätten, wären wir doch noch abgestiegen.« Da wurde mir dann noch mal ein bisschen mulmig. Ich habe dann auch den Jubelkreis verlassen, weil ich das erst einmal alleine verdauen musste.Wir waren uns gar nicht bewusst, dass es so knapp war.  

Haben Sie mit Frank Baumann später noch einmal über diese Szene gesprochen?

Richtig darüber gesprochen haben wir nie. Aber später, als er schon in Bremen war, hat er mal ein Tor gegen mich gemacht. Die Nürnberger werden das anders sehen, aber wir beide waren danach jedenfalls quitt.

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