Reporter-Legende Günther Koch über bayrische Derbys

»Mia san nicht mia, sondern die Cluberer«

Als Radiokommentator war Günther Koch immer ganz nah dran am Geschehen des 1. FC Nürnberg. Seit zwei Jahren gehört Koch zum Aufsichtsrat des Traditionsclubs. Grund genug, um mit ihm über die bevorstehenden Derbywochen zu sprechen.

(11FREUNDE ruft bei Günther Koch an...)
Felipe Santana am Apparat!

Herr Koch? Wir wollten mit Ihnen eigentlich über etwas anderes sprechen. Aber Sie scheinen offenbar noch im Champions-League-Fieber zu sein.
Natürlich, wer ist das nicht?

Etwas weniger spektakulärer als Felipe Santana und der BVB haben sich ja die Bayern durchgesetzt…
Die Bayern sind nach zwei Hungerjahren die absolute Übermannschaft! Bei diesen Namen weiß man gar nicht wo man anfangen soll. Aber sie sind nicht unüberwindbar. Das hat man selbst beim 9:2 gegen Hamburg gesehen.

Die Meisterschaft ist entschieden. Wird der FC Bayern in der Liga jetzt nur noch mit der A-Jugend antreten?
Beileibe nicht, aber apropos A-Jugend: die habe ich in dieser Woche hier in Nürnberg gesehen. Die haben mit Leo Zingerle, Julian Green oder Oliver Markoutz schon die nächsten Kracher in der Hinterhand.

Dem 1. FC Nürnberg würde es trotzdem nicht schaden, wenn der Rekordmeister auf einige Stammkräfte verzichten würde.
Sicherlich werden ein paar Spieler zum Einsatz kommen, die gegen Juventus nur auf der Bank saßen. Aber der FC Bayern hat ja gar keine B-Mannschaft. Die spielen weit über dem Durchschnitt der Bundesliga.

Der durchschnittliche Bundesligist. Das trifft schon eher auf den Club zu, oder?
Stimmt, aber da sind wir auch stolz drauf. Wir haben eine echte Basisdemokratie, bei der jeder mit jedem reden kann. Vor allem verkörpern wir nicht nur Fußballkultur seit 1900, sondern haben uns auch ein eigenes Leitbild gegeben, das für alle Cluberer verbindlich ist. Der 1. FCN ist ein ganz normaler eingetragener Verein, den es so heutzutage leider nicht mehr oft gibt. Die goldene Mitte in der Bundesliga zu werden, ist für uns das lohnende Ziel.

In dieser Saison ist ja sogar die Qualifikation für die Europa League möglich.
Ja! Dann hieße es wieder »Nürnberg grüßt Europa«. Möglich ist das, aber es ist nicht unser Ziel.

Sondern?
Wir wollen für möglichst viele Mitglieder, die keinen Hochglanzverein sehen wollen, eine gute Adresse sein. Man muss die Realitäten kennen und zusammenzählen. Da stehen Jugendarbeit und Mitgliederentwicklung im Vordergrund.

»Wir können froh sein, dass wir so einen hervorragenden Trainer haben«, sagten Sie einst über Dieter Hecking. Was halten Sie vom neuen Trainer?
Am 21. Dezember 2012 habe ich ohne zu zögern Martin Baders Vorschlag bezüglich der Wahl von Michael Wiesinger zugestimmt. Denn der Trainerwechsel war eine Riesenmöglichkeit für ihn und den Verein. Mich überraschen die  guten Ergebnisse der Vergangenheit daher nicht sonderlich.

Sie sind in München aufgewachsen. Michael Wiesinger hat von von 1999 bis 2001 bei den Bayern gespielt. Das Modell ehemaliger Münchner in Nürnberg scheint zu klappen.
Sowieso! Mia san zwar nicht mia, sondern die Cluberer, aber wir sind zwei bayrische Vereine und die Zusammenarbeit funktioniert. Das würde ich mir manchmal auch auf der Fanseite wünschen.

Wie ist das eigentlich beim »Nürnchenberger Cluberer« Günther Koch? Auf welcher Seite stehen Sie am Samstag?
Ich bin jetzt seit Jahren schon immer für den 1. FC Nürnberg. Ich denke, dass hat der Hörer auch zumeist in meinen Reportagen herausgehört. Natürlich bleibe ich immer fair und objektiv.

War das schon immer so?
Oh nein! Zum Derby 1967 war ich als junger Münchner, der drei Jahre zuvor seine erste Stelle als Lehrer in Nürnberg bekommen hatte, erstmals im Städtischen Nürnberger Stadion. Nach der 3:7-Klatsche »meiner« Bayern habe ich mir geschworen: »In das Stadion gehst Du nie wieder!«

Wie ändert sich die Sicht als Aufsichtsrat im Vergleich zum Journalisten?
Als Verantwortlicher, der sich Tag und Nacht Gedanken macht, ist das eine völlig neue Erfahrung. Die ich so nicht eingeschätzt habe. Weil es einen so mitnimmt und beschäftigt, stehe ich dann auch umso mehr hinter meinem Club.

Welche Derbys mit den Münchnern gehören zu Ihren Highlights?
Das 3:0 im November 1989 gehört sicherlich dazu. Im Innenraum habe ich während des Spiels Uli Hoeneß interviewt und kurz darauf hat er unseren Trainer Hermann Gerland nach München geholt. Und vor dem 2:0-Sieg 1993 sprach ich vor dem Spiel mit Nürnbergs Trainer Willi Entenmann, der die ganze Zeit so seltsam dreinschaute. Ich bekam während des Gespräches Nasenbluten und konnte ihn nicht mehr nach dem Grund fragen. Entenmann wurde nach dem Sieg über die Bayern entlassen und wusste das bereits vor dem Anpfiff. Wenn ich das vorher gewusst hätte, dann wären im Radio aber einige Sätze gefallen!

Und wie war das 1994 mit Thomas Helmer?
Hör auf! Über das Phantomtor möchte ich nicht mehr sprechen. Das war vogelwild!



Nicht der einzige Aufreger an diesem Tag.
Richtig, wir hatten die Chance zum 2:2 per Elfmeter und wären mit einem Punkt gerettet gewesen. Dann nahm sich ausgerechnet Manfred Schwabl den Ball, obwohl Andreas Köpke schießen sollte. Und ich rief in mein Mikrofon: »Nein, doch nicht der Schwabl. Das wird doch nichts!« Ich sollte Recht behalten...

Kennen Sie das Ergebnis des ersten Fränkisch-Bayrischen Derbys?
Nein, da war ich noch nicht dabei. Verraten Sie es mir.

München gewann am 6. November 1901 mit 6:0.
Schade, ich hätte gehofft, wir hätten damals die Premiere gewonnen.

Wird es heute ähnlich schlimm? In diesem Jahr scheint ja jedes Ergebnis möglich.
Um Himmels Willen! Sie bringen mich auf blöde Gedanken. Aber wir haben eine massive, gute Abwehr, deshalb kommt das überhaupt nicht in Frage.

Ihr Tipp?
Ein Unentschieden ist möglich.

Kommendes Wochenende steht das nächste Derby gegen Fürth an. Welches Spiel ist denn wichtiger?
Das wahre Derby, wie wir es nennen. Also das gegen die Fürther.

Sollte der Club für einen Erhalt des Derbys nicht ein paar Punkte mitschicken? Als eine Art Klassenerhaltshilfe.
Ein absurder Gedanke, junger Kollege. Absurd.

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