Reiseveranstalter Wolfgang Vieten über die WM

»Es war keine Vollkatastrophe«

Reiseveranstalter Wolfgang Vieten organsiert seit 1985 Sportreisen in die ganze Welt. Tim Jürgens sprach mit ihm über mediale Katastrophenwarnungen, leere Hotelzimmer und russische Verhältnisse in der Ukraine. Reiseveranstalter Wolfgang Vieten über die WMTim Jürgens

Wolfgang Vieten, sind Sie als Reiseveranstalter mit der WM in Südafrika zufrieden? 

Es geht. Ursprünglich hatten wir gehofft, etwa 1500 bis 2000 deutsche Anhänger nach Südafrika zu bringen. Aber aufgrund der negativen Berichterstattung in Deutschland haben viele erst gar nicht gebucht.

Was meinen Sie konkret? 

Es war eine Frechheit, was in den Medien abgelaufen ist. Ich selbst habe in einem Sender ein Interview gegeben, in dem ich die Situation hier in Südafrika so geschildert habe, wie sie ist: ausnahmslos positiv. Der Bericht endete aber mit dem Hinweis an die Zuschauer: »Sollten sie doch nach Afrika reisen, passen Sie auf, dass sie folgenden Gewaltverbrechern nicht über den Weg laufen«. Dann wurden Fotos von Mördern und Vergewaltigern gezeigt. Stellen Sie sich mal vor, jemand plant einen Urlaub in Deutschland und bekommt von TV-Sendern in seiner Heimat vorab die Verbrecherkartei aus »Aktenzeichen XY…« vorgelegt.

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Wie viele WM-Touristen sind letztlich gekommen? 

Mit rund 1000 Besuchern haben wir etwa die Hälfte aller organisierten Reisen für Deutsche nach Südafrika durchgeführt. Dazu kamen sehr viele Leute, die Flüge und Hotels über uns gebucht hatten. Die WM war also auch nicht die Vollkatastrophe für uns.

Wie viele Leute sind insgesamt aus Deutschland hierhergekommen? 

Ich schätze, es waren rund 2000, die über Reiseagenturen ihren Trip zur WM gebucht haben, etwa genauso viele sind auf eigene Faust nach Südafrika gereist.

Warum waren Sie vorab so optimistisch, was die Buchungen nach Südafrika anbetrifft? 

Weil die Leute unser Know-how hier unten brauchen. Ein Hotelzimmer bei der EM in Österreich kann jeder buchen, aber hier verlässt man sich eben auf die Angebote eines erfahrenen Veranstalters.

In Deutschland wurde immer wieder die mangelnde Sicherheit angeprangert. Sind Gäste von Ihnen in Südafrika ausgeraubt worden? 

Zweien wurde das Portemonnaie gestohlen –  einem am Frankfurter Flughafen , einem bei der Anreise im ICE ab Bonn.  Und dafür können wir den Südafrikanern nun wirklich nicht die Schuld geben.

Wie groß sind die finanziellen Einbußen, die Ihr Unternehmen durch die WM erleidet? 

Wir schreiben schwarze Zahlen, aber es hätte wesentlich besser laufen können. Ohne die Erfahrung von den vielen Turnieren vorher, hätten wir in Südafrika definitiv viel Geld verloren.

Welche Erfahrungen? 

Dass wir in der Lage waren, bis Februar 2010 noch etliche Zimmer in unseren 98 Hotels zu stornieren. Bis zum Oktober bestand ja auch immer noch die theoretische Möglichkeit, dass Deutschland sich gar nicht qualifiziert.

Wie haben die Hoteliers reagiert? 

Zu vielen haben wir seit 2007 ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut, die waren in den meisten Fällen sehr kulant. Aber es war natürlich sehr unschön, weil die jetzt auf den Kosten sitzen bleiben. Ein Beispiel: Vergangenes Jahr haben wir in Pretoria ein Hotel besucht, rund 20 Zimmer, nette Gegend, alles prima. Allerdings waren die Badezimmer dort Teil des Schlafzimmers. Wenn zwei Freunde zusammen in den Urlaub fahren, finden die das nicht unbedingt toll, dem anderen beim Duschen zuzusehen. Also haben wir die Betreiber gebeten, Türen als Sichtschutz einzubauen. Die haben es für viel Geld verändern lassen – aber am Ende mussten wir das Hotel in Ermangelung an Anfragen stornieren.

Gab es ansonsten Probleme bei den Planungen für Südafrika? 

Überhaupt nicht. Die wussten hier nicht – wie sonst oft – alles besser, sondern sind sehr auf unsere Vorstellungen eingegangen. Natürlich kennen die Hoteliers ihr Land besser, aber sie haben noch nie eine WM erlebt. Deshalb sind wir mit vielen unserer Anmerkungen auf offene Ohren gestoßen.

