29.02.2008

René C. Jäggi im Interview

»Es kommt zu Wutanfällen«

2002 wurde René C. Jäggi Vorstandsvorsitzender des hochverschuldeten FCK. Heute ist der Verein saniert, doch sportlich am Ende. Wir sprachen mit dem Schweizer über Größenwahn, kriminelle Energie und sein Machtverständnis.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: imago

Es soll ein Gentlemen’s Agreement zwischen FCK-Präsident Norbert Thines und DFB-Präsident Egidius Braun gegeben haben, dass Kaiserlautern ein WM-Spiel bekomme, ohne das Stadion ausbauen zu müssen.

Das höre ich zum ersten Mal. Ich glaube nicht, dass der DFB in der Lage war, sich über FIFA-Richtlinien hinwegzusetzen. Man wollte die WM in die Stadt Fritz Walters holen. Sicherlich hat es auch damit zu tun gehabt, dass in dem Jahr Bundes- und Landtagswahlen stattfanden, und hatte das Land Rheinland-Pfalz ein Interesse daran, 2006 im besten Lichte zu erscheinen.

Für viele ist der Verein eine Herzensangelegenheit. Macht das eine nüchterne Diskussion unmöglich?

Unmöglich! Sie können in Lautern nicht emotionslos über Fußball reden. Das beginnt an der Tankstelle, das beginnt beim Bäcker, das beginnt in den Kneipen. Läuft es gut, merken Sie, wie das Bruttosozialprodukt am Montag steigt, läuft es schlecht, dann leidet die ganze Region. Das macht fachliche Diskussionen unmöglich. Ich hatte es in meinem Leben noch nicht erlebt, dass man so emotional an die Geschichte herangeht. Es kommt zu Wutanfällen, bei denen der gute Ton verloren geht.

Das Anspruchsdenken im Umfeld, die Altlasten, die Sie zu verwalten hatten. Haben Sie manchmal gedacht: »Was habe ich mir bloß angetan?«?


Ja, natürlich! Es ist wie bei jeder schwierigen Aufgabe. Der FCK ist ein ureigener Verein, der natürlich polarisiert. Aber wenn man erstmal dabei ist, dann lässt es einen nicht mehr los. Ich wurde ja auch vom FCK-Virus infiziert! Ich habe den Staffelstab übernommen, bin gelaufen und habe alles gegeben. Dann habe ich ihn weitergegeben und hoffe nun, dass diejenigen, die den Staffelstab jetzt haben, den Verein da unten raus holen.

Sind Sie noch am Betzenberg zu Gast?

Nicht mehr bei jedem Spiel, aber wenn es irgendwie geht, schaue ich es mir an.

Werden Sie herzlich empfangen?

Mit einigen Ausnahmen sind die Leute, die mir begegnen, sehr wohlwollend. Sie sagen: Wenn es die harte Hand nicht gegeben hätte, wäre der Verein heute verschwunden. Am kritischsten fragen sie noch, was ich mir denn für Nachfolger ausgesucht hätte.

Gute Frage.

Ja, aber mit der Ausnahme von Wolfgang Wolf hatte ich mit der Auswahl nichts zu tun.

Die Pharma-Milliardärin Gisela Oeri, die den FC Basel noch unterstützt hatte, zeigte kein Interesse an einem Engagement beim FCK. War das ein Rückschlag für Sie?

Da ist nichts dran. Sie ist Präsidentin des FC Basel, ein Engagement beim FCK stand nie zur Diskussion.

Welche Sponsoren haben Sie dem FCK verschafft?

Ich konnte dem FCK keine Sponsoren verschaffen, weil das gesamte Marketing an »sportfive« übergeben wurde.

Sie ließen alsbald die Geschäftsvorgänge der zurückliegenden fünf Jahre untersuchen. Schließlich stellte Ihnen der Wirtschaftsprüfer PriceWaterhouseCoopers Steuernachzahlungen in Millionenhöhe in Aussicht. Ein Schock?

Ein Schock war vielleicht die Unnachgiebigkeit des Finanzamts Kaiserslautern: »Das muss bezahlt werden, ansonsten machen wir eine Zwangsvollstreckung.« Und es war ein Schock, dass es überhaupt möglich ist, so etwas jahrelang zu machen, ohne dass etwas ans Tageslicht kam. Bei der von Ministerpräsident Beck geführten Mitgliederversammlung 2003 wurden Erwin Göbel und ich beauftragt, alles lückenlos aufzuklären, ohne Rücksicht auf Namen und Titel.

Sie informierten umgehend das Finanzamt über die dubiosen Vorgänge. Wäre es für einen Sanierer nicht auch eine Option gewesen, stillzuhalten, um diese horrende Zahlung zu vermeiden? Immerhin war das Finanzamt nicht von selbst auf die verschleierten Zahlungen gekommen.


Nein! Absolut unmöglich. Ich habe damals, bevor ich zum Finanzamt gegangen bin, mit Prof. Müller Dr. Schickhardt in Mainz beim Staatssekretär Deubel vorgesprochen und habe empfohlen, dass ich das Amt sofort niederlege und es dem FCK überlasse zu tun, was er will. Man hat mir dann die deutsche Rechtsprechung vorgelesen: Wenn ein Vorstandsvorsitzender weiß, dass etwas nicht rechtens ist, hat er die Pflicht, dass anzumelden.

War dieser Moment die Metamorphose des FCK von einem Fußballverein, der Pi mal Daumen verwaltet wird, zu einem Wirtschaftsunternehmen?


Das glaube ich. Wenn man den wirtschaftlichen Teil professionell abspielt, muss man sagen: Ich bin lieber die Nummer 12, und dafür hat alles seine Richtigkeit.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden