René Adler über Selbstzweifel

»Ich feiere mich nicht ab«

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Herr Adler, als was fühlen Sie sich: als Deutschlands Nummer eins, Deutschlands vorläufige Nummer eins oder als Vertreter von Deutschlands Nummer eins?

Schwierige Frage. Mir liegt es fern, öffentlich irgendetwas einzufordern oder Kollegen zu beurteilen. Ich weiß, dass das Leistungsprinzip oberstes Gebot ist. Also werde ich mich im Training anbieten und versuchen, in den Länderspielen mein Bestes zu geben. Wenn ich das schaffe, habe ich auf Sicht ganz gute Karten.

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Für das Publikum sind Sie die Nummer eins. Bei Ihrem Länderspieldebüt gegen Russland wurden Sie gefeiert.

Das bedeutet mir unheimlich viel – weil ich damit nie gerechnet hätte.

Woran liegt die Wertschätzung? An Ihrer Person? Oder an Ihrem Torwartspiel?

Das weiß ich nicht. Es ist nicht so, dass ich nur für die Fans spiele. Ich spiele so, wie ich es für richtig halte. Ich will authentisch sein. Die Leute merken, wenn jemand ein Schauspiel abliefert.

Wieso ist Ihnen die Anerkennung wichtig?

Ich weiß, wie es ist, Fan zu sein, im Block zu stehen und nach dem Spiel eine Stunde auf ein Autogramm zu warten. In Leipzig war ich Balljunge, da war ich immer ganz heiß darauf, von den Torhütern die Handschuhe zu kriegen. Ich war der Erste, der hinter dem Tor stand. Deshalb habe ich auch so einen hohen Handschuhverschleiß – weil ich viele verschenke.

Was haben Sie mit den Handschuhen gemacht?

Was soll ich damit gemacht haben? Die habe ich angezogen. Meist waren die zwei, drei Nummern zu groß. Da habe ich sie halt enger zusammengeschnürt. Ich hatte schon immer gutes Material, damit ich professionell arbeiten konnte.

Sie haben mal gesagt, Sie seien im Spiel immer auf Ballhöhe und versuchten, ein, zwei Situationen vorauszudenken.

Ich versuche zu erkennen, was der Gegner macht oder machen kann: Wie steht der Ballführende? Welche Möglichkeiten hat er? Kann er den Ball in die Tiefe spielen? Vor allem: Kann ich einen oder zwei Schritte vorgehen, um einen Vorsprung zu haben? Die offensive Spielweise habe ich mir in der Jugend angeeignet. Das hat nichts mit Spekulieren zu tun, ist auch kein Hokuspokus. Das sind Situationen, die sich in jeder Saison etliche Male wiederholen. Wenn ich rausgehe, gehe ich davon aus, dass ich den Ball auch kriege.

Muss man dem Gegner einen Zug voraus sein, weil das Spiel so schnell geworden ist?

Es gibt kein Muss. Ich will agieren und nicht darauf reagieren, was der Gegner macht. Dann ist es meistens zu spät.

Würden Sie sagen, diese Art des Spiels macht Sie zu einem modernen Torhüter?

Was heißt modern? Im Endeffekt geht es darum, möglichst kein Tor zu kassieren. Wie ein Torwart das schafft, ist seine Sache. Das ist auch gut so. Meine Art, das Fußballspiel zu interpretieren, ist ein gewachsenes Ding, das ich mir über viele Jahre angeeignet habe.

Wie haben Sie das gemacht?

Indem ich im Training neue Sachen ausprobiert habe, die ich bei anderen sah. Schon als Jugendlicher habe ich auf den Torhüter geachtet: Wo steht er bei Eckbällen? Wo bei Freistößen? Wie rollt er sich ab? Ich habe das nachgemacht. So wächst der individuelle Stil. Tag für Tag.

Bei wem haben Sie sich etwas abgeschaut?

Ich könnte etliche Namen nennen, Oliver Kahn, Jens Lehmann, Stefan Klos etcetera. Und Peter Schmeichel. Er war mein großes Idol. Seine Präsenz und seine Dominanz im Strafraum waren unglaublich. Als er einmal mit Sporting Lissabon in der Champions-League in Leverkusen gespielt hat, ist Rüdiger Vollborn …

… Ihr Ziehvater und Torwarttrainer …

… mit mir zu ihm gegangen. Schmeichel hat sogar mit mir geredet, hat mir seine Handschuhe und sein Trikot geschenkt. Die Handschuhe trug ich einmal beim Training – um mit seinen Handschuhen gespielt zu haben. Danach habe ich sie weggelegt. Die haben einen Ehrenplatz.

Sie schwärmen ja. Sonst sind Sie ein eher rationaler Typ, oder?

Ja, absolut. Ich mache sehr viel mit dem Kopf. Der Kopf ist das Entscheidende. Ab einem gewissen Niveau haben alle Torhüter etwa die gleichen Grundlagen, dann hängt es nur daran, ob du mental stark bist, dich nicht unter Druck setzen lässt und Vertrauen in dein Spiel hast.

Trainieren Sie ihren Kopf?

Wenn ich bei der Nationalmannschaft bin, arbeite ich mit unserem Sportpsychologen zusammen. Ich lese auch sehr viel darüber. Auf diesem Gebiet kann ich noch viel an Stärke hinzugewinnen.

Denken Sie inzwischen anders über sich und Ihre Position nach?

Auf jeden Fall. Ich bin ja jetzt Nationalspieler. Manchmal denke ich vielleicht sogar zu viel nach. Es gibt niemanden, der kritischer zu mir ist als ich selbst.

Gibt es für Sie das perfekte Spiel?

