René Rydlewicz im Interview

»Blöd sollte man nicht sein«

Nach 19 Jahren kehrt René Rydlewicz dem Profifußball den Rücken. Wir sprachen mit ihm über neue Herausforderungen, die Bedeutung von Bildung im modernen Fußball und das Kinderbuch »Klapperzahns Wunderelf«. René Rydlewicz im InterviewImago

Herr Rydlewicz, beim letzten Interview mit 11Freunde im März 2005 hatten Sie gerade Ihr Handy abgeschafft. Nun haben Sie wieder ein Mobiltelefon. Wann ging es auch für Sie ohne Handy nicht mehr?

(lacht) Seit Ende Juni. Jetzt bin ich ja sportlicher Leiter und da ist es das wichtigste Utensil, das man haben kann – ich glaube, ich bin den ganzen Tag am Telefonieren. Naja und eine kleine »Reserve« für Oma und Opa habe ich die Zeit über schon gehabt.

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Und nervt Sie das ständige Geklingel schon wieder?

Nein. Als Spieler will man natürlich seine Ruhe haben, aber jetzt bin ich froh, wenn das Handy klingelt. Das zeigt, dass sich etwas bewegt.

Nach 19 Jahren Profifußball lassen Sie Ihre Karriere nun beim Verbandsligisten FC Anker Wismar ausklingen. Wie schwer ist Ihnen diese Umstellung gefallen?

Überhaupt nicht schwer. Im Gegenteil: Es ging irgendwie richtig gut. Man hat das Gefühl, zu seinen Wurzeln zurückzukehren und das alles macht unheimlich viel Spaß. Ich mache das mit soviel Freude und Begeisterung, dass ich zuhause von meiner Freundin schon Ärger kriege, weil ich zwölf, dreizehn Stunden für Anker Wismar unterwegs bin. (lacht)

Was ist Ihre Funktion in Wismar?

In der ersten Zeit ging es vor allem darum, für die erste Mannschaft nach Verstärkungen zu suchen und die Planungen für die neue Saison abzuschließen. Der Schwerpunkt meiner Tätigkeit liegt aber auf dem Jugendbereich. Außerdem kümmere ich mich um das Marketing und die Suche nach Sponsoren. Das sind dann die Dinge, die mir vollkommen neu sind. Es gibt unheimlich viel für mich zu lernen und das macht großen Spaß. Denn früher ist man einfach zum Platz gegangen, hat gespielt, hat sein Essen und seine Hotelbuchung bekommen, dann ist man abgeholt worden usw. Das heißt, es ist einem schon viel abgenommen worden. Aber sich selbst um diese Abläufe zu kümmern und dafür zu sorgen, dass sie funktionieren, das ist eben auch sehr spannend.

Als Teammanager kommen auf Sie in Wismar viele neue Aufgaben zu. Haben Sie sich in irgendeiner Form auf ihr Engagement vorbereitet?

Ich hab mir schon einige Dinge angelesen, zum Beispiel Trainingskonzeptionen für Jugendliche. Da habe ich mich erst einmal eingearbeitet. Die meisten Dinge lernt man aber so wirklich erst, wenn man sie selbst macht.

Neben Ihrer Arbeit bei Wismar möchten Sie außerdem den Trainerschein machen. Sehen wir Sie in ein paar Jahren als Bundesligatrainer wieder?

So weit denke ich jetzt nicht. Ich möchte mich einfach in allen Bereichen so ausgiebig wie möglich bilden, um flexibel zu sein und dann wird man sehen was kommt. Mir geht es jetzt vor allem darum, dass ich alles was das Sportliche betrifft, weitergeben und alles was das Drumherum betrifft, lernen kann.

Von Ihnen stammt der schöne Satz: »Wenn wir was im Kopf hätten, wären wir ja nicht Fußballer geworden.« Gilt das denn auch für sportliche Leiter?

(lacht) Nee, nee, das gilt nicht auch für sportliche Leiter. Es ist eher andersherum: Wenn ich nicht ein bisschen was in der Birne hätte, dann hätte man mich wohl auch nicht für so einen Posten genommen. Aber im Ernst: Das war damals eher als Scherz gemeint.

Klären Sie uns auf: Wie muss man sich das Profidasein vorstellen? Bleibt noch Zeit für Weiterbildung neben dem Platz?

Das geht schon, dafür gibt es ja genügend Beispiele wie Matthias Schober oder Ronald Maul (Schalke 04 und Rot-Weiß Ahlen, Anm. d. Red.), die nebenher noch ein Fernstudium machen. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden, ob er das machen kann. Bei mir war es anders: Ich habe wahrscheinlich 1500 Bücher in meiner Profifußballzeit gelesen, aber das war dann eher was fürs Leben und nicht für ein Studium nebenher. Das hätte ich mir nicht zugetraut, muss ich sagen. Für mich war das Lesen vor allem Entspannung.

Was für Bücher lagen denn auf Ihrem Nachttisch?

