Reinhold Beckmann im Interview

»Ist das nicht göttlich?«

1992, das Jahr der großen Veränderungen im Fußball. Für die Titelstory der aktuellen Ausgabe von 11FREUNDE sprachen wir auch mit »ran«-Gründervater Reinhold Beckmann. Ein Interview über eingefärbte Jeansjacken, die Frisur von Ulli Potofski und den Heißhunger von Helmut Kohl.

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Reinhold Beckmann, Sie hatten als »ran« vor 20 Jahren an den Start ging »eine Kulturrevolution« angekündigt, worin sollte die bestehen?
Habe ich das wirklich so gesagt? Wenn ich mich recht erinnere war das damals eine Idee der Sat.1-Marketingabteilung, um den Start von »ran« ein bisschen zu befeuern. Aber zugegeben: Wir waren völlig unbekümmert und der Meinung, dass es an der Zeit war, die Fußballberichterstattung im Fernsehen komplett zu verändern. Die »Sportschau« wirkte auf uns starr und traditionell, in anderen europäischen Ländern war man zu dem Zeitpunkt schon viel weiter. Außerdem fand ich die ganze Präsentation zu sehr auf ein männliches Rollenbild fixiert. Es waren ja auch fast nur Männer im Stadion, nur wenige junge Leute guckten Fußball in der »Sportschau«. Dass Frauen sich für Fußball interessieren könnten, davon wurde damals gar nicht gesprochen. Also haben wir gedacht, da sollten wir mal ein bisschen provokant rein gehen.

Und dann haben Sie sich bei Ihrer ersten Sendung die berühmte rote Jeansjacke angezogen.
Das war reiner Zufall. Ich kam zur Probe und hatte wie immer meine rote Jeansjacke an. Als ich fragte, was ich abends anziehen soll, meinte die Artdirektorin, ein Sakko sei doch doof und ich solle so bleiben. Das hat mir gefallen.

Das große Konzept und den Bruch mit den Traditionen reininterpretieren zu wollen, ist also falsch?
Die Klamotten waren jedenfalls nicht der große Bruch mit der Tradition!

Aber hätte damals ein anderer Sportmoderator so eine Jacke angezogen?
Nein, das entsprach einfach der Freiheit, die wir uns damals erlaubt haben. Die »ran«-Redaktion war, was Inhalt und Ästhetik betrifft, eine autonome Zelle innerhalb des Senders, der selbst in Berlin saß, während wir in Hamburg waren. Wichtig bei der ersten Sendung war übrigens auch der Generationenkonflikt mit Udo Lattek. Ich bin ihm bis heute dankbar, dass er in diesem schlimmen Trainingsanzug auftrat, von oben bis unten voll mit Sponsorenaufnähern. Dazu die blaue Mütze von »Müllermilch«, er sah aus wie eine laufende Litfaßsäule.

Sie haben den damals erfolgreichsten deutsche Trainer darauf angesprochen, und er war ziemlich empört.
Das stimmt, aber wir haben uns Jahre später wieder getroffen und dann meinte er, eigentlich sei er farbenblind und habe gar nicht gewusst, was er da für einen schlimmen Trainingsanzug getragen hatte.

War das provokante Interview mit Lattek Teil eines Plans, um ein anderes Publikum anzusprechen?
Nein, das ergab sich einfach aus dem Moment. Aber wir wollten schon gezielt junge Leute anlocken. Die Redaktion war im Schnitt Mitte 30, und wir wollten was Neues wagen.

Thomas Kistner schrieb über die erste Sendung in der »Süddeutschen Zeitung«, das seien »in Reklameprogramme eingeschnürte Bundesligafußballstrips«. Und meinte, das konzentrierte deutsche Zuschauerverhalten würde nicht zu dem passen, wie sie Fußball aufbereitet haben.
Ist es nicht göttlich, dass daraus damals eine richtige Kulturdebatte entstand? Es gab zunächst viel Kritik. Vor allem von der anderen Seite, die bis dahin alles beherrscht hatte und an dem gewohnten Bild von Fußball festhalten wollte. Hier spürten wir eine Menge Gegenwind. Den auszuhalten und trotzdem diese spielerische Lust nicht zu verlieren, war schon eine Herausforderung.

Wo drückte sich die spielerische Lust aus?
Ich kam aus einer anderen Ecke und war eher Filmemacher als Moderator. Für mich konnten die drei oder vier Kameras, die immer an der gleichen Stelle im Stadion standen, nicht die letzte Form der Präsentation von Fußball sein. Ich hatte etwa bei der Leichtathletik faszinierende Bilder durch einen neuen Kamera-Typ gesehen. Die haben den Begriff Superzeitlupe dafür selber gar nicht verwendet, den haben wir später erfunden. Ich fand dann die Firma in Berlin, die diese eine Superzeitlupenkamera in Deutschland besaß und eigentlich schon einstampfen wollte, weil sie niemand benutzte. Wir waren in die ersten Bilder so verliebt, dass wir daraus gleich eine Montage mit Musik gemacht haben. Das war ein erster Schritt bei »Premiere«, wo ich vor »ran« gearbeitet habe, Fußball neu zu präsentieren.

Haben Sie sich auch durch die Aufbereitung von Fußball in anderen Ländern beeinflussen lassen?
Viel kam durch den englischen Fußball, den ich lange in der »Sportschau« kommentiert habe. Da holten wir uns das Signal von ITV und ich sah eine völlig neue Art der Fußballregie. Ungewöhnliche Kamerapositionen und endlich mal mutige Großaufnahmen der Zweikämpfe. »Premiere« war wiederum mit »Canal plus« in Frankreich verbunden, wo ich ein paar Mal hingefahren bin, um zu lernen. Wir saßen dort mit den Regisseuren zusammen und haben uns im Detail erklären lassen, wie man was macht. So haben wir in den eineinhalb Jahren bei »Premiere« viel experimentiert und immer wieder überlegt, wie wir die Perspektive verändern wollen. Und wir waren die ersten, die gezielt Statistiken eingesetzt haben. Ein Österreicher namens Robert Hehenwarther hat mich dafür begeistert, ein Fußballspiel statistisch auszuwerten.

War er Trainer oder Sportwissenschaftler?

Ein Statistiker, der Informatik und Zoologie studiert hatte und mich wirklich überzeugte. Wir haben angefangen mit einem Begriff wie »Nettospielzeit«. Also wie lange läuft der Ball wirklich? Das war einer der ersten Aspekte, die wir auswerteten.

Das hat sich irgendwann gegen »ran« gewendet: dass man mit nutzlosen Statistiken belästigt wird.
Komisch, das würde heute keiner mehr kritisieren. Wir waren halt fasziniert von unserem neuen Blickwinkel und spielten natürlich mit dem statistischen Material. Und dabei schossen wir mit unseren Ideen auch schon mal ein wenig übers Ziel hinaus. 1996 durften wir das UEFA-Cup-Finale zwischen Bordeaux und Bayern München übertragen. Damals kam Franz Beckenbauer, der die Bayern trainierte, und fragte, ob er mal unsere Zahlen kriegen könnte. Wir sagten ihm: »Franz, da spielt hinten links einer, der ist ziemlich gut.« Das war Bixente Lizarazu. Wir gaben ihm dann die Zahlen, er fand unser statistisches Material sehr interessant und stellte Scholl statt auf die rechte auf die linke Seite. Der spielte dort sensationell, und Bayern gewann den UEFA- Pokal. Das war unser der Ritterschlag. Der Kaiser bediente sich unserer Statistikzahlen! Von da an kamen immer häufiger die Trainer auf uns zu und wollten einen Blick auf die Auswertungen werfen.

Hatte es die Fieldinterviews direkt nach Spielschluss vor »ran« auch schon gegeben?
Ich glaube nicht. Auf alle Fälle gab es nicht diese Sponsorenreiter, die heute in diesen Alibiinterviews von 30 oder 40 Sekunden aufgestellt werden - furchtbar! Und inzwischen sind die Spieler so geschult, in diesen paar Sekunden kaum unterscheidbare Belanglosigkeiten von sich zu geben. Wir trafen damals in den Kabinengängen auf die Spieler, das hatte noch eine andere Offenheit. Man konnte die Fußballer, übertrieben gesagt, vor der Dusche interviewen. Diese unmittelbaren, starken Emotionen, wie sie beispielweise Lothar Matthäus in seinem legendären Aufreger zeigte, werden ja heute in zwei Standardsätzen weggewischt!

Aber ist das nicht eine Folge Ihrer damaligen Arbeit?
Keine falschen Legendenbildung! Das hat eher mit der Professionalisierung auf Verbandsseite etwas zu tun. Von hier wurde die Freiheit eingeschränkt, die deutsche TV- und Print-Journalisten ein paar Jahre für sich nutzen konnten. Im englischen Fußball gab es das ohnehin nicht, im französischen erst recht nicht. Wir waren neu am Start, da hat zunächst keiner so genau hingeschaut. Also haben wir es einfach gewagt. Außerdem waren wir jung, damit irgendwie anders und den Spielern hat es auch gefallen.

Welche Rolle spielte als Vorbild »Anpfiff«, die Bundesligasendung von RTL zwischen 1988 und 1992?
Ich glaube, dass »Anpfiff« in der Fußballentwicklung nichts bewirkt hat. Eine Sendung, die eher auf lustig gemacht daher kam, aber in inhaltlicher und journalistischer, wie auch fernsehtechnischer Hinsicht keinen erkennbaren Fortschritt bedeutete.

Es war vor allem sehr lang.
Die haben unglaublich viel Kaugummi produziert. In Erinnerung bleibt die gute Frisur von Ulli Potofski und seine lustige, beinahe gemütliche Art zu moderieren. Das waren immerhin Veränderungen gegenüber der statischen Haltung, die ein Heribert Faßbender immer verkörpert. Faßbender hatte einfach kein sonderlich ausgeprägtes Interesse für das Handwerk Fernsehen.



Wie sehr litt »ran« darunter, dass die »Sportschau« am Samstag im dritten Programm ab 19.20 Uhr noch Highlights sendete?
Spätestens ab dem dritten Jahr war das gar keine Frage mehr, da gingen die Quoten so nach oben, dass wir uns wie in einem kleinen Rausch fühlten. Von Woche zu Woche konnten wir den Zuspruch wachsen sehen. Vor allem als die Abteilung Marktforschung unseres Senders meinte »Hey, es fangen junge Leute an, unsere Sendung zu schauen!«

War das Teil der Strategie von SAT1?
Ja, SAT.1 sollte als moderne, jugendliche Version des ZDF positioniert werden, ohne die älteren Zuschauer zu ignorieren. Aber der Sender war zu diesem Zeitpunkt nur in 60 Prozent der Haushalte zu empfangen. Mit dem Fußball ging die Reichweite dann enorm nach oben.

Neu war es auch, Studiopublikum in einer aktuellen Sportsendung zu haben.
Das hatten wir zunächst nur sonntags, weil »ranissimo« unterhaltender angelegt war. Es machte riesigen Spaß, Rod Stewart oder Rowan Atkinson einzuladen. Zwar zeigten wir nur ein Spiel und ein bisschen italienischen Fußball, aber hey, sogar Mr. Bean war da!

Hätten Sie heute in der »Sportschau« gerne wieder Publikum?
Nein, ich denke, das entspricht nicht dem, was die Zuschauer heute von unserer Sendung erwarten.

Und Studiopublikum, das waren die neunziger Jahre?
Ja, und es war uns auch klar, dass das irgendwann wieder weg musste. Aber zu diesem Zeitpunkt trafen wir damit genau die Vorstellungen des Publikums. Wenn ich heute das »Aktuelle Sportstudio« sehe wird getrampelt und gejohlt, dass man mitunter die Moderation nicht versteht. Ich weiß nicht, ob die Zuschauer das unbedingt sehen wollen.

Mit »ran« wurden auch die Fußballkommentatoren von Sachwaltern des Sports zu Stars. War das geplant?
Das hat sich natürlich personalisiert. Nehmen wir mal Werner Hansch, der plötzlich rief: »Ein geiles Tor!« Das fand auch nicht jeder »geil«, darüber wurde gestritten, manche sahen darin gar einen kleinen Kulturbruch. Er hat zunächst sehr darunter gelitten, zumindest ein paar Wochen. Aber dass er es geschafft hat, damit ganz normal in den Sprachgebrauch der Menschen einzugehen, ist sein Verdienst. Der große Verdienst von Jörg Dahlmann war es, das Jahrhunderttor von Jay-Jay Okocha auch als solches zu erkennen. Jörg Dahlmann konnte in diesen sieben bis zwölf Minuten Nachberichterstattung emotionale Momente kreieren wie kaum ein anderer. Allerdings war er danach selbst so bewegt von sich, dass er meinte, an jedem Spieltag ein Okocha-Tor finden zu müssen.

Der Personalisierung der Reporter entsprach auch die der Spieler, war sie gewollt?
Das war absolut gewollt. Wir haben uns da vorher hingesetzt und mit den Kommentatoren überlegt, wo möglicherweise die Pointierung dieses Spiels liegt. Welchen Gegenspieler hat zum Beispiel Sammer oder Scholl, was ergibt sich daraus?

Sie haben das Spiel gewissermaßen inszeniert?
Nein, das Spiel lässt sich nicht inszenieren, wir haben es nur anders beobachtet. Die Personalisierung kam auch dadurch, dass Deutschland Fußballweltmeister war. Das darf man nicht vergessen. Wir hatten echte Helden. Matthäus spielte in Italien, hochanerkannt. Auch Klinsmann und Brehme.

Und Helmut Kohl war Kanzler, großer Förderer des Privatfernsehens und Freund von SAT1-Besitzer Leo Kirch. Durfte er deshalb in der ersten Sendung vom Wolfgangsee aus orakeln, wer Deutscher Meister wird?
Ach, das fand ich noch gar nicht so schlimm!

Sondern?
Wir wurden im Wahlkampf 1994 von unseren Gesellschaftern im Sender unmissverständlich darüber informiert, dass Kohl gerne zu uns in die Sendung kommen würde. Ich fand, das könnten wir so nicht machen und habe dann den SPD-Kanzlerkandidaten Scharping angerufen, damit es politisch wieder ausgeglichen war. Scharping kam auch, aber die Kohl-Sendung bleibt unvergessen. Ich sehe ihn noch vor mir sitzen. Wir versuchten ihm Fußballfragen zu stellen, die ihn nicht interessierten. Im Werbeblock stieß er mich dann an und sagte: »Ich habe Hunger!«  Er wollte wissen, wo die nächste Pizzeria sei, und so sind dann wir nach der Sendung in Hamburg-Tonndorf mit ihm und der Redaktion in eine ganz einfache Pizzeria gegangen. Was soll ich sagen: es wurden wahnsinnig viele Pizzen weg gehauen! Eine völlig absurde Situation.

Auf was bei »ran« sind Sie auch nach 20 Jahren noch richtig stolz?
Dass wir uns in diesem Team die Freiheit erarbeitet haben, eine Sportsendung so zu machen, wie wir es uns vorstellten. Und dass wir eine Redaktionskultur hatten, in der wir diskutierten, bis wir nicht mehr konnten. Wir saßen manchmal stundenlang zusammen und versuchten, neue Ideen zu entwickeln. Bewundernswert war die Bereitschaft von allen, über jeden Eckball hinaus zu denken. In einer solchen Redaktion zu arbeiten, machte große Freude. Auch wenn wir manchmal wirklich zu viel diskutierten. Ich erinnere mich an Montagnachmittage, die gar nicht mehr aufhören wollten! Fast wie zu Studentenzeiten in der Wohngemeinschaft als es um den Nato- Doppelbeschluss ging und nicht um die Einfrührung der Viererkette.

Und welche Bänder gehören besser gelöscht?
Ach, eigentlich kein einziges. Natürlich waren wir mitunter durch den großen Erfolg und unsere neuen Ideen etwas zu euphorisch. Im dritten oder vierten Jahr kam der Moderator plötzlich eine Treppe herunter gestiefelt. Sofort schrieb die Kritik etwas irritiert von einer »Showtreppe«, und das völlig zu Recht! Wir merkten: das war ein Tick zu viel und haben es sofort wieder geändert.

Wohin wird es mit dem Fernsehfußball in Zukunft weitergehen?
Was das Fotografieren eines Spiels betrifft, ist alles ziemlich ausgereizt. Kritisch sehe ich die Überregulierung der Flächen, wo man sich im Stadion heute als Journalist noch bewegen darf. Alles ist kontrolliert, niemand begegnet mehr einem Fußballer persönlich. Ein Interviewgast bleibt gerade mal zwei Minuten und danach muss er weiter, rüber zu den anderen Kollegen. Und was ich nicht mehr ganz ernst nehme, sind diese Interviews vor den Werbereitern. Die DFL arbeitet da nach amerikanischem Vorbild. Insgesamt hat sich alles sehr verengt. Früher traf man sich mal mit Spielern, hat offen geredet um ein paar Hintergrundinformationen zu bekommen. Heute ist die politische Berichterstattung aus Berlin leichter, als die im Fußball. Mit einem Politiker kann man sich im Café Einstein mal zu einem Hintergrundgespräch verabreden. Mit Bundesligaspielern ist das deutlich schwieriger.

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