29.02.2008

René C. Jäggi im Interview

»Es kommt zu Wutanfällen«

2002 wurde René C. Jäggi Vorstandsvorsitzender des hochverschuldeten FCK. Heute ist der Verein saniert, doch sportlich am Ende. Wir sprachen mit dem Schweizer über Größenwahn, kriminelle Energie und sein Machtverständnis.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: imago

Herr Jäggi, welche Verbindung hatten Sie zum FCK, bevor Sie 2002 Ihr Amt als Vorstandsvorsitzender antraten?

Ich war Vorstandsvorsitzender von adidas gewesen und hatte von daher engen Kontakt zu Fritz Walter, dem Ehrenspielführer des DFB. Ich war also des öfteren auf dem Betzenberg zu Gast und fand es immer sehr beeindruckend, dort Spiele zu sehen.

Haben Sie bei den Altvorderen Nachhilfestunden in Geschichte genommen, bevor Sie Ihr Amt antraten?

Fritz Walter war leider schon verstorben. Aber ich war durch andere gewarnt, dass der FCK ein nicht ganz alltäglicher Fußballverein ist.

Dennoch dürfte das, was Sie dort erwartete, Ihre Erwartungen übertroffen haben.

Es ist, als wenn Sie zu einem Kapitän sagen: »Jetzt fahr’ mal mit diesem Kutter über den Ozean.« Sicherlich weiß er, was hoher Wellengang bedeutet, aber wenn er auf dem offenen Meer ist, stellt es sich doch anders dar, als er es in den Büchern gelernt hat. Der FCK hat schon ein hochexplosives Umfeld – gerade, wenn es nicht läuft.

Worin bestanden die Unterschiede zwischen Ihrer Mission beim FC Basel und der beim FCK?

In Basel bin ich ein Baseler. Da fällt also das Prädikat »Ausländer« weg. Zudem hatte ich beim FC Basel eine gewisse Anlaufzeit, die dann auch Erfolge zeitigte. Wenn Sie sich heute die Crew anschauen, so ist das immer noch meine Crew. Es ist eine reine Erfolgsgeschichte. Lautern hingegen war ein Verein, der vorm Ertrinken zu retten war.

Stimmt es denn eigentlich, wenn gesagt wird: „Wenn der FCK absteigt, stirbt die Region“?

Die Frage ist: Wohin steigt er ab? Wenn er in die Regionalliga absteigt, wird es natürlich schwer. Aber das betrifft auch andere Städte und ihre Vereine wie etwa Köln oder Saarbrücken, wo Abstiege ähnliche Schockwellen auslösen. In der Pfalz ist es so, dass es schlichtweg keine Alternativen zum FCK gibt, sowohl sportlich als auch kulturell. Von daher stirbt dort schon einiges ab, wenn der Verein nicht zumindest Zweitligafußball spielt.

Sind die exponierte Bedeutung des FCK und auch die Traditionen, die er verkörpert, eine Bürde?

Bei adidas (dort war Jäggi von 1987 bis 1992 Vorstandsvorsitzender, Anm d. Red.) habe ich einmal gesagt: »The heritage is our future.« Aber da gab es keine moderateren Zeugen der Vergangenheit mehr. Bei Lautern treten sie konzentriert auf. Auf dem Betzenberg sitzen ja zudem zwei alte Weltmeister von 1954 und verfolgen die Spiele. Oft heißt es: »Wenn der Fritz Walter das noch erleben würde, der würde sich im Grab umdrehen«, ist das für 19-, 20-jährige Spieler eine enorme Belastung

Auch in der jüngeren Vergangenheit gab es Erfolge zu verzeichnen. Waren die beiden Meistertitel 1991 und 1998 mehr Fluch als Segen?

Meistertitel nimmt man so, wie sie kommen. Man lehnt ja keinen Erfolg ab, weil man ihn nicht verarbeiten kann. Otto Rehhagel, der Meistertrainer von 1998, war eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die in dieses Umfeld gepasst hat. Er war in Lautern sehr erfolgreich – trotzdem hat man ihn aus der Stadt gejagt. Das hat mit den handelnden Personen zu tun. Die standen unter einem enormen Druck, wollten die Geschichte duplizieren. Doch dann mussten sie feststellen, dass es nicht reicht, wenn man einem Pianisten beim Spielen zuschaut, um selbst Klavier spielen zu können. Doch genau das hatten Sie gedacht: »Jetzt haben wir dem Otto Rehhagel zwei Jahre lang zugeguckt, jetzt wissen wir, wie es geht.« Dann haben sie zu Maßnahmen gegriffen, die, wie man in der Zwischenzeit weiß, nicht rechtens waren.

Wo sehen Sie die gravierenden Ereignisse, die aus dem potenten Bundesligisten FCK einen Abstiegskandidaten in der 2. Liga gemacht haben?

Die Frage ist: Wohin gehört der FCK? Der Urfehler war, sich nach der Meisterschaft permanent unter Druck zu setzen – mit Leuten, die das Kaliber nicht hatten, damit umzugehen, wenn es nicht klappt. Sie haben versucht, mit allen möglichen Mitteln zu Erfolg zu kommen. Der zweite Fehler war – das sage ich jetzt mit einiger Distanz –, sich um die Weltmeisterschaft zu bewerben. Das hatte etwas Großspuriges. Wenn man sieht, wie viele Millionen in diesen Verein flossen und dann gleich wieder raus... Aus politischen Gründen dem Bauunternehmen Philipp Holzmann in Liquidation ein Bauvolumen über 90 Millionen Mark zu geben – das war grob fahrlässig. Es ist eine lange Kette von Fehlentscheidungen, von Irrläufern der Emotion. Das hat dazu geführt, dass das wirtschaftliche Umfeld im Prinzip null war, es gab keine Sponsoren mehr. Wenn der Dr. Pohl von der DVAG dem Verein nicht die Stange gehalten hätte, dann gäbe es diesen Verein nicht mehr. Es sind weit über 50 Millionen, die von ihm in den Verein geflossen sind.

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