Sonstige Schwierigkeiten, die Sie so nicht erwartet haben? 

Schwierigkeiten? Sowas hatten wir bei den Olympischen Spielen in Peking, aber nicht in Südafrika. Was den Ablauf anbetrifft, da würde ich diese WM in eine Reihe mit meinen Lieblingsevents stellen: die Olympischen Spiele in Sydney, die Europameisterschaft in England und die WM in den USA. Alles Sportveranstaltungen in westlichen Länder, wo ein anständiges Geschäftsgebaren vorgeherrscht hat.



Welche Problem gab es in Peking? 

Wir hatten dort beispielsweise drei Jahre im Voraus ein fünf Fünf-Sterne-Hotel in Peking unter Vertrag genommen. Drei Monate vor Beginn aber teilte mir das Hotel in einer Mail mit, sie hätten die Zimmer nun weiter verkauft.

Einfach so? 

Ja, weil jemand mehr geboten hätte. Dabei waren schon 50 Prozent der Zimmer von uns bezahlt worden.

Wie haben Sie reagiert? 

Uns waren die Hände gebunden. Das Hotel sagte, wir könnten es gerne verklagen, sollten uns aber darauf einstellen, dass es angesichts der chinesischen Gerichte etwas dauern könnte. Unser bester Mann Frank Jungemann ist dann hingeflogen und hat wenigstens noch die Zimmer losgeeist, die wir schon bezahlt hatten.

Sie stecken schon in den Planungen für die EM in Polen und der Ukraine. Wie läuft es dort? 

In Polen recht gut. Dort bekommen wir Zimmer zu erschwinglichen Preisen, und man geht auch auf unsere Wünsche ein. In der Ukraine ist das ganz anders. Ich bete nur, dass Deutschland dort nicht spielen muss.

Warum? 

Die haben dort diese russische Mentalität, da gibt es sehr reiche Leute. Da werden mitunter Preise aufgerufen, da vergeht einem Hören und Sehen. Frank hatte Kontakt mit einem Hotel, das 990 Euro pro Nacht pro Zimmer verlangte – für uns als Veranstalter. Unser Gegenangebot lautete 200 Euro pro Nacht, was ich für angemessen hielt, sonst zahlen wir maximal 130 Euro für so ein Hotel. Da kam nur die lapidare Antwort: Kein Interesse, die Zimmer seien inzwischen anderweitig verkauft.

Ist das realistisch oder wird da gepokert? 

Es ist tatsächlich so, dass es in Kiew kaum Übernachtungsmöglichkeiten gibt. Jetzt überlegen wir, ob wir die Leute in Warschau unterbringen und zu den Spielen in die Ukraine einfliegen. Aber eigentlich könnten wir sie dann gleich von Berlin dahin fliegen.

Sie sind erstmals seit 1998 wieder offizieller FIFA-Partner. Wie lief die Zusammenarbeit mit dem Fußballweltverband?

Ganz gut, insbesondere weil uns die Fifa, als es bei den WMs in Japan/Korea und in Deutschland keine offiziellen Reiseveranstalter gab, regelrecht bekämpft hat.

Inwiefern? 

Bei der WM in Deutschland haben die unser Unternehmen bei Hotels auf die schwarze Liste setzen lassen. Uns sollten keine Zimmer verkauft werden. Das lag wohl daran, dass wir 2006 bei der WM fast 60 000 Kunden aus dem Ausland nach Deutschland gebracht haben. Eine Größenordnung, die selbst der Fifa, die mit dem Unternehmen »Match« auch selbst eine Art Reisebüro besitzt, einfach weh tut.

Warum ruhte Ihre Partnerschaft mit der FIFA nach 1998? 

Weil im Zusammenhang mit dem Kartenskandal bei der WM in Frankreich  äußerst fragwürdige Dinge abgelaufen waren. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Wolfgang Vieten, Ihr Fazit zur WM in Südafrika? 

Es tut mir sehr für die vielen engagierten Hoteliers leid, die ihre Häuser nach europäischen Gesichtspunkten modernisiert haben, letztlich keine Gäste hatten und nun auf den Kosten hängen geblieben sind. Ich hoffe deshalb, dass die WM Südafrika zumindest langfristig als Reiseland attraktiv gemacht hat. Denn nun sollte auch in Deutschland jeder kapiert haben, dass ein Tourist nicht – wie immer wieder kolportiert – mit einer 50:50-Überlebenschance hierher reist, sondern dass man hier richtig schön Urlaub machen kann.

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