René Müller über den WM-Ball

»Aufhören zu jammern!«

Die halbe Fußball-Welt beschwert sich wenige Tage vor dem Start der WM in Südafrika über den neuen Spielball. Wie schlecht ist die bunte Pille wirklich? Wir sprachen mit dem ehemaligen Nationaltorwart René Müller über Bälle und Buffon. René Müller über den WM-Ball

René Müller, der Italiener Gianluigi Buffon hat sich, wie viele seiner Kollegen, über den neuen WM-Ball von Adidas beschwert. Es sei »eine Schande«, mit diesem Ball ein solches Turnier zu bestücken.

Tut mir leid, aber das ganze Jammern kann ich nicht mehr hören. Fußballer der Gegenwart finden immer einen Grund, sich zu beschweren. Wir haben früher auf gefrorenen Böden gespielt, weil es keine Rasenheizung gab. Und trotzdem konnten Fußballspiele angepfiffen werden. Buffon und Kollegen sollen entweder aufhören sich zu beschweren, oder ihre Karriere beenden.

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Aber es geht doch in dieser Diskussion um die Bälle!

Das habe ich wohl verstanden. Und tatsächlich kann ich in diesem Punkt die Kritik der Torhüter verstehen.

Warum?

Dieser Ball, beziehungsweise die Entwicklung des Balles, hat mit Fußball nichts mehr zu tun.

Das müssen Sie uns erklären.

Wenn ein Sportartikelhersteller heute einen neuen Ball auf den Markt wirft, geht es rein um die Verkaufszahlen. Ich frage mich manchmal, wer inzwischen in der Entwicklung sitzt und für die neuen Dinger zuständig ist. Aktive Fußballer sind bei dem WM-Ball jedenfalls ganz offensichtlich nicht zu Rate gezogen worden.

Sie sind als Fußballer in einer Zeit groß geworden, als der Wandel von Lederball zu Synthetikball vollzogen wurde. Welche Eigenschaften hatten die Spielgeräte Ende der siebziger Jahre?

Wir haben auch im Osten schon mit Adidas-Bällen gespielt, das waren nach der WM 1974 die ersten Teile, die sich nicht beim ersten Regenkontakt mit Wasser vollgesogen haben. Zwar aus Leder, aber zumindest im neuwertigen Zustand relativ lange wasserabweisend. Allerdings mussten wir uns auf internationaler Ebene immer erheblich umstellen.

Inwiefern?


In England spielten sie damals mit einem deutlich kleineren und superschweren Ball, der bei Regen mehrere Kilo wog. Als Torwart flogen dir entsprechend richtige Geschosse um die Ohren. Gleichzeitig hatte man bei Abendspielen, beispielsweise in Belfast, Probleme, den Ball überhaupt zu sehen, weil das Flutlicht so schwach war. Und bei uns im Leipziger Zentralstadion war das Licht so hell, dass ich regelrecht geblendet wurde, wenn ein hoher Ball in meinen Strafraum kam. Sie sehen, es gibt immer etwas, über das man sich aufregen kann.

Womit wir wieder beim WM-Ball der Gegenwart wären...

Den habe ich schon lange vor Buffon und Co. testen können, weil wir in Nürnberg das Adidas-Werk gleich um die Ecke haben. Natürlich kann man damit anständig Fußball spielen. Aber vor 20 Jahren hätte ich nicht im Traum daran gedacht, mal mit einem Ball zu spielen, der aussieht und sich anfühlt wie ein Wasserball.

Gibt es denn einen Ball in der Fußball-Geschichte, der Ihnen besonders zusagt?

Der weiße Derbystar gefällt mir ganz gut, der hat ein gewisses Grundgewicht, das ihn auch bei viel Wind nicht aus der Bahn wirft. Und auch der WM-Ball von 1998 ist ein sehr anständiges Spielgerät.

Und 2010 in Südafrika – was sollen die Torhüter denn nun tun?

Aufhören zu jammern und sich an den Wasserball gewöhnen. Alles andere hilft ja auch nicht.


René Müller, 51, stand fast 20 Jahre lang im Tor. Nach 264 Spielen für seinen Heimatverein Lokomotive Leipzig wechselte Müller 1990 zum Lokalrivalen Sachsen Leipzig, später spielte er für Dynamo Dresden in der Bundesliga und ließ seine Karriere beim FC St. Pauli ausklingen. Müller machte 46 Länderspiele für die DDR und galt Mitte der achtziger Jahre als einer der besten Torhüter der Welt.

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