Reinaldo Coddou H. über Maradona und Argentinien

»Das Herz auf der Zunge«

Kaum jemand kennt die Stadien, in denen Diego Maradona seine ersten Spiele machte, besser als 11FREUNDE-Mitbegründer Reinaldo Coddou H. Wir sprachen mit ihm über die Verehrung Maradonas und seinen neuen Bildband. Reinaldo Coddou H. über Maradona und ArgentinienReinaldo Coddou H.

Reinaldo, was ist für Argentinier das Besondere an Diego Maradona?

Er trägt das Herz auf der Zunge und spricht die Dinge so aus, wie er sie denkt. Das macht ihn so beliebt. Ob er mit dem was er sagt, recht hat, sei dahin gestellt.

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Was ist mit seiner Spielweise?

Die Argentinier lieben seine Schlitzohrigkeit, seine Dribblings und das schön anzuschauende Spiel. Zusätzlich hat er gegen den Erzfeind England das Jahrhunderttor geschossen und mit Hilfe der Hand Gottes den Sieg errungen. Dadurch macht man sich hier unantastbar.

Wo wäre der argentinische Fußball ohne Maradona?

Seine größten Erfolge hat Maradona, wie eigentlich jeder argentinische Star, im Ausland gefeiert, doch mit dem Weltmeistertitel 1986 hat er den Argentiniern großes Selbstbewusstsein gegeben. Fußball war schon immer von großer nationaler Bedeutung. Das hat sich durch Maradona natürlich nochmal verstärkt. Die Argentinier brauchen eben etwas, damit sie wissen: »Es gibt etwas, worin wir die Besten sind«.

Wie kommt es, dass die Fans ihrem »D10s« fast alle Eskapaden verzeihen?

Nicht alle haben ihm verziehen. Gerade die Fußballfans, die etwas rationaler über Fußball denken, unterscheiden klar zwischen dem Fußballer, der Privatperson und dem Nationaltrainer Maradona. Als Privatmann und Nationaltrainer ist er einfach eine Null. Als Fußballer ist und bleibt Maradona jedoch ein genialer Spieler.

Das Scheitern als Nationaltrainer war für sein Ansehen nicht förderlich.

Die Ungepflogenheiten, die er sich als Trainer geleistet hat, bleiben nicht ohne Folgen. Viele Argentinier sind wirklich froh, dass er die Nationalmannschaft nicht mehr trainiert, weil sie erkannt haben, dass er kein guter Trainer ist. Ich nenne es mal das Matthäus-Syndrom, nur dass Diego Maradona als Trainer noch weniger vorweisen kann. Matthäus erwähnt immer, dass er schließlich Partizan Belgrad in die Champions League geführt hätte. So etwas hat Maradona nicht. Er hat sich nur Rekordniederlagen eingehandelt.

Du lebst und arbeitest in Berlin und Buenos Aires. Kann man die Stimmung in den Stadien Argentiniens mit einem Wort beschreiben?

Fanatisch.

Und in Deutschland?

Organisierte Stimmung. Aber ohne dies negativ werten zu wollen. Natürlich gibt es in Argentinien auch Vorsänger, die mit Trommeln oder Trompeten den Ton angeben. Viele denken, dass dort die ganze Zeit durchgesungen wird, und dass das aus der Kurve heraus entsteht. Das ist aber selten der Fall.  

Gibt es weitere Unterschiede?

Die Lieder sind bedeutend länger und mit richtigen Texten. Bei den Boca Juniors ist es zum Beispiel so, dass sie eine Halbzeit nur mit drei oder vier Liedern, die teilweise acht Minuten lang sind, begleiten. Ich würde es als eine Art Mantra bezeichnen. Selbst wenn die Mannschaft eine Chance verpasst, wird der Gesang nicht verändert oder abgebrochen, sondern es singt plötzlich das ganze Stadion mit. So etwas kannte ich aus Europa bisher noch nicht. Ein total überwältigendes Erlebnis.

Für Dein neues Buch »Buenos Aires - Die Welthauptstadt des Fußballs« hast Du die großen Clubs wie Boca Juniors oder River Plate aber auch kleine Vorstadt-Clubs wie Victoriano Arenas besucht. Was macht den Reiz der kleinen Clubs aus?  

Im Gegensatz zu Deutschland sind die Clubs in der dritten argentinischen Liga wirklich sehr klein, mit wenigen Zuschauern und maroden Stadien. Selbst in der zweiten Liga ziehen nur ganz wenige Clubs mehr als 5000 Zuschauer an. Das hat seinen ganz eigenen Charme, den man gar nicht so beschreiben kann. Die kleinen Clubs sind in ihrem Viertel noch stärker verwurzelt und dadurch familiärer.

Aber gefährlich sind sie allemal, oder?

Ja, selbst da ist die Gewaltbereitschaft noch sehr hoch. In den kleinen Stadien gibt es natürlich wenige Sicherheitsvorkehrungen, so dass es dort auch zu richtig krassen Ausschreitungen kommt.


Bist Du mal in eine Situation geraten, wo Du gemerkt hast, dass es gefährlich wird?  

Meistens bin ich als akkreditierter Fotograf im Innenraum. Da bekommt man das schon mit, aber befindet sich in sicherer Entfernung. Ich erinnere mich an ein Spiel, wo ich hinter dem Tor saß, worauf gerade ein Elfmeter geschossen wurde. Der Schütze traf, drehte ab und jubelte. Ich bin aufgestanden, um besser fotografieren zu können und plötzlich habe ich gemerkt, wie die Fans mich von hinten beschimpfen. Das Tor war für die Gäste gefallen und die Heim-Fans haben mich angebrüllt und sich beschwert, dass ich das Tor der Gäste bejubelt hätte. Ich war aber nur aufgestanden.  

Was passierte dann?

Ich wollte mich den Fans erklären, bin an den Zaun gegangen und wollte mit ihnen sprechen. Vergeblich. Plötzlich hingen zwanzig Fans am Zaun, haben mich bespuckt und drohten mir, dass sie nach dem Spiel auf mich warten. Ein Freund hat mir geraten so schnell wie möglich abzuhauen. Ich habe dann meine Sachen gepackt und bin in der Halbzeit gefahren.

Beängstigend. Was war Dein schönster Moment in Argentinien?

Wahrscheinlich als ich im Januar 2009 zum ersten Mal mit einem Freund zu einem sehr kleinen Club namens »Huracán« gegangen bin. Er hat mir die Geschichte des Vereins erzählt: Typische Fahrstuhlmannschaft, spielt immer gegen den Abstieg und die größten Erfolge sind Unentschieden gegen Boca. Da wusste ich schon, das ist genau mein Club.

Ähnlich wie bei Deinem deutschen Lieblingsverein Arminia Bielefeld.  

Ja, und während meiner ersten Saison in Argentinien spielte plötzlich »mein« Verein Huracán um die Meisterschaft; und das noch mit schönem attraktiven Fußball. Ich konnte zum ersten und wahrscheinlich zum letzten Mal in meinem Leben mit meiner Mannschaft Meister werden. Leider hat der Schiedsrichter am letzten Spieltag der Saison uns die Meisterschaft verpfiffen. Doch diese steigende Begeisterung für den Verein ist die schönste Erinnerung an Argentinien.  

Was ist Dein Lieblingsbild in Deinem aktuellen Buch?  

Das Bild von River-Plate-Fans. (das Aufmacher-Foto dieses Artikels, d. Red.) Ein richtiges Suchbild. Man sieht nur glückliche singende Menschen, die die Arme in die Luft werfen. Es zeigt genau das, was einen argentinischen Stadionbesuch ausmacht: Diese schönen ekstatischen Gesänge.

Wie hat sich die Atmosphäre in den argentinischen Stadien über die Jahre verändert?

Die Eintrittspreise steigen stetig. Mittlerweile kostet eine Karte etwa acht Euro, was in Argentinien wirklich viel Geld ist. Viele Leute können es sich nicht mehr leisten in ein Stadion zu gehen. Außerdem werden aus Sicherheitsgründen immer weniger Karten für Gästefans zur Verfügung gestellt. Es gibt auch keinen Kartenvorverkauf. Das heißt, dass die Karten an Kassenhäuschen verkauft werden und dort kannst du nicht sagen »Es gibt nur 4000 Karten für die Gästefans«. Das würde sofort in einer Schießerei enden. Die Folge ist, dass die Mannschaften einfach keine Gästefans mitbringen und die Stadien leerer werden.

Letzte Frage: Wo steht Dein Lieblingsstadion?


  Ganz klar in Huracán. Das ist ein wunderschönes Stadion von 1948. Von innen ist es weiß gestrichen und mit roten Buchstaben ist der Name auf die Tribünen geschrieben. Eine klassische antike Arenaform. Nicht so eckig wie britische Stadien. Wunderschön.   


Der neue Bilderband von Reinaldo Coddou H. »Buenos Aires – Die Welthauptstadt des Fußballs« ist ab sofort zu haben. Gibt es ein schöneres Weihnachtsgeschenk?

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