Rechtsextremismus-Expertin Claudia Luzar über Dortmunds Nazi-Problematik

»Die Ultras sind mitverantwortlich«

Nach den Übergriffen auf zwei Fanbetreuer von Borussia Dortmund durch Rechtsextreme in Donezk, muss sich der BVB erneut die Frage gefallen lassen, wie er die Nazi-Problematik in der eigenen Fanszene in den Griff bekommen will.

Claudia Luzar, Politikwissenschaftlerin der Universität Bielefeld, forscht seit Jahren zum Thema Rechtsextremismus und dem Umgang mit Opfern rechter Gewalt. In diesem Zusammenhang hat sie außerdem die wissenschaftliche Betreuung von »Back Up« inne, der ersten professionellen Beratungsstelle für Opfer rechtsextremer Gewalt in Westdeutschland mit Sitz in Dortmund.

Claudia Luzar, am vergangenen Mittwoch wurden mit Thilo Danielsmeyer und Jens Volke zwei Verantwortliche des Dortmunder Fanprojekts beim Champions-League-Auswärtsspiel in Donezk von Dortmunder Rechtsextremen tätlich angegriffen. Der Vorfall wirft erneut die Frage auf, wie groß das Nazi-Problem in Dortmund wirklich ist?
Zunächst: Das östliche Ruhrgebiet gehört zu den wesentlichen Schwerpunkten der rechtsextremen Szene in Westdeutschland – und das seit nunmehr 30 Jahren. Also etwa so lange, wie die rechtsextreme Fangruppierung »Borussenfront« existiert, deren Akteure – allen voran Siegfried Borchardt (»SS-Siggi«, d. Red.) – für viele Rechtsextremisten der nachfolgenden Generationen personelle Anknüpfungspunkte darstellen. Inzwischen ist es die Ultra-Szene, in der einige Neonazis mitmischen. Vor allem so genannte »Autonome Nationalisten«, die viele Gemeinsamkeiten mit den Ultras in Dortmund haben. Zunächst nur organisatorisch und vom Habitus her, aber in Einzelfällen eben auch personell. Kurzum: Dortmund hat seit drei Jahrzehnten ein Problem mit Neonazis – und genauso lange eines mit rechtsextremen Fußballfans.

Wie sehr überschneiden sich die Aktivitäten der rechtsextremen Dortmunder Szene mit denen der BVB-Fanszene?
Die personellen Überschneidungen mit der Fanszene des BVB sind seither kontinuierlich. Die meisten Führungsfiguren der aktuellen rechtsextremen Szene kommen aus dem BVB-Umfeld, und viele junge Leute wurden genau dort rekrutiert: auf der Südtribüne, vor allem aber über Auswärtsfahrten und sonstige Aktivitäten. Das Rekrutieren ist ein Prozess, kein punktuelles Ereignis. Dortmund ist eine Hochburg für Neonazis – und eine der deutschen Fußballgroßstädte. Dass es da zu Überschneidungen kommt, ist völlig logisch, zumal der Verein und die Stadtgesellschaft aufs engste miteinander verwoben sind.

Ist der Übergriff auf die beiden Fanvertreter in Donezk in seiner Intensität ein Einzelfall? 

Nein. Den Verein Borussia Dortmund, und vielfach auch die Polizei, interessiert vor allem, ob es im direkten Umfeld von Fußballspielen zu rechtsextremen Gewalttaten kommt – so wie bei dem Angriff auf die Mitarbeiter des Fanprojekts. Und zwar in einer Weise, die auch für Außenstehende als rechtsextreme Gewalt offensichtlich ist. So wie in diesem Fall, als der Angreifer fortwährend »Dortmund bleibt rechts« rief, während er den Sozialarbeiter, der übrigens von »Back Up« betreut wird, zusammenschlug. Schwieriger wird es aber bei so genannten gewaltsamen »Hausbesuchen« rechter Ultras bei eher links orientierten Anhängern, wie wir es bereits dokumentiert haben. Dortmund ist die Kommune mit den meisten rechtsextremen Straftaten in NRW, wir betreuen hier die meisten Gewaltopfer. Schätzungsweise ein Drittel aller Täter kommt bei diesen Angriffen hier aus dem Fußballmilieu, wenngleich die meisten Angriffen nicht im Umfeld von Fußballspielen stattfinden.

Wie intensiv setzt sich der Verein Borussia Dortmund mit der Nazi-Problematik auseinander?
Zu Beginn der aktuellen Saison gab es beim BVB einen Strategiewechsel – hin zur aktiven Auseinandersetzung, die inzwischen sehr intensiv ist, und an der sich möglicherweise bald auch andere Klubs orientieren werden. So ist jedenfalls mein Eindruck. Die Vereinsführung hat erkannt, dass sie sich mit dem Rechtsextremismus auch im eigenen Umfeld auseinandersetzen muss, schon um die Marke Borussia Dortmund nicht zu beschädigen. Ich stamme selbst aus der Region und weiß, wie stark identitätsstiftend der BVB ist. Aber in den Jahren zuvor hat man das Problem – wider besseren Wissens – totgeschwiegen, und somit dafür gesorgt, dass es weiter anwachsen konnte. Ich arbeite seit 2008 wissenschaftlich in Dortmund und kann auf jeden Fall über diesen Zeitraum sprechen.



Wie bewerten Sie die Aktivitäten der Dortmunder Fanszene in Bezug auf die rechtsextremen Auswüchse?
Mir fehlt immer noch der Ruck: Also die kollektiv zum Ausdruck gebrachte Ablehnung rechtsextremer Einflüsse durch die Anhängerschaft des BVB. Ein Beispiel: Beim ersten Spiel nach der Donezk-Partie, gegen Eintracht Frankfurt, war ich im Stadion und habe dort ein sichtbares Zeichen auf der Südtribüne vermisst. Die Ultras haben in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, dass nun große Verunsicherung herrscht. Was ich sehr schade finde, weil viele von denen aufgeklärte und kreative junge Leute sind, deren Stimme gegen rechts ganz sicher Gehör finden würde. So aber tragen sie Mitverantwortung für das Problem, auch wenn sie das nicht gerne hören werden. Was muss denn noch passieren, damit sie sich endlich eindeutig gegen rechts positionieren? Hier geht es ja nicht um bloße Politik im Stadion, sondern um Menschenrechte und Gewalt. Rechtsextremismus ist ja per se gewalttätig, weil er von der Minderwertigkeit anderer Menschen ausgeht.

Die Mittel der Rechtsextremen sind simpel, aber effektiv: Drohgebärden, Einschüchterung und Gewalt. Wie kann der Verein, wie die Fanszene, wie einzelnen Personen darauf reagieren?
Zunächst einmal darf man all dies nicht verharmlosen, so wie es der Verein all die Jahre getan hat. Vor allem aber braucht es ein Klima im Stadion und im gesamten Fanumfeld, das derlei nicht duldet, und es unmöglich macht, einen Gerald Asamoah mit Affenrufen zu verunglimpfen. Oder dass jemand in der Straßenbahn zum Stadion das »U-Bahn-Lied« anstimmt. Dieses Klima muss geschaffen werden, sonst sieht es bald überall so aus wie den einschlägig bekannten Fußballszenen, wo der Rechtsextremismus als solcher normal ist, also nicht mehr problematisiert werden kann. Beim BVB müssen sie höllisch aufpassen, dass die Stimmung nicht auch in eine solche Richtung kippt. Da nutzt es auch nichts, wohlmeinende Veranstaltungen über Rassismus im Fußball zu machen und dabei gen Osten zu blicken. Jetzt braucht es den Griff an die eigene Nase, auch wenn der schmerzt.

Warum breiten sich Nazis eigentlich ausgerechnet beim Fußball so intensiv aus? Dienen die tonangebenden Ultras mit ihrer antirassistischen Haltung nicht eigentlich als natürlicher Schutzwall?
Rechtsextremismus ist in vielen Teilen Jugendkultur und die wird in Dortmund vom Fußball dominiert. Die Querverbindung ist nur logisch. Der zweite Teil Ihrer Frage impliziert eine These, die ich nicht teile. Ich würde mir wünschen, dass der Antirassismus in Dortmund den Ton angibt, aber bislang ist dieser nur sehr leise zu hören.

Anders gesagt: Was taugt die edelste Einstellung, wenn sie nicht gelebt wird?
Sie spielen ja hier auf die berühmten Selbstreinigungskräfte der Fanszene an, die aber in Dortmund – mit Verlaub – komplett versagt haben. Wenn die Ultras ihre diesbezügliche Haltung nicht ändern, hat auch der Verein keine Chance gegen die Rechtsextremisten auf der Tribüne. Stadionverbote alleine helfen da nicht, schon gar nicht eine Aufstockung der Ordnerzahl.

>>>> Back Up – Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt

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