29.02.2008

René C. Jäggi im Interview

»Es kommt zu Wutanfällen«

2002 wurde René C. Jäggi Vorstandsvorsitzender des hochverschuldeten FCK. Heute ist der Verein saniert, doch sportlich am Ende. Wir sprachen mit dem Schweizer über Größenwahn, kriminelle Energie und sein Machtverständnis.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: imago
Welche Fehler haben vor allem die Herren Wieschemann und Friedrich gemacht?

Ich richte nicht. Jeder in diesem Geschäft macht Fehler. Wenn man angesichts des Drucks, der von den Medien noch potenziert wird, nicht souverän über den Dingen steht und nur Dinge tut, die man sich auch leisten kann, dann macht man Fehler. Wenn es ins Kriminelle geht, dann sind das unverzeihliche Fehler. Wir haben drei, vier Jahre gebraucht, um das wiederaufzuräumen – und können von Glück reden, dass die Liga damals so großzügig mit uns war und nicht gleich den Zwangsabstieg veranlasst hat.

1999 wurde Weltmeister Djorkaeff geholt, der das sensible Gefüge sprengte.

Djorkaeff ist nur ein Name, Taribo West ein weiterer. Schon vorher gab es Fälle geringerer Größenordnung wie etwa Schjönberg, Sforza und andere. In dem Moment, in dem sie glaubten, sie hätten ein todsicheres System gefunden, in dem die Einkommenssteuer über den Verkauf von Persönlichkeitsrechten umgangen werden kann, war das Problem vorhanden. Obwohl in Frankfurt im Falle von Yeboah schon ein Urteil gesprochen worden war, hat man geglaubt, es gebe ein Pfälzer Modell. Das hat nicht langfristig funktioniert und zum Kollaps geführt.

Welche Transfers waren unter rein sportlichen Gesichtspunkten falsch?


Man hat zu oft auf Leute gesetzt, die im Verhältnis zu ihrem Einkommen nicht das gehalten haben, was sie versprochen hatten. Die erste Verpflichtung von Ciriaco Sforza war gut, die zweite vielleicht schon nicht mehr so gut, die dritte war falsch. Oder Basler: Bei Bremen fantastisch, bei Bayern schon nicht mehr so, bei Lautern ein Stehgeiger. Es gäbe weitere Beispiele von Spielern, die nicht gut genug waren, als der FCK ihre Leistung gebraucht hätte.

Basler, Sforza, Djorkaeff: Drei Namen die das übersteigerte Anspruchsdenken symbolisieren.

Die Stadt Freiburg hat 10.000 Einwohner mehr als Kaiserslautern. Dort lebt man damit, dass es mal hoch geht und mal runter – und trotzdem wird eine gute Jugend- und Aufbauarbeit geleistet. Beim FCK überdehnt man sich ständig, um oben zu bleiben. Nach dem Bosman-Urteil gingen die Spielergehälter in den zweistelligen Millionenbereich. Schon von daher ist es für einen Verein wie den FCK schwierig, sich langfristig in der ersten Liga zu etablieren. Wir hatten zum Schluss ein Budget von 13 Millionen Euro für Spielergehälter – das sind beim FC Bayern Gehaltskosten für zwei bis drei Spieler. Man hat beim FCK einen Zweitligaanzug an, will sich aber mit den ganz großen messen.

Sie bezeichneten Friedrich, Wieschemann und Herzog einmal, als »Scharlatane«. Ist der Pfälzer generell leichtgläubig und ein leichtes Opfer für solche Scharlatane?

Die Pfälzer sind sehr großzügige Menschen, gastfreundlich und haben ein riesiges Herz. Sie werden kaum einen Verein finden, der sich so auf seine Fans verlassen kann – auch in harten Zeiten. Es wird beim FCK ja seit Jahren hartes Brot gegessen. Sie hängen mit dem Herzen am FCK und sind natürlich sehr empfänglich für Heilsversprechen. Wenn man mit solchen Gefühlen so schamlos umgeht, dann muss man als Scharlatan bezeichnet werden.

Hat Ihnen die Begeisterungsfähigkeit der Pfälzer die Arbeit zuweilen selbst erleichtert? Sie gelten als brillanter Rhetoriker.

Kann sein, ich weiß es nicht. Mir ist es geglückt, die Leute zu überzeugen, weil ich dort keine Wurzeln hatte. Einem Kaiserslauterer wäre es bestimmt schwerer gewesen, die Leute von dem dringend notwendigen Stadionverkauf zu überzeugen, zu diesen Summen, in dieser Schnelligkeit. Wenn man da aufgewachsen ist, muss man politische Gepflogenheiten und Seilschaften berücksichtigen. Ich als Auswärtiger konnte relativ schnell und ohne Emotion an die Sache herangehen.

Sie sagten 2002 vorausschickend: „Mich reizt der FCK, aber ich bin ungern der Messias.“ Dennoch: Die Hoffnungen, die auf ihnen ruhten, müssen einen enormen Druck ausgeübt haben.


Keiner wusste, wie schlimm es war. Ich habe von Herrn Kirsch, der damals in der Opposition war, einen Brief bekommen, in dem Dinge erwähnt wurden, die ich dann zusammen mit Dr. Schickhardt und Prof. Müller untersucht habe. Wir sind zu dem schrecklichen Ergebnis gekommen, dass alles noch viel schlimmer war, als Herr Kirsch vermutet hatte. Dann musste man den Leuten klaren Wein einschenken, und sie haben gesagt: »Gott sei Dank ist jetzt jemand da, auf den wir uns verlassen können.« Im Laufe der Zeit hat sich das Blatt zwar langsam gewendet, aber anfangs war enormes Vertrauen in meine Person da.

Wie verschuldet war der Verein eigentlich, als sie ihn 2002 übernommen haben?

65 Millionen Euro.

Laut Jürgen Friedrich basierte der Etat des FCK unter seiner Führung lediglich auf dem Erreichen der 2. Hauptrunde des DFB-Pokal und dem Klassenerhalt.


Wenn Sie sich auf Dinge beziehen, die Herr Friedrich gesagt hat, würde ich Sie bitten, die Gerichtsurteile und die Gutachten der Wirtschaftsprüfer zu lesen. Der Verein war überschuldet, der Verein hatte negatives Eigenkapital, der Verein hatte 65 Millionen Euro Schulden, der Verein hatte ein Papier zum Bau des neuen Fritz-Walter-Stadions unterschrieben, dass alles, was die Summe von 92 Millionen Mark überschreitet, der FCK zahlt – das Stadion hat 150 Millionen Mark gekostet, der Verein hätte also weitere 50 bis 60 Millionen Mark bezahlen müssen. Also alles, was Herr Friedrich in diesem Zusammenhang sagt, das interessiert mich wirklich nicht. Er ist rechtens verurteilt worden.

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