Rekordabsteiger Jürgen Rynio über große Niederlagen

»Ich bekam Drohbriefe«

Jürgen Rynio stieg als Torhüter mit fünf Vereinen aus der Bundesliga ab. Wir sprachen mit dem Rekordabsteiger über Partynächte im »Na Nü«, ertrickste Meistertitel und das Kunststück, als Manager auf- und als Spieler wieder abzusteigen.

Jürgen Rynio, der 34. Spieltag steht bevor. Lässt Sie das als Rekordabsteiger reflexhaft zusammenzucken?
Nein, natürlich nicht. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, dass ich gegen Ende jeder Saison über meine Abstiege Auskunft geben muss. Ich bin dafür eben Experte (lacht).

Sie sind mit Karlsruhe, Nürnberg, Dortmund, St. Pauli und Hannover aus der Bundesliga abgestiegen. Mit dem KSC gar in Ihrer ersten Profisaison. Im Rückblick ein schlechtes Omen?
Nein, ich war erst neunzehn Jahre und kam von Eintracht Gelsenkirchen zum KSC. Die Karlsruher hatten in den Jahren zuvor schon stets Mühe gehabt, in der Liga zu bleiben. Ich habe einfach versucht, meinen Job zu machen, was trotz des Abstiegs ganz gut geklappt hat. Gegen Ende der Saison wurde ich erstmals in den Nationalmannschaftskader berufen.

Also ein Abstieg mit gemischten Gefühlen?
Natürlich war es traurig, aber ich habe mir gesagt: Du kannst nichts dafür, du hast gut gespielt, die Nominierung ist der Beweis dafür.

Sie gingen zum Deutschen Meister nach Nürnberg. Und stiegen 1969 erneut ab.
Das war ein Schock und von allen Abstiegen der Schlimmste. Ich wechselte zur darauffolgenden Saison nach Dortmund, die knapp die Klasse gehalten hatten. Am vorletzten Spieltag hatten wir nur 2:2 gegen den BVB gespielt, später hat dann ein Nürnberger Mitspieler behauptet, ich wäre mit Dortmund schon einig gewesen und hätte die Bälle absichtlich reingehen lassen.

Was aber nicht stimmte?
Natürlich nicht. Die Anfrage von Dortmund kam erst am Tag nach unserem Abstieg und wären wir mit dem Club dringeblieben, wäre ich auch nicht gewechselt. So verleumdet zu werden, hat mir sehr weh getan. Und tut es immer noch. Übrigens mit schlimmen Folgen: Erboste Nürnberger Anhänger schickten mir Drohbriefe. Erst vor zwei Jahren kam das letzte Schreiben.

Was muss denn eigentlich schief laufen, um als Meister abzusteigen?
Einiges. Trainer Max Merkel hatte Leistungsträger wie Mittelstürmer Franz Brungs verkauft, ohne sie adäquat zu ersetzen. Hinzu kam eine verkorkste Vorbereitung, in der Merkel Höhentraining ausprobierte und uns im Kleinwalsertal stundenlang Berge hinunterlaufen ließ. Wir haben Monate gebraucht, um uns von diesen Strapazen zu erholen. Dummerweise hatten wir eine Saison zu spielen.

Von Ihrem damaligen Mitspieler Leo Leupold gibt es ein berühmte Foto, auf dem er weinend den Platz verlässt. Haben Sie auch Tränen vergossen?
Das weiß ich nicht mehr, aber ich war natürlich sehr geschockt und traurig. In der Kabine war das für alle ein totaler Zusammenbruch. Abends trafen wir uns nochmal, das war das frustrierendste Abendessen überhaupt. Der Präsident war bemüht, direkt Vertragsgespräche zu führen. Aber darauf hatte niemand Lust. Ein schlimmer Abend.