Ganz verschiedene. Ich habe so ziemlich alles von Ken Follett gelesen, aber auch viele Biographien. Immer dann, wenn ich eine Persönlichkeit spannend fand, habe ich mir ein Buch dazu besorgt. Mit Fußball hatten aber die wenigsten Bücher zu tun, bis vielleicht auf die Biographien von Oliver Kahn und David Beckham. Fußballlehrbücher waren nie so mein Ding, aber dafür habe ich ja jetzt Zeit genug.

Gibt es ein Buch, das Sie vielleicht besonders geprägt hat?

Ein einzelnes Buch eher nicht. Ich bin ein neugieriger Mensch, und deshalb habe ich auch aus fast jedem Buch etwas mitgenommen. Vielleicht »Klapperzahns Wunderelf«, das war mein erstes Buch mit fünf oder sechs Jahren, noch zu DDR-Zeiten. Das ging es um eine Familie mit elf oder zwölf Kindern, die dann eine Fußballmannschaft gegründet haben und ziemlich erfolgreich waren.

Nach dem Ende ihrer Profikarriere verschwinden die meisten Fußballer in der Versenkung. Ist es Ihrer Meinung nach fahrlässig, sich nur auf den Fußball zu konzentrieren?

Ich denke, das muss jeder für sich selbst entscheiden - und jeder ist in dieser Beziehung ja auch anders. Es gibt viele, die spielen Fußball und möchten danach gar nichts mehr mit Fußball zu tun haben. Aber das kann man auch während einer Karriere schwer beurteilen, denn man weiß ja gar nicht, was man möchte. Zum Ende einer Karriere sollte man aber schon den ein oder anderen Gedanken an die Zeit danach verschwenden und sich dementsprechend vorbereiten. Heutzutage hat sich das ja auch geändert, die meisten Fußballer haben Abitur und sind helle Köpfchen. Von daher denke ich, dass es nicht mehr so viele Ex-Profis geben wird, die Schwierigkeiten haben, sich im richtigen Leben zurechtzufinden.

Wann haben Sie zum ersten Mal an die Zeit nach der Profikarriere gedacht?

Für mich gab es eigentlich nie irgendetwas anderes als Fußball. Ich habe mit vier Jahren angefangen Fußball zu spielen und bin ab dann einfach dabei geblieben. Früher wollte ich mal Kindergärtner werden und auch jetzt würde ich gerne mit Jugendlichen zusammenarbeiten. Der Wunsch, diese beiden Dinge miteinander zu verbinden — das war schon immer in mir drin. Von daher gesehen wusste ich schon sehr früh, dass ich so etwas später einmal machen wollte.

Die Persönlichkeit von Fußballern wird gerne auf den Inhalt von 30-Sekunden-Interviews nach dem Schlusspfiff reduziert. Fühlten Sie sich manchmal in den Medien unter Wert verkauft?

Nein, ich hatte eigentlich immer ein ganz ordentliches Verhältnis zu den Medien. Letztendlich, denke ich, muss jeder selbst entscheiden, was er alles mitmacht und was nicht. Wichtig ist aber nur, dass man sich und sein Spiel selbst einschätzen kann. Der Rest ist dann eigentlich egal.

Trotzdem werden Fußballer natürlich auf ihre sportlichen Leistungen reduziert — glauben Sie, dass Profis deshalb generell intellektuell eher unterschätzt werden?

Gut, letztlich geht es ja um das, was man auf dem Platz abliefert. Aber wenn man - zum Beispiel - Artikel über Christoph Metzelder liest, dann kommt schon raus, dass da mehr in der Persönlichkeit steckt als nur der Sportler. Ich denke, im Allgemeinen ist das Image des Fußballprofis nicht mehr so schlecht, dass man sagt: »Mein Gott, man muss schon ein bisschen blöd in der Birne sein, um Profi zu werden«. Das hat sich schon gewandelt.

Die Nationalspieler von heute wissen, was autogenes Training ist, beschäftigen sich mit Psychologie und Taktik, müssen ihr eigenes Spiel und das der Anderen reflektieren. Würden Sie sagen, dass ein bestimmter Bildungsgrad heutzutage einfach erforderlich ist, um Profi zu werden?

Zuallererst zählen natürlich Dinge wie Ehrgeiz, Leistungswillen und auch Begeisterung. Das sind die Grundvoraussetzungen, dass man den Sprung zu den Profis schafft. Aber um dauerhaft erfolgreich zu sein, muss man auch weiter denken: Wie ernähre ich mich richtig? Wie setze ich meine taktischen Vorgaben um? Wie beschäftige ich mich mit meinem Beruf? Also ganz blöde sollte man nicht sein. (lacht)

Was würden Sie einem Ihrer Spieler raten, der vor der Wahl steht: Schule fertig machen oder Profivertrag unterschreiben?

Ich würde immer dazu raten, die Schule fertig zu machen und vielleicht noch eine Ausbildung dranzuhängen. Weil man nie weiß, wie lange der Körper hält oder was passiert. Und wenn man vielleicht nur ein, zwei Jahre Profi ist, dann kann man davon sicherlich auch nicht leben. Deshalb muss man sich erst einmal die Basis für ein vernünftiges Leben ohne Fußball  schaffen. Das ist wichtiger als eine Profikarriere.

Wie war das bei Ihnen?