Perfekt wird man nie. Man kann versuchen, nah ans Optimum heranzukommen. Das ist mein Ziel.

Die Leute, die Sie in Ihrem ersten Bundesligaspiel gesehen haben, sagen: René Adler war da schon nah am Optimum.

Sie müssen wissen, dass ich vor diesem Spiel in Schalke ein halbes Jahr verletzt und gerade erst wieder zwei Wochen im Training war. Das war also nicht alltäglich. Ich habe einfach versucht, das Spiel zu genießen. Wir haben 1:0 gewonnen, die Bälle kamen richtig gut, für mich war dieses Spiel wie gemalt. Aber man kann die Stärke eines Torhüters nicht an einem Spiel festmachen. Du musst über Jahre hinweg konstant spielen. Nach fünf oder zehn Jahren will ich sagen können: Ich habe mich weiterentwickelt.

Kennen Sie denn gar keine Selbstzweifel?

Doch, die kennt jeder Mensch. Das ist bei mir nicht anders. Aber in unserer Branche darfst du deine Zweifel nicht zeigen.

Ruhe haben Sie auch bei Ihrem Debüt in der Nationalmannschaft ausgestrahlt. Haben Sie sich die Aufzeichnung des Spiels gegen Russland inzwischen einmal angesehen?

Bisher noch nicht.

Ihr Konkurrent Robert Enke war ein wenig irritiert, wie euphorisch der Fernsehkommentator Ihre Leistung besprochen hat.

Das kann ich verstehen. Ich will meine Leistung nicht schlecht machen. Ich habe sicherlich meinen Teil dazu beigetragen, dass wir 2:1 gewonnen haben. Aber ich habe dieses Spiel nie überbewertet. Es war von mir eine normale, gute Leistung, aber sicher keine überragende. Und schon gar nicht das Spiel meines Lebens.

Der Kicker hat Ihnen eine 1,5 gegeben.

Da habe ich auch ein bisschen gestaunt. Ich will nicht sagen, dass alles besser gemacht wurde, als es war. Aber ich kann das schon einschätzen. Nach guten Spielen feiere ich mich nicht ab, ich habe aber auch kein Problem, Fehler zuzugeben.

Nach dem Gegentor gegen England haben Sie darauf beharrt, gefoult worden zu sein.

Ich habe gedacht, dass die Aktion abgepfiffen wird, selbst nach dem Spiel war ich noch überzeugt, dass es ein Foul war. Aber ich habe die Situation noch einmal analysiert. An dem Tor habe ich sicher eine Aktie. Ich weiß jetzt, dass ich mit beiden Fäusten zum Ball gehen muss, auch energisch gegen den Gegenspieler, dann hätte ich den Ball sicher gekriegt.

Hatten Sie das Gefühl, dass man regelrecht auf einen Fehler von Ihnen gewartet hat?

Das ist doch normal. Ich habe zweieinhalb Jahre lang keinen Fehler gemacht, der zu einem entscheidenden Tor geführt hat. Dass dann gesucht wird, vielleicht auch um den Konkurrenzkampf unter den Torhütern anzuheizen, ist nur logisch.

Ihr Torwarttrainer Rüdiger Vollborn hat gesagt, er habe sich das für Sie gewünscht.

Als wir uns nach dem Spiel gesehen haben, hat er mich angelacht. Ich wusste genau, was er meint. Die Woche war sehr lehrreich für mich, sie war auch nicht einfach – weil ich mich zum ersten Mal der Kritik stellen musste. Ich bin für diese Situation sehr dankbar.

Warum?

Ich glaube, dass alles Negative etwas Gutes hat. So war es auch mit meiner Schulterverletzung im Sommer. Natürlich war es bitter für mich, für das erste Länderspiel nach der EM abzusagen. Aber für mich ist keine Welt zusammengebrochen. Ich konnte in den drei Wochen gezielt meine körperlichen Defizite aufarbeiten, weil ich ein bisschen kaputt war.

Es wurde kolportiert, dass Sie das Training bei der EM körperlich überfordert habe.

Das habe ich gelesen. Ich weiß nicht, was damit bezweckt wird, ob das Meinungsmache ist. Fakt ist, dass ich sehr viel trainiert habe, Zusatzschichten en masse eingelegt habe, weil mir klar war, dass ich während des Turniers nicht zum Einsatz komme. Das habe ich für mich gemacht.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Robert Enke, Ihrem Konkurrenten?

Sehr gut. Bei der EM durfte ich mit Robert trainieren, da habe ich ihn zum ersten Mal bewusst als Teamkameraden wahrgenommen. Er ist ein sehr ausgeglichener und ruhiger Typ, der über viel Erfahrung, auch Lebenserfahrung verfügt. Als junger Torwart kannst du zu ihm aufschauen. Ich habe mit ihm das Gespräch gesucht, ihm Fragen gestellt, um möglichst viel für mich mitzunehmen. Robert hat immer ein offenes Ohr gehabt.

Bei der Nationalmannschaft müssen Sie sich einem Konkurrenzkampf stellen. Stört Sie das?

Tendenziell bin ich eher der Typ, der Rückhalt braucht. Aber in der Nationalmannschaft ist es nun mal anders. Die Situation kenne ich aus dem Verein so nicht, sie ist neu für mich, aber auch daran werde ich wachsen.

Einen zweiten Torwartkrieg wird es also nicht geben.

Der Konkurrenzkampf wird über die Leistung auf dem Platz entschieden, da muss ich keinen Nebenkriegsschauplatz eröffnen. Das liegt absolut nicht in meinem Interesse. Ich glaube, es gibt zurzeit genug andere Probleme.

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