Aber es ist sich niemand an die Gurgel gegangen?
Nein, das habe ich nie erlebt. Wobei in Nürnberg die Stimmung in den Wochen zuvor eher schlecht war. Es gab ein ganz hässliches Rumgeeiere bezüglich einer Nichtabstiegsprämie, das hat noch mal zusätzlich Unruhe ins Team gebracht. Wobei Geld in so einer Situation ohnehin ein blöder Anreiz ist. Niemand will absteigen, wer da einen zusätzlichen Ansporn braucht, dem ist nicht mehr zu helfen. Man hätte ja sagen können: Wenn wir drin bleiben, machen wir alle gemeinsam eine Tour nach Hawaii oder so. Das wäre vielleicht ein Ansporn gewesen.

Sie gingen dann nach Dortmund, wo es zunächst recht gut lief.
Ja, in meinem ersten Jahr wurden wir Fünfter, anschließend landeten wir im Mittelfeld. Aber irgendwann war unsere Mannschaft überaltert und 1972 stiegen wir ab. Der Fehler war, dass man einen rigorosen Schnitt machte und die alten Spieler Knall auf Fall durch junge ersetzte, die aber noch nicht so weit waren. Wieder ein Führungsfehler.

Sie hatten da bereits eine gewisse Routine im Absteigen. War es trotzdem schmerzhaft?
Ja, sogar in doppelter Hinsicht. Ich hatte mir im Laufe der Saison einen schweren Bandscheibenvorfall zugezogen, konnte nur mit Schmerzmitteln spielen und musste schließlich operiert werden. Davon habe ich mich nie richtig erholt. In Dortmund saß ich in der Zweiten Liga plötzlich auf der Bank und ohne Schmerzmittel ging nichts mehr. Das ging bis hin zum Tablettenmissbrauch.

Wie bitte?
Zeitweise habe ich sechs Schmerztabletten am Tag genommen, um überhaupt noch trainieren zu können. In den Nebenwirkungen stand das Wort »Blutbildverändernd«. Das alleine klang schon gruselig und ich wusste, dass es so nicht weitergehen konnte. Also habe die Dosis wieder reduziert und die Tabletten im Training weggelassen. Das hat dann zwar höllisch wehgetan, war mir aber lieber so. Nach dem Karriereende war augenblicklich Schluss mit den Tabletten.



Über Rot-Weiss Essen ging es 1976 zum FC St. Pauli, mit dem Sie in die Bundesliga aufstiegen. Um anschließend direkt wieder abzusteigen. 
Uns hat dort das Geld für ordentliche Verstärkungen gefehlt. Zudem waren mit Walter Frosch und Manfred Mannebach zwei Leistungsträger lange verletzt. Aber entscheidend war etwas anderes.

Nämlich?
Um mehr Zuschauereinnahmen zu erzielen, trugen wir die großen Spiele im Volkspark aus, wo wir aber nie etwas holten. Am Millerntor, in diesem kleinen, engen Hexenkessel, waren wir ungeschlagen. Hätten wir alle Heimspiele dort ausgetragen, hätten wir die Klasse halten können. Diese Entscheidung hat letzten Endes sogar die Deutsche Meisterschaft entschieden.

Wie das?
Am letzten Spieltag der Saison 1977/78 kam Tabellenführer Köln zu uns, parallel spielte Gladbach, der punktgleiche Zweite, gegen Dortmund. Um noch Meister zu werden, brauchte Gladbach ein hohes Ergebnis und schlug Dortmund schließlich auch mit dem legendären 12:0. Die Kölner besiegten uns aber zeitgleich mit 5:0 und wurden mit zwei Toren Differenz denkbar knapp Meister. Sie konnten dieses Ergebnis aber nur durch einen Trick erzielen.

Durch welchen?
Die Kölner bestellten 15.000 Auswärtskarten, weswegen wir das Spiel in den Volkspark verlegen mussten. Dann nahmen sie aber nur 2000 Karten davon in Anspruch und wir spielten im ungeliebten Volksparkstadion quasi vor leeren Rängen. Ich bin mir sicher, dass das Ergebnis am Millerntor anders ausgefallen wäre. Für diesen Kniff sind die Kölner im Nachhinein vom DFB auch noch bestraft worden.



Für St. Pauli ging es wieder in die Zweite Liga.
Aber immerhin hatten wir in dieser Saison das Derby gegen den HSV gewonnen. Eine Hamburger Zeitung tippte 7:0 gegen uns, den Artikel hängte unser Trainer Diethelm Ferner wortlos in der Kabine auf. Mehr Motivation ging nicht – wir schlugen den HSV mit 2:0! Eine unglaubliche Party folgte, die Fans stürmten unsere Kabine, erwachsene Männer weinten hemmungslos und wir feierten eine ganze Woche durch.

Eine Entschädigung für den Abstieg?
Vielleicht. Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass uns die Fans den Abstieg übel nahmen. Wir aus dem Team trafen uns abends in unserer Stamm-Disco »Na Nü«, wo wir oft nach den Spielen waren, weil wir da unsere Musik spielen konnten. Auch an dem Abend, an dem der Abstieg feststand, hatten wir dort eine kleine Zusammenkunft. Ein Abgesang sozusagen. Mit der Truppe von damals treffen wir uns übrigens immer noch einmal im Jahr. Allerdings nicht mehr im »Na Nü« (lacht).

Sie wechselten anschließend zu Hannover 96, wo 1986 Ihr vielleicht skurrilster Abstieg folgte.
Bei 96 in der Zweiten Liga war ich zweiter Torhüter, Torwarttrainer, Co-Trainer, Pressesprecher und Manager in einer Person. Vom Büro ging es auf den Trainingsplatz, von da in die Pressekonferenz und anschließend wieder zurück ins Büro. Dann sind wir überraschend aufgestiegen und obwohl mir die Kaderzusammenstellung in der Zweiten Liga gut gelungen war, traute ich mir die Aufgabe als Bundesliga-Manager nicht zu. Also habe ich den Managervertrag gekündigt, blieb als zweiter Keeper und machte nebenher meinen Trainerschein.

Sie schafften schließlich das Kunststück, als Manager auf- und als Spieler abzusteigen.
Das ich tatsächlich noch einmal spielen würde, war nicht geplant. Zwischendurch war ich ja sogar schon Interimstrainer gewesen, als Werner Biskup im November 1985 entlassen worden war. Zwei Wochen vor Saisonende verletzte sich unser Stammkeeper Ralf »Ralle« Rapps. Da war klar, dass ich noch mal ran musste. Also hatte ich eine Woche Zeit, um mich auf die Bayern vorzubereiten.

Ein bisschen wenig.
Ja, ich hatte anderthalb Jahre nicht mehr gespielt und die Bayern schenkten mir fünf Stück ein. Die Woche drauf verloren wir in Stuttgart mit 0:7, Michael Nushöhr verwandelte drei Elfmeter gegen mich. Ein weiterer Rekord (lacht).

Frage an den Experten: Was raten Sie den Spielern, die es am Wochenende erwischen wird?
Weitermachen, nach vorne gucken, alles andere bringt nichts. Es gibt Schlimmeres als den Abstieg aus der Bundesliga. Auch wenn es schwer fällt, das in dem Moment zu glauben.

Und wie verhindert man den Abstieg?
Kontinuität beim Trainer ist ganz wichtig. Schauen Sie nach Braunschweig: die stehen das ganze Jahr unten drin und lassen Thorsten Lieberknecht trotzdem weitermachen, weil sie wissen, dass er gute Arbeit leistet. In Augsburg war es letztes Jahr ähnlich. Andere Klubs schmeißen alle paar Wochen den Trainer raus und dann darf ein anderer kurz ran, bis auch der gehen muss.

Etwa der HSV oder Nürnberg, die beiden anderen Kellerkinder.
Genau. In Braunschweig ist das anders, deswegen tippe ich auch, dass die Eintracht noch auf den Relegationsrang springt. 

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