09.05.2014

Rekordabsteiger Jürgen Rynio über große Niederlagen

»Ich bekam Drohbriefe«

Jürgen Rynio stieg als Torhüter mit fünf Vereinen aus der Bundesliga ab. Wir sprachen mit dem Rekordabsteiger über Partynächte im »Na Nü«, ertrickste Meistertitel und das Kunststück, als Manager auf- und als Spieler wieder abzusteigen.

Interview: Stephan Reich Bild: Imago

Jürgen Rynio, der 34. Spieltag steht bevor. Lässt Sie das als Rekordabsteiger reflexhaft zusammenzucken?
Nein, natürlich nicht. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, dass ich gegen Ende jeder Saison über meine Abstiege Auskunft geben muss. Ich bin dafür eben Experte (lacht).

Sie sind mit Karlsruhe, Nürnberg, Dortmund, St. Pauli und Hannover aus der Bundesliga abgestiegen. Mit dem KSC gar in Ihrer ersten Profisaison. Im Rückblick ein schlechtes Omen?
Nein, ich war erst neunzehn Jahre und kam von Eintracht Gelsenkirchen zum KSC. Die Karlsruher hatten in den Jahren zuvor schon stets Mühe gehabt, in der Liga zu bleiben. Ich habe einfach versucht, meinen Job zu machen, was trotz des Abstiegs ganz gut geklappt hat. Gegen Ende der Saison wurde ich erstmals in den Nationalmannschaftskader berufen.

Also ein Abstieg mit gemischten Gefühlen?
Natürlich war es traurig, aber ich habe mir gesagt: Du kannst nichts dafür, du hast gut gespielt, die Nominierung ist der Beweis dafür.

Sie gingen zum Deutschen Meister nach Nürnberg. Und stiegen 1969 erneut ab.
Das war ein Schock und von allen Abstiegen der Schlimmste. Ich wechselte zur darauffolgenden Saison nach Dortmund, die knapp die Klasse gehalten hatten. Am vorletzten Spieltag hatten wir nur 2:2 gegen den BVB gespielt, später hat dann ein Nürnberger Mitspieler behauptet, ich wäre mit Dortmund schon einig gewesen und hätte die Bälle absichtlich reingehen lassen.

Was aber nicht stimmte?
Natürlich nicht. Die Anfrage von Dortmund kam erst am Tag nach unserem Abstieg und wären wir mit dem Club dringeblieben, wäre ich auch nicht gewechselt. So verleumdet zu werden, hat mir sehr weh getan. Und tut es immer noch. Übrigens mit schlimmen Folgen: Erboste Nürnberger Anhänger schickten mir Drohbriefe. Erst vor zwei Jahren kam das letzte Schreiben.

Was muss denn eigentlich schief laufen, um als Meister abzusteigen?
Einiges. Trainer Max Merkel hatte Leistungsträger wie Mittelstürmer Franz Brungs verkauft, ohne sie adäquat zu ersetzen. Hinzu kam eine verkorkste Vorbereitung, in der Merkel Höhentraining ausprobierte und uns im Kleinwalsertal stundenlang Berge hinunterlaufen ließ. Wir haben Monate gebraucht, um uns von diesen Strapazen zu erholen. Dummerweise hatten wir eine Saison zu spielen.

Von Ihrem damaligen Mitspieler Leo Leupold gibt es ein berühmte Foto, auf dem er weinend den Platz verlässt. Haben Sie auch Tränen vergossen?
Das weiß ich nicht mehr, aber ich war natürlich sehr geschockt und traurig. In der Kabine war das für alle ein totaler Zusammenbruch. Abends trafen wir uns nochmal, das war das frustrierendste Abendessen überhaupt. Der Präsident war bemüht, direkt Vertragsgespräche zu führen. Aber darauf hatte niemand Lust. Ein schlimmer Abend.

Aber es ist sich niemand an die Gurgel gegangen?
Nein, das habe ich nie erlebt. Wobei in Nürnberg die Stimmung in den Wochen zuvor eher schlecht war. Es gab ein ganz hässliches Rumgeeiere bezüglich einer Nichtabstiegsprämie, das hat noch mal zusätzlich Unruhe ins Team gebracht. Wobei Geld in so einer Situation ohnehin ein blöder Anreiz ist. Niemand will absteigen, wer da einen zusätzlichen Ansporn braucht, dem ist nicht mehr zu helfen. Man hätte ja sagen können: Wenn wir drin bleiben, machen wir alle gemeinsam eine Tour nach Hawaii oder so. Das wäre vielleicht ein Ansporn gewesen.

Sie gingen dann nach Dortmund, wo es zunächst recht gut lief.
Ja, in meinem ersten Jahr wurden wir Fünfter, anschließend landeten wir im Mittelfeld. Aber irgendwann war unsere Mannschaft überaltert und 1972 stiegen wir ab. Der Fehler war, dass man einen rigorosen Schnitt machte und die alten Spieler Knall auf Fall durch junge ersetzte, die aber noch nicht so weit waren. Wieder ein Führungsfehler.

Sie hatten da bereits eine gewisse Routine im Absteigen. War es trotzdem schmerzhaft?
Ja, sogar in doppelter Hinsicht. Ich hatte mir im Laufe der Saison einen schweren Bandscheibenvorfall zugezogen, konnte nur mit Schmerzmitteln spielen und musste schließlich operiert werden. Davon habe ich mich nie richtig erholt. In Dortmund saß ich in der Zweiten Liga plötzlich auf der Bank und ohne Schmerzmittel ging nichts mehr. Das ging bis hin zum Tablettenmissbrauch.

Wie bitte?
Zeitweise habe ich sechs Schmerztabletten am Tag genommen, um überhaupt noch trainieren zu können. In den Nebenwirkungen stand das Wort »Blutbildverändernd«. Das alleine klang schon gruselig und ich wusste, dass es so nicht weitergehen konnte. Also habe die Dosis wieder reduziert und die Tabletten im Training weggelassen. Das hat dann zwar höllisch wehgetan, war mir aber lieber so. Nach dem Karriereende war augenblicklich Schluss mit den Tabletten.

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