Ich hatte ziemlich viel Glück. Vom BFC Dynamo Berlin bin ich zu Bayer Leverkusen gekommen, wo ich eine Lehre als Einzelhandelskaufmann angefangen habe. Allerdings hat sich das Sportgeschäft mit dem Verein überworfen, weshalb ich nach zwei von drei Jahren die Lehre abbrechen musste. Gott sei dank konnte ich so lange im Profisport aktiv sein. Diesen Weg würde ich keinem Anderen empfehlen, denn man braucht schon viel Glück, damit das gut geht.

Sehen Sie es dann kritisch, wenn Fußballspieler schon 17, 18 Jahren ihr Debüt in der Bundesliga geben?

Es ist ja nicht unmöglich, nebenher noch seinen Abschluss zu machen. Kritisch sehe ich das nicht, man sieht ja auch in anderen Ländern, dass das funktioniert. Heutzutage wird im Jugendbereich schon sehr auf die Persönlichkeitsbildung geachtet. Man muss als Verein eben entscheiden, ob das Komplettpaket stimmt, das heißt, es zählt nicht nur die Leistung, sondern auch die Persönlichkeit. Und wenn man sieht wie abgeklärt beispielsweise ein Toni Kroos (FC Bayern München, Anm. d. Red.) durch die Gegend läuft, dann kann so ein Spieler sicherlich auch in der Bundesliga spielen.

Welche Rolle spielt das Umfeld, wenn es um Weiterbildung neben dem Platz geht?

Als junger Spieler hat man seine Persönlichkeit noch gar nicht richtig entwickelt und da ist es schon wichtig, dass man viele Leute um sich herum hat, die es auch gut mit einem meinen. Eltern und gute Freunde sind da oft besser als zum Beispiel der ein oder andere Berater.

Wäre es nicht auch Aufgabe von Spielerberatern, ihre Schützlinge auf die Zeit nach der Karriere vorzubereiten?

Das ist so eine Sache. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht: Solange es läuft, sind alle da und begeistert, aber wenn man mal kritische Zeiten hat, dann wird es still um einen. Von daher gesehen finde ich es auch sinnvoll, wenn, wie im Fall Kroos, der Vater oder ein enger Verwandter als Spielerberater fungiert. Denn auf so jemanden kann man sich verlassen und ihm vertrauen. Grundsätzlich sollte man als junger Spieler sowieso nicht so sehr auf das Geld achten, sondern eher darauf, wo man die besten Chancen hat und sich weiterentwickeln kann.

Wie können Sie Ihre Erfahrungen an die jungen Spieler bei Wismar weitergeben?

Als sportlicher Leiter arbeite ich eng mit den Jugendabteilungen zusammen und achte darauf, dass der Schwerpunkt nicht so sehr auf der Leistung der Spieler liegt. Es soll um die Ausbildung des Einzelnen gehen — mannschaftlicher Erfolg kommt erst an zweiter Stelle.  Dafür bespreche ich mich mit den Trainern und versuche möglichst bei jedem Training der Jugendmannschaften dabei zu sein.

Nach Allem was Sie bisher über die Ausbildung von jungen Spielern gesagt haben — wären Sie nicht der perfekte Spielerberater?

Ich hatte das tatsächlich schon einmal angedacht, weil man als ehemaliger Spieler ja auch weiß, was junge Spieler brauchen. Dass eben mehr dazu gehört, als sich bei Vertragsverhandlungen hinzusetzen und das Geld mitzunehmen. Aber jetzt im Moment habe ich so viele andere Sachen zu lernen, auf die ich mich auch freue, dass dafür keine Zeit bliebe. Für später könnte es aber schon eine Option sein. Ich würde dann allerdings versuchen, die Anzahl der betreuten Spieler gering zu halten. Wenn man als Berater fünfzig oder hundert Spieler hat, dann kann man seiner Aufgabe gar nicht mehr gerecht werden. Es ist aber schon jetzt so, dass der ein oder andere mich anruft und um Ratschläge bittet. Da helfe ich dann natürlich gerne.

Gab es denn in Ihrer Zeit als junger Spieler eine Trainerfigur, die Ihnen besonders viel mit auf den Weg gegeben hat?

Ja, auf jeden Fall. Mein erster Trainer bei Chemie Döbern, Klaus Rademacher, und Ulrich Nikolinski bei Energie Cottbus. Beide haben mir nicht nur sportlich einiges beigebracht, sondern sie waren auch immer für mich da und haben mich gefördert. Vor allem Nikolinski, bei dem ich sogar zwei Jahre gewohnt habe. Für ihn war ich eigentlich wie ein Sohn. Morgens hat er mich zur Schule gefahren, anschließend ging es zusammen zum Training. Das war schon sehr schön und auch wichtig für mich.

Im Rückblick: Der Profivertrag und Ihre Karriere liegen vor Ihnen. Würden Sie sich mit dem Wissen von heute in bestimmten Situationen anders verhalten?

Auf jeden Fall. Ich denke, dass mein Wechsel mit 17 Jahren zu früh war. Das hätte ich im Rückblick wahrscheinlich nicht gemacht.

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