Referee Jonas Eriksson im Interview

»Ein Augenaufschlag sagt mehr als tausend Worte«

Das Headset soll Schiedsrichtern Entscheidungen erleichtern, es hat aber auch seine Tücken. Der schwedische Euro-Referee Jonas Eriksson, 38, über Verständigungsprobleme und seine schauspielerischen Qualitäten

Jonas Eriksson, Sie sind einer der zwölf offiziellen Euro-Referees. Wir wollen mit Ihnen über Ihre alltäglichen Probleme auf dem Platz reden. Kennen Sie die Dokumentation »Les Arbitres«, die das Leben der Schiedsrichter bei der EM 2008 nachzeichnet? Darin bekommt der Schweizer Unparteiische Massimo Busacca beim Match Schweden gegen Griechenland einen Wutanfall, weil ihm der vierte Offizielle via Headset mitteilt, dass es im Zentrum des Spielortes Salzburg stürmt.
Ich weiß! Ich habe den Film mehrmals gesehen. Busacca schreit wutschnaubend in sein Mikro: »Shut up, it’s not my problem!« Sehr witzig. Ich hätte mich wohl ein bisschen zurückhaltender ausgedrückt.

Wie denn?
Vielleicht hätte ich gefragt: »Bist du seit Neuestem Metereologe?«

Welche Infos will ein Referee sonst noch unter keinen Umständen während des Spiels bekommen?
Ob ich bei einer Entscheidung richtig lag. Schließlich kann ich nichts mehr ändern. Manchmal sagen mir Assistenten, dass die Wiederholung auf der Anzeigetafel bestätigt hat, dass ich richtig lag. Auch das will ich eigentlich erst wissen, wenn das Spiel vorbei ist.

Wie halten Sie es mit Kenntnissen zu den Spielern?
Ich möchte auf keinen Fall wissen, wer in Gefahr schwebt, sich eine Gelbsperre abzuholen. Das will ich erst erfahren, wenn es aktuell wird. Im Februar 2012 gab ich im Spiel Zenit St. Petersburg gegen Benfica Lissabon Pablo Aimar eine glasklare Gelbe Karte und er reagierte vollkommen über. Zunächst verstand ich den Aufstand nicht, dann erklärte mir mein Assistent über Funk, dass Aimar nun im nächsten Spiel gesperrt sei. Solche Infos sind wichtig. Ich will auch wissen, dass ich bereits sechs direkte Freistöße für die Heimelf gepfiffen habe. Nicht, weil es mich hindern würde, auch den siebten zu pfeifen. Aber es erklärt mir, warum die Auswärtsmannschaft so angefressen ist.

Während der Europameisterschaft treten Sie mit einem Team an, das komplett aus schwedischen Referees besteht. Ein Vorteil?
Wir in Schweden rufen: »Pfeif!« Das ist klar und unmissverständlich. Eine Silbe. Einmal hatte ich einen vierten Offiziellen aus Holland, der schrie: »Free kick!« Das ist kein gutes Wort, weil es im Eifer des Gefechts schwer ist, mehrsilbige Wörter zu verstehen. »Foul« wäre eine bessere Alternative gewesen. Besonders fies ist es mit Dialekten.

Warum?
Ich habe mal in Litauen ein Match mit zwei schwedischen Kollegen aus Schonen gepfiffen. Einer an der Linie, der andere war der vierte Offizielle. Der Ball rollte an der Seitenlinie entlang, und eine Stimme sagte irgendwas, das sich anhörte wie »… war draußen«. Ich konnte nicht ausmachen, wessen Stimme es war, und hatte den Ball auch nicht im Aus gesehen. Aber der Linienrichter stand besser, und ich nahm an, er habe gesprochen, und so entschied ich auf Einwurf. »Nein, nein, der war nicht draußen«, sagte er daraufhin. Er war es gar nicht gewesen, sondern mein Assistent hatte mit mir geredet und dabei wohl gesagt, dass einer draußen warte, also gemeint: »Nächster Wechsel!« Ich schnauzte den Linienrichter an: »Nun zeig Einwurf an, verdammt!« Die Spieler begriffen nichts, und ich tat, als ob alles seine Richtigkeit habe.

Bei der EM treffen 16 unterschiedliche Nationalitäten aufeinander. Sie sprechen angeblich sechs Sprachen.
Das ist leicht übertrieben. Ich kann ein wenig Spanisch, etwas Deutsch, ein paar Brocken Italienisch: »Danke, hallo, gut, stop, neun Meter …« Simple Fußballsprache. Man muss als Schiedsrichter nicht besonders sprachbegabt sein. Die meisten EM-Spieler spielen ohnehin im Ausland und können mehrere Sprachen.

Probleme, sich verständlich zu machen, kennen Sie also nicht?
Mit Körpersprache und Mimik kommt man sehr weit. Wenn ein Spieler über die Stränge schlägt, zeige ich ihm mit einem Augenaufschlag, dass ich wütend bin. Natürlich bin ich nicht wirklich wütend, aber ich habe da mein schauspielerisches Repertoire. Gesichtsausdrücke sind universell – ich kann schwedisch sprechen und mit meinem Körper deutlich machen, was ich sage.

Und wenn ein Spieler doch mal auf dem Schlauch steht?
Wenn ich eine komplexere Botschaft habe als »Hör auf damit!«, lasse ich den Kapitän oder den Trainer, der Englisch spricht, antreten. Dann sage ich: »Nur damit du Bescheid weißt: Deine Nummer zwei agiert zu aggressiv. Wundere dich nicht, wenn der bald rausfliegt.« Es ist wichtig, den Spielern eine Chance zu geben, sich zu bessern. Wenn ich ihnen Respekt entgegenbringe, respektieren sie auch mich.

Kollegen sagen, Sie hätten für einen Schiedsrichter eine außergewöhnliche soziale Kompetenz.
Man muss sich auf dem Platz treu bleiben. Vor zehn Jahren pfiff ich ein Spiel zwischen einer lettischen und einer russischen Mannschaft. Niemand sprach Englisch, aber ich machte mich mit Händen und Füßen verständlich. Genauso kommuniziere ich heute mit den Spielern von Milan oder Barca in der Champions League.

Sie sind einer der wenigen Schiedsrichter, die mit den Profis ab und an noch einen Gag machen.
Da kommt das Soziale wieder ins Spiel. Wenn ich weiß, wie ein Spieler drauf ist, kann ich bei einem Konter schon mal sagen: »Streng dich an, ich nehm den ersten Pfosten.« Oder wenn einer total am Ende ist und mich fragt, wie lange noch nachgespielt wird, sage ich gerne mal: »Nur zehn Minuten!«

So ein Scherz kann aber auch danebengehen.
Ich versuche immer, auf der sicheren Seite zu bleiben. Wenn einer einen Elfer versiebt, ist sicher nicht der Zeitpunkt für Witze. Und wenn mich einer verwundert anguckt, dreh ich mich einfach um und laufe weg